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Bücherschau

Christine Lavant - Ich bin halt ein Kuriosum

Robert Leiner über die Dichterin Christine Lavant

Thomas Bernhard, nicht gerade bekannt für kollegiale Zuneigung, schätzte die Gedichte jener merkwürdigen Frau, die im ersten Eindruck wirkte wie eine Magd aus einem der Bauerndöfer rundum, als er sie Mitte der fünfziger Jahre im Tonhof in Maria Saal beim Ehepaar Lampersberg kennenlernte. Vierzehn Jahre nach ihrem Tod, zwei Jahre vor seinem Tod gab er in der Bibliothek Suhrkamp, der Reihe mit AutorInnen der Klassischen Moderne, eine persönliche knappe Auswahl ihrer Gedichte heraus. Ebenfalls knapp sein Nachwort, in zwei Sätzen: „Dieses Buch dokumentiert die Chronologie der Christine Lavant, die bis zu ihrem Tod weder Ruhe noch Frieden gefunden hat und die in ihrer Existenz durch sich selbst gepeinigt und in ihrem christlich-katholischen Glauben zerstört und verraten war; es ist das elementare Zeugnis eines von allen guten Geistern missbrauchten Menschen als große Dichtung, die in der Welt noch nicht so, wie sie es verdient, bekannt ist. Diese Auswahl folgt nur meinem Verstand, keinem andern.“
Und in einem Brief charakterisierte er sie so: „Die Lavant war eine völlig ungeistige, sehr gescheite, durchtriebene. Sie wohnte auf der Betondecke eines Supermarktes an einer Straßenkreuzung in Wolfsberg und tippte ihre Gedichte gleich in die Maschine. Das ist für mich großartiger als das verlogene Weltfremdmärchen mit katholischer Talschlussromantik, das gottbefohlene, das um sie bis heute immer verbreitet worden ist.“

Seit wenigen Jahren gibt es nun auch eine wunderschöne Werkausgabe in vier Bänden im Wallstein Verlag. Ihre Lyrik erschien im Otto Müller Verlag, während die Erzählungen eher als Nebenherarbeiten galten, oft auch vergriffen waren. Die Editionsgeschichte ihrer Werke war kompliziert und von Streit und Scheitern begleitet. Viele Texte gingen verloren, viele opferte sie dem Einheizen. Dass nun diese erste Gesamtausgabe im Göttinger Wallstein realisiert werden konnte, ist der finanziellen Unterstützung des Wiener Unternehmers Hans Schmid zu danken, der schon in jungen Jahren begeisterter Leser ihrer Gedichte war. Auch das Herausgeberteam (Klaus Amann, Fabjan Hafner, Doris Moser und Brigitte Strasser) hat gute Arbeit geleistet: Die Textgestaltung wird plausibel begründet, die Nachworte erhellen Kontexte und Bezüge und die Anmerkungen erklären viele schon allzu seltene Austriazismen.

Aber wer ist diese Christine Lavant? Sie wurde als Christine Thonhauser am 4. Juli 1915 in Großedling bei St. Stefan im Lavanttal in Kärnten geboren, neuntes Kind einer bitterarmen Bergmannsfamilie. Schon als Säugling bekam sie Skrofeln auf Brust, Hals und im Gesicht und erblindete beinahe. Mit drei Jahren kam eine erste Lungenentzündung hinzu, die später beinahe jedes Jahr wiederkehren sollte. Bei einem Krankenhausaufenthalt 1919 wurde das Kind bereits als nicht mehr lebensfähig angesehen. Ab 1921 besuchte sie die Volksschule in St. Stefan. Bei einem Aufenthalt im Krankenhaus in Klagenfurt, während dessen sich ihr Augenleiden besserte, bekam sie von ihrem behandelnden Arzt eine Ausgabe von Rainer Maria Rilkes Werken geschenkt, die sie auf dem 60 km langen Fußmarsch nach Wolfsberg zurück im Rucksack bei sich führte.
1927 verschlechterte sich ihre Gesundheit und zusammen mit einer Lungentuberkulose trat nun auch die Skrofulose wieder auf. Mit den neu entdeckten Röntgenstrahlen wurde die Tuberkulose „verbrannt“, einerseits lebensrettend, andererseits schmerzhaft nachwirkend. Auch das Kopftuch, das sie ständig trug und das nachgerade ikonisch wurde, diente dazu, die Wunden bzw. die Folgen der Wundbehandlung zu verbergen.
1931 lernte sie Frau Lintschnig, eine ihrer dann treuesten Freundinnen, kennen. Es entstanden viele Aquarelle, die sie später verschenkte. Zu jener Zeit kamen aber auch die ersten schweren Depressionen auf, weshalb sie auch bei den Eltern wohnen blieb. Sie schrieb einen ersten Roman (der Titel ist unbekannt), den sie dem Grazer Leykam Verlag schickte. Trotz einer positiven ersten Reaktion sagte ihr der Verlag 1932 ab. Auf diese Absage hin vernichtete sie alles bislang Geschriebenen und gab das Schreiben auf. Nach schweren Depressionen ging sie 1935 auf eigenen Wunsch in eine Nervenheilanstalt in Klagenfurt. Ihre dortigen Erlebnisse hat sie im Text „Aufzeichnungen aus einem Irrenhaus“ verarbeitet, der erst posthum veröffentlicht wurde.
Durch ihre Klinikaufenthalte, ihre Armut, und nicht zuletzt durch ihre skrofulösen Narben gesellschaftlich an den Rand gedrängt und aus dem üblichen Alltagsgeschehen ausgeschlossen, fand sie ihren Klagenfurter Ärzten (akademische) Bezugspersonen und Freunde, die sie in ihrer intellektuellen, später auch literarischen Entwicklung förderten.

Nach dem Tod der Eltern (1937 starb der Vater, 1938 die Mutter) musste sie die elterliche Wohnung, in die sie zurückgekehrt war, wieder verlassen. Erneut versuchte sie, sich ihren Unterhalt durch Strickarbeiten zu verdienen, wurde jedoch auch von ihren Geschwistern unterstützt. 1939 heiratete sie „aus Mitleid“ den 36 Jahre älteren, mittellosen Maler Josef Habernig, den sie wie sich selbst mit dem Lohn für Strickarbeiten ernährte. Als sie dem Maler Werner Berg begegnete, mit dem sie hätte leben wollen, erfuhr sie die Erschütterungen einer aussichtslosen Liebe, die zu einer großen Unglückshäufung führte, mit etlichen Suizidversuchen und Aufenthalten in der Psychiatrie.
1945 begann sie wieder zu schreiben und gab neue Gedichte an die Familie Purtscher, die sie an die Dichterin Paula Grogger weiterreichte. Grogger vermittelte ihr ein Treffen mit dem Verleger Viktor Kubczak. 1948 erschien unter dem hier erstmals verwendeten Namen Christine Lavant im Brentano Verlag in Stuttgart ein Bürstenabzug der Gedichte „Die Nacht an den Tag“, der später verlorenging. Der Verleger riet der Dichterin, Prosa zu schreiben, die daraufhin die Erzählung „Das Kind“ schrieb.
1949 erschienen die Erzählung „Das Krüglein“ und der Gedichtband „Die unvollendete Liebe“, im Jahr darauf machte sie mit einer Dichterlesung bei den St. Veiter Kulturtagen auf sich aufmerksam. Aus der Begegnung mit dem Maler Werner Berg sollte sich schließlich eine jahrelange enge Freundschaft entwickeln. Lavant übersiedelte in das Haus ihrer Freundin Lintschnig nach Wolfsberg, wo sie mit Ausnahme einer eineinhalbjährigen Unterbrechung bis zu ihrem Tod wohnte.
1952 erschienen die Erzählungen „Baruscha“ bei Leykam. 1956, als mit dem Gedichtband „Die Bettlerschale“ (Otto Müller Verlag) eines ihrer bekanntesten Bücher veröffentlicht wurde, bekam sie zwei Lyrik-Preise und der Brentano Verlag gab die Erzählung „Die Rosenkugel“ heraus. Über den Tonhof in Maria Saal, auf den sie vom Komponisten Gerhard Lampersberg und dessen Frau Maja eingeladen wurde, kommt sie seit Mitte der fünfziger Jahre in Kontakt mit anderen Dichtern wie Thomas Bernhard, H.C. Artmann, Gerhard Rühm, Jeannie Ebner u.a.
Grandios an der Dichtung von Christine Lavant ist, dass hier eine Dichterin aus der Provinz zu einer unverwechselbaren radikalen Stimme und Sprache gefunden hat. Eine Stimme aus einer dreifachen Provinz: Eine Stimme aus dem regionalen und sozialen Abseits, die Stimme einer Frau und die Stimme eines von physischen und psychischen Grenzerfahrungen gefährdeten Menschen. In diesen Randzonen hat sich Christine Lavants poetische Stimme an vorgefundenen Mustern (Katholizismus, Naturmystik und zugänglichen Bildungsgütern) orientiert. Eindrücke ihrer Lektüren (etwa der Lyrik Rilkes) finden sich in den frühen Gedichten, führten auch zum Vorwurf des Epigonentums – auch Lavant selbst distanzierte sich später von ihrem ersten Gedichtband „Die unvollendete Liebe“ (1949).
Die drei Bände ihres lyrischen Hauptwerks („Die Bettlerschale, 1956, „Die Spindel im Mond“, 1959, und „Der Pfauenschrei“,1962) zeigen ihre besonderen Ausdrucksmöglichkeiten, die in ambivalenten Bildern um die Darstellung des leidenden und zweifelnden Menschen kreisen. Die Titel der Gedichtgruppen im Band „Die Bettlerschale“ sprechen dabei zentrale Motive an: Reflektiert „Die Feuerprobe“ die Themen Wahrnehmung und Wandlung, verweist „Im zornigen Brunnen“ hin auf das Aufbegehren gegen das Schicksal (bzw. gegen Gott), während „Das Auferlegte“ auf jene Hingabe deutet, die – in Freundschaft und Liebe – das passive Leiden zugunsten aktiven Mitgefühls verwirft.
Das Thema der sinnlichen Wahrnehmung etwa ist abhängig von den Beeinträchtigungen des Gesichts- und Gehörsinns, die die Autorin zu tragen hatte. Wenn das Titelgedicht der „Bettlerschale“ mit dem Ruf anhebt: „Horch! Das ist die leere Bettlerschale“ und mit dem Vers „Blick nicht weg und stelle dich nicht taub!“ auf die Wahrnehmung hinweist, kann dies ebenso auf ein Ich im Selbstaufruf deuten wie auf eine Adresse an Gott bzw. auf einen Appell an den Leser. In poetologischer Abwandlung wird Schreiben eins mit dem bewussten, reflektierten Wahrnehmen der „großen Chiffrenschrift“ der Natur (Novalis): „und meine Finger gleiten / entlang der Bilderschrift, die alles weiß“ („Hinfällig starre ich ins Rad der Zeit“, in: „Die Bettlerschale“). In Anlehnung an das mythische Schicksalsbild erscheint die Wahrnehmung der „Verborgenen Spindel im Mond“ als Drehmoment einer Erkenntnis des eigenen Geschicks. Das meist drastisch angesprochene Augenmotiv zeigt allerdings, dass Wahrnehmung als schmerzhaft erfahren wird („meine verzweifelten Augen“, „Aus jäh erleuchtetem Blau“, in „Der Pfauenschrei“). Zugleich sind die Augen nicht nur Sinnesorgan, sondern auch das Mittel der aktiven Kontaktaufnahme mit dem Du: „ich lege ihr mein Augenlicht / ins Fenster, wo es weiterbrennt“ („Des Mondes Wiege schaukelt leer“, in: „Die Bettlerschale“). Leiderfahrung, Schmerz und Depression werden direkt benannt („Wie pünktlich die Verzweiflung ist!“, in: „Die Bettlerschale“) oder in Lavants charakteristischer Bildlichkeit (Herz, Blume, Feuer, Stein) chiffriert.
Christine Lavant weist in ihrer Lyrik auch die Tröstungen der tradierten religiösen Welbilder ebenso brüsk zurück wie die Hoffnung, durch das Schreiben Kompensation oder Beruhigung zu finden. Als Mensch in ständiger Revolte tobt das lyrische Ich gegen sich selbst wie gegen Gott bzw. diejenige Instanz, die einem das Leid auferlegt: „Ich will die Ehre deines Auftrags nicht!“ („Wen schickst du mir aus deiner Herrlichkeit“, in: „Die Bettlerschale“). Gerade diese „Lästergebete“ erweisen, dass Christine Lavants Dichtung zwar Ausdruck, nicht aber Ausweg aus der Krise ist: Sie bleibt – trotz Formgebung in Reim und Metrum – stets von Kranksein gefährdet.
Obwohl bereits die Lyrik unumwunden von Krankheit und Einsamkeit spricht, rücken ihre Prosatexte noch deutlicher an die persönlichen und sozialen Verhältnisse heran, damit auch die Lebensumstände der „infamen Menschen“ (Foucault) hervorkehrend. Bedrohliche, vielfach mit Imaginärem durchwachsene Szenarien entstehen aus dem Blickwinkel einer Figur, die einem fremdartigen Geschehen verständnislos ausgesetzt ist. Am deutlichsten wird dies in der Perspektive „von unten“ auf die endlosen weißen Gänge, die hohen Türen und die überlebensgroßen Ärzte in „Das Kind“ (1948). Hier verarbeitet sie die Erlebnisse der Zwölfjährigen in der Klagenfurter Augenklinik. Die Ausgrenzung, die das Kleinhäuslermädchen seitens seiner Mitpatienten erfährt („eine Arme-Leute-Krankheit“), setzt sich in der Klassengesellschaft innerhalb der Nervenheilanstalt fort.
Etwa ein Jahr nach dem „Kind“ entstanden, wurden die „Aufzeichnungen aus einem Irrenhaus“ erst 2001 veröffentlicht. Eindringlich, bisweilen sarkastisch, analysiert der aus der Ich-Perspektive erzählte Text die Macht- und Gewaltdynamik („diesen Hass- und Elendsstrahlungen“) zwischen Patientinnen, Schwestern und Ärzten. Darüber hinaus bedingen die Zweifel und Ängste der Erzählerin eine poetische Weitung der Erzählung.
Nicht nur mit den „Aufzeichnungen aus einem Irrenhaus“ hat sich das Werk der Christine Lavant um ein bedeutendes Werk erweitert, auch die für verschollen gehaltene Erzählung „Das Wechselbälgchen“ (entstanden vor 1948) rückt das Leben von Außenseitern unter Außenseitern in den Mittelpunkt. Frucht der Verfügungsgewalt des Bauern, wird das behinderte Kind einer Magd von der Kirche als unehelich stigmatisiert, während es dem abergläubischen Freund der Mutter als teuflischer Wechselbalg gilt.
Die Figuren grober Pfarrer bzw. geistlicher Schwestern als Repräsentanten rigider gesellschaftlicher Moralvorstellungen einerseits und einer ungnädigen Religion andererseits kehren in den Erzählungen des 1969 von Jeannie Ebner herausgegebenem Band „Nell“ wieder, ebenso das im „Wechselbälgchen“ angesprochene Handlungsmuster des in seinem Aberglauben randalierenden Mannes. Die Geschichten führen verschiedene Frauenfiguren vor als Pragmatikerinnen auf der Suche nach einem lebbaren Weg zwischen den Fronten Armut, Krankheit, kirchlicher Bigotterie und privater Schikane. Ungewöhnlich für Lavants Werk ist die Episode aus dem städtischen Angestelltenmilieu („Rosa Berchtold“), die Wahl einer männlichen Zentralfigur („Der Knabe“) sowie die deutlichen Spuren politischer Zeitgeschichte.
Zwischen Brief und Erzählung gehalten ist der ebenso posthum entdeckte, 1948 an die Freundin Ingeborg Teuffenbach gerichtete Text „Die Schöne im Mohnkleid“ (1996).
Wie also stellt man sich eine solche Person vor? Elend, verzweifelt, klagend? Oder begabt mit unerschrockenem Charme, zäh und durchsetzungsfähig? Alles auf einmal offenbar.
Sie besuchte zwar nur ein paar Grundschulklassen und verwechselte bisweilen „mir“ und „mich“, schrieb jedoch über 1000 formbewusste Gedichte, an die 2000 Briefe und mehr als ein Dutzend Erzählungen. Sie korrespondierte mit Nelly Sachs, Martin Buber, Hilde Domin, Thomas Bernhard und Wieland Schmied, fuhr zu Lesungen und war Gast auf vielen Literaturtagen.
Da sich der Ton trotz wechselnder Formen kaum ändert und die Metaphorik aus einem begrenzten Fundus schöpft, gestaltet sich die Lektüre so stetig wie betäubend. Um und um verbreitet da der Mond sein Licht, die Kräutlein warten und die Liebe ist eine einzige Verzweiflung. Damit soll Lavants Virtuosität, was Reim, Metrik, Kombinationsgabe und schöne Dunkelheiten betrifft, nicht geleugnet werden.
Doch wirken diese Gedichte heute wie aus der Zeit gefallen, sie tragen einem mit „Du“ angeredeten Gott ihre Klagen in einer gleichsam „ewigen“ Sprache vor. Jene singulären Gebilde auszumachen, die konkret genug sind, einem geradewegs ins Herz fahren, erfordert Geduld.
Ein sprechender Zufall will es, dass auch der letzte Text von Türen erzählt. Er heißt „Die Türgeschichte“ und umfasst nur drei Seiten, die 1956 in einer Zeitschrift als Vorabdruck aus einem Manuskript erschienen, das mal wieder verloren ging (könnten zum hundertsten Geburtstag nicht mal sämtliche österreichische Dachböden nach Lavant-Texten durchsucht werden?). Diesmal handelt es sich um eine „richtige“ Tür, nämlich die, die in den Ein-Zimmer-Mikrokosmos der Familie Thonhauser führt.
„Das Kind hat mit der rosaroten Stoffkreide auf die braunfleckige Stubentür eine Geschichte geschrieben. Es ist eine sehr lange Geschichte von einem Vater, der mit einem roten Holzkoffer heimkommt, darin hausen sein Rasiermesser, seine Sonntagsschuhe und eine Sprechpuppe zusammen.“
Leider kann niemand die Geschichte entziffern, nur Flecken sind auf dem Holz zu sehen und der größte Fleck entpuppt sich als „der faule Engel“, der sogleich mit dem Vater zu reden beginnt. Und so geht es weiter in zauberhafter Melange, Kindliches und Fantastisches und allertrübste Wirklichkeit untereinander mischend. „Zitternd“ springt die Tür auf in einen Textraum, der weit über die Klatsch- und Kummergeschichten hinausreicht, die sich die Dorffrauen bei der Mutter des Kindes von der Seele reden.
Liest man ihre Texte unter dem biografischen Aspekt, verwandeln sie sich in eine Beschwörung des Lebens und eine unendliche Bitte um Trost. Dem entspricht ein Brief von ihr: „Solange ich schreibe, bin ich glücklich, wenn es auch oft mit solchen Schwierigkeiten verbunden ist, von denen sich wenige eine Vorstellung machen können. Aber das Schreiben ist halt das einzige, was ich habe.“
Damit würde man aber wohl weder der Autorin, noch ihren Texten gerecht werden, wie wohl sie durchaus als Trost- und Erbauungstexte herhalten könnten. Tatsächlich liegt einiges mehr in diesen Gedichten, und ein Geheimnis liegt wohl auch in der Auffächerung ihrer eigentlich kargen Themen.
Christine Lavant lebt und schreibt in einer Zeit, in der traditionelle Werte und Normen ihre Gültigkeit verlieren und mit ihnen auch die Formen der Literatur, zumindest so lang sie sich nicht ins Widerständige wenden. Sie hat sich auch vor dem Bodensatz nationalistischen Stumpfsinns, den sie in ihrer Umgebung durchaus wahrnahm, bewahren können, denn ihre Texte sind frei von all dem. Fabjan Hafner zitiert einmal einen weiteren Brief Christine Lavants: „Ich bin halt ein Kuriosum u. meine geistige Situation liegt außerhalb jeder Norm, und ist so schwer begreiflich, daß ich selbst nur mittels Mystik oder Humor manchmal einen blitzartigen Überblick bekomme.“ Vielleicht liegt ja im Verweis auf die Mystik, wenn man sie als Formenspiel begreift, der Schlüssel zu der Faszination, die die Texte von Christine Lavant auslösen.




 

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