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Bücherschau

Robert Menasse - Der kritische Befürworter

Simon Berger über Robert Menasse

© Rafaela Proell Suhrkamp Verlag
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Robert Menasse wurde auf der diesjährigen Buchmesse in Frankfurt für seinen Brüssel-Roman „Die Hauptstadt“ mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet. „Die Hauptstadt“, an der Menasse die letzten Jahre gearbeitet, für den er lange recherchiert hatte, sich auch für ein paar Monate in Brüssel einquartierte, um sich vor Ort ein Bild vom Zustand der Institution EU machen zu können, kann als erster EU-Roman bezeichnet werden. Der große Verteidiger des europäischen Projekts hielt auch heuer als einer von wenigen Autoren eine viel beachtete Rede im Europäischen Parlament. Mit „Die Hauptstadt“ zeigte Robert Menasse wieder einmal, dass er ein ausgezeichneter Romanautor ist, ein großer Erzähler.
Noch bekannter (und von manchem auch gefürchteter) ist er einer breiteren Öffentlichkeit als begnadeter Polemiker, als tiefsinniger politischer Denker. Seiner Rolle als Provokateur und „Nestbeschmutzer“ wurde Menasse in besonderen Maße während des österreichischen Bundespräsidentschaftswahlkampfes 2016 gerecht: In einem Interview für den „Kurier“ bezeichnete er etwa den FPÖ-Kandidaten Norbert Hofer als Nazi und meinte: „Ich frage Sie, was es für einen Unterschied macht, ob einer, der Nazis wählt, ein Nazi ist oder nicht. […] Dabei glaube ich sogar, dass die meisten [Hofer-Wähler] keine Nazis sind. Ehrlich nicht! Sie sind Faschisten. Schlimm genug. Oder Idioten. Ebenfalls schlimm genug. […] Als Austropatrioten wählen sie dann eben auch Nazis, wenn die es sind, die ihre austrofaschistische Mentalität bedienen und ihnen sagen ‚Österreich zuerst‘.“
In einem Land, in dem Norbert Hofer knapp 50 Prozent der Wählerstimmen erhielt, führten die zitierten Interview-Passagen zu wütenden Protesten, die darin gipfelten, Menasse als einen von „den Eliten“ gehypten, hoch subventionierten Staatskünstler und Privilegienritter zu bezeichnen, der das überkommene „System“ verteidige. Dabei hatte gerade er „das System“ mit seinen Parallelstrukturen und undemokratischen Abmachungen hinter den Kulissen schon zu einem Zeitpunkt angegriffen, als die meisten seiner heutigen Kritiker sich damit noch vorbehaltlos identifizierten.
Hintergrund seiner politischen Essays zu Österreich, dem „Land ohne Eigenschaften“ (so einer seiner  Buchtitel), sind seine Erfahrungen, als er nach einigen Jahren in Sao Paulo (wo er an der dortigen Universität von 1981 bis 1988 zunächst als Lektor für österreichische Literatur, später als Gastdozent am Institut für Literaturtheorie lehrte) nach Österreich zurückkehrte. „Als ich zurückkam, konnte ich nicht an das anknüpfen, was ich acht Jahre vorher verlassen hatte. Ich musste Österreich für mich neu erobern“, erklärte er in einem Interview. Und: „Ich verstand zum Beispiel bestimmte Mentalitätsphänomene und politischen Konstellationen nicht mehr, die sich da plötzlich zu behaupten begannen.“ Es war die Zeit der Waldheim-Affäre und von Jörg Haiders Putsch in der FPÖ und dessen Aufstieg: „Alle haben damals ‚ Nazi! Nazi!‘ geschrien und ich sagte, dieses Geblöke ist ja nur möglich, weil wir einen hausgemachten Faschismus haben. […] Man dürfe den Austrofaschismus nicht Faschismus nennen, hieß es. Ich halte das bis heute für eine unglaubliche Selbstentmannung der Geschichtswissenschaftler. Die Nazis, das hatten damals eigentlich schon alle begriffen, das war eine kriminelle Bande. Auch war – wie halbherzig auch immer – entnazifiziert worden. Aber man hatte nie ‚entaustrofaschisiert‘ – ganz im Gegenteil. Als die Nazis besiegt waren, hat es geheißen, wir können an das anschließen, was vor 1928 war. Das war der Austrofaschismus. Er wurde nun zum Patriotismus erklärt. Als ich sagte, aus Haider wird nichts, Schüssel ist das Problem, warf man mir Verharmlosung vor. Nachdem Schüssel abgewählt worden war, habe ich meinen Österreich-Essayismus beendet und nie wieder einen innenpolitischen Kommentar geschrieben. Das war 2006.“
Noch in der Zeit in Brasilien schrieb der 1954 in Wien Geborene (sein Vater Hans Menasse war ein bekannter österreichischer Fußballspieler der 50er Jahre, der auch im Nationalteam spielte, und der 1938 im Alter von acht Jahren im Rahmen einer britischen Rettungsaktion für jüdische Kinder nach England gebracht worden war und nach dem Krieg nach Wien zurückkehrte) seinen ersten Roman „Sinnliche Gewissheit“ (1988). Da treffen sich in SaoPaulo, in der „Bar jeder Hoffnung“ beim Kneipier Oswald, einem Wiener, regelmäßig deutsche und österreichische Emigranten, die redselig und zuckerrohrschnapssüchtig von ihren Erlebnissen erzählen, „so als hinge ihr Lehen davon ab, dass es erzählt werden könne“. Die Bewusstseinszustände der Trinker waren sozusagen schon postmodern, als es den Begriff „Postmoderne“ noch gar nicht gab. Ihre Erlebnisse und Erzählungen erweisen sich als Wiederholungen von so noch nicht Dagewesenem, sind Farben ohne vorangegangene Tragödien, gleichsam Originalkopien. Aber kann das, was einer wirklich erlebt hat, eine Fälschung sein? Oder sind es die Zusammenhänge, die gefälscht sind? Süchtig sucht Roman, der Ich-Erzähler, das Authentische in den Abenteuern mit Frauen, in Alkoholexzessen, in den Vorträgen des „Bar-Professors“ Leo Singer. Aber alles, was bleibt, ist die Gewissheit, etwas vergessen zu haben.
In „Selige Zeiten, brüchige Welt“ (1991) erhebt dann Leo Singer, Sohn jüdischer Eltern, die mit ihm aus dem brasilianischen Exil nach Wien zurückgekehrt sind, den Anspruch, eine Fortsetzung von Hegels „Phänomenologie des Geistes“ zu schreiben und damit die Welt zu verändern. Doch die Zeiten sind nicht selig, und brüchig ist in erster Linie Leo Singers Identität. Es ist auch ein Liebesroman, ein Kriminalroman, ein philosophischer Roman und eine jüdische Familiensaga. Leo Singer verliebt sich in die Jüdin Judith Katz. Sie soll seine Muse sein im Versuch, der Welt ein letztes Mal in ein philosophisches System zu zwingen. Judiths Tod eröffnet ihm das Geheimnis des Lebens – aber ist sie wirklich tot? Das Leben jedenfalls verläuft für ihn in den erstaunlichsten Bahnen.
Mit dem folgenden Roman „Schubumkehr“ (1995) fügte Menasse seine ersten drei Romane zu einer „Trilogie der Entgeisterung“. Der Roman handelt von den Umbrüchen des Jahres 1989, wobei ein Dorf an der österreichisch-tschechischen Grenze zum kleinen Welttheater wird: Die Grenze wird feierlich abmontiert. Eine Vielzahl von Figuren, Schicksalen und Geschichten werden im Verlauf dieses Jahres, in dem schließlich „kein Stein mehr auf dem anderen bleiben«“ sollte, beschrieben. Im Zentrum des Geschehens steht Roman, ein Mann mittleren Alters, der nach einem längeren Auslandsaufenthalt nach Österreich zurückkommt. Statt vertrauter Zusammenhänge erwarten ihn private Grotesken und Tragödien, statt versteinerter Verhältnisse erlebt er, wie diese zu tanzen beginnen. Verdrängte NS-Vergangenheit, wirtschaftlicher Niedergang, Heuchelei und der Fall des Eisernen Vorhangs bilden den Hintergrund zu diesem burlesk-abgründigen Roman.
In „Die Vertreibung aus der Hölle“ (2001) konfrontiert der Historiker Viktor Abravanel bei einem Klassentreffen seine ehemaligen Mitschüler mit der Nazi-Vergangenheit ihrer Lehrer. Die Mitschüler reagieren pikiert. Es kommt zum Eklat. Einen stimmigen Spiegel zur Gegenwart bildet in diesem Roman die (nur scheinbar) fern anmutende Vergangenheit des 17. Jahrhunderts, denn Viktor soll einen Vortrag über den Rabbiner Samuel Menasseh ben Israel halten, den Lehrer des berühmten Philosophen Baruch Spinoza. So führt die Handlung aus dem heutigen Wien ins Lissabon des religiösen Wahns, der Inquisition und der Judenverfolgungen. Parallelen zwischen Vergangenheit und Gegenwart sind keineswegs zufällig.
Das Dilemma eines Verführers fasst der Vater des Hauptprotagonisten Nathan im folgenden Roman „Don Juan de La Mancha oder Die Erziehung der Lust“ (2007) so zusammen: „Man kann nur mit der ersten Frau oder mit der letzten glücklich werden“. Auch Nathan, der nie ganz aus seines Vaters Schatten getretene Sohn, ist ein Verführer. Er ist ein melancholischer, tragikomischer Wiederholungstäter im ritterlichen Kampf um die Rettung der Liebe. Viele unverwechselbare Frauen kreuzen seinen Weg. Schon Nathans Vater suchte sein Glück bei den Frauen, Nathans Mutter fand ihr Unglück bei den Männern. Nathan bricht auf in die Welt, um alles ganz anders zu machen. Was macht er ganz anders? Nichts. Nur die Bedingungen haben sich geändert, die Ansprüche. Nathan, bei seiner Zeitung zuständiger Redakteur für das Ressort „Leben“, verkörpert die Generation der Nach-68er. Unter dem Diktat der Emmas und Bettys darf er seine Männlichkeit zwar ausleben, aber kann nicht mehr genießen. Unterhaltsam und pointiert zeichnet Robert Menasse das Porträt seiner Generation und einer Gesellschaft, „die nicht einmal einen Liter Mineralwasser verkaufen kann, ohne diese Ware erotisch zu besetzen“. Der Erlösung kommt sein Held, trotz aller seltsam zärtlichen Ironie, nicht näher.
Drei wesentliche Elemente kann man als wesentlich für alle Romane von Robert Menasse identifizieren: die Auseinandersetzung mit Geschichte und der eigenen, brüchigen (oftmals jüdischen) Identität der Protagonisten, Liebe und Erotik als Flucht- und Sehnsuchtsraum und der Versuch, den Aberwitz der Welt zu fassen und theoretisch zu deuten, um ihn ertragen zu können. Das alles wird ironisch gebrochen, hinterfragt und schließlich dem Leser überlassen.

Der luzide, oftmals subtil ironische, in jedem Fall aber scharfsinnigste Kritiker seines Landes, zeigten ihn von „Das Land ohne Eigenschaften. Essays zur österreichischen Identität“ (1992) bis „Das war Österreich. Gesammelte Essays zum Land ohne Eigenschaften“ (2005) als jemanden, der stets die Dinge beim Namen nennt. Man mag seine Meinung teilen oder nicht, blieb er seiner intellektuellen Lauterkeit und der Logik treu. Eine besondere Eigenschaft von ihm ist es sicherlich, dass er für beide Bereiche, für den politischen Essay und die gesellschafts- und kulturkritische Analyse einerseits und die Belletristik andererseits, ein außergewöhnliches Talent besitzt. Was ihn von vielen seiner österreichischen Kollegen unterscheidet, ist zudem der offene, kosmopolitische Blick auf die Welt, anstatt die Zustände in Österreich auf die Welt zu übertragen oder Wien als Welt wahrzunehmen. Sein vorrangiger Bezugsraum ist Europa. Dass er gerade für seinen Brüssel-Roman „Die Hauptstadt“ den Deutschen Buchpreis erhielt, ist sicher kein Zufall.
Was den Essayisten und Theoretiker Robert Menasse auszeichnet, ist die Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge unterhaltsam und allgemeinverständlich darzustellen. Seine Sprache ist rhythmisch, poetisch, manchmal sehr knapp, beinahe expressionistisch. Theoretische Abhandlungen werden zu Literatur, Aufsätze sind spannend zu lesen. Polemik ist immer Sprachkunst. Und jeder seiner sechs Romane kann auch als theoretische Abhandlung oder als Essay gelesen werden (wie Vladimir Vertlib meinte).
Vielschichtig und irritierend, provokant und verstörend ist auch sein mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneter Roman „Die Hauptstadt“. Der Roman ist aber auch höchst unterhaltsam, witzig und skurril, zeitgeistig und gleichzeitig ganz wider den Zeitgeist.
Ein Buch über die Brüsseler EU-Bürokratie, das heißt, über dessen Auswüchse und Absurditäten, über Stillstand und Überforderung dieses vor allem auf sich selbst bezogenen Apparats. So geht es unter anderem um Exporte von Schweineohren nach China, welche die EU entzweien. Das Schwein liefert auch die wichtigste Metapher: Eines Tages läuft nämlich ein Schwein kreuz und quer durch die Brüsseler Innenstadt und begegnet zahlreichen Figuren, deren Geschichten erzählt und schließlich miteinander verwoben werden. Kommissar Brunfaut versucht einen vertuschten Mord aufzuklären, EU-Beamtin Fenia Xenopoulu soll zum Jahrestag der Gründung der EU-Kommission einen Festakt organisieren, ein anderer EU-Beamter bezeichnet Auschwitz als „Geburtsort der Europäischen Union“. Währenddessen zieht David de Vriend, einer der letzten Auschwitz-Überlebenden, in ein Seniorenheim.
Die komplexe Handlung des Gesellschaftsromans widerspiegelt etliche aktuelle „EU-Themen“, von den Griechenlandpaketen bis zur Flüchtlingskrise und dem Brexit, auch Verschwörungstheorien spielen einen Rolle. Bald erkennt erkennt man jedoch, dass es sich bei dieser Satire um ein Plädoyer für ein Vereintes Europa, für eine reformierte EU und gegen Rechtspopulismus und das Wiedererstarken von Nationalstaaten handelt. Als solche ist der Roman eine gute Ergänzung und fiktionale Vertiefung von Robert Menasses brillanter Streitschrift „Der europäische Landbote“ (2012). Die Wut der Bürger und der Friede Europas. Darin heißt es: „Europa muss der Phantasie der Künstler folgen. […] Entweder geht das Europa der Nationalstaaten unter, oder es geht das Projekt der Überwindung der Nationalstaaten unter. So oder so, die EU ist unser Untergang.“
In einem aktuellen Interview meinte er: „Ich lehne den Gedanken einer Nationalität ab, weil mich ein nationaler Pass weniger definiert als meine Herkunft, der konkrete Ort, an dem ich sozialisiert wurde, meine Kindheitserlebnisse hatte, bestimmte Erfahrungen familiengeschichtlich vermittelt bekam. […] Es gibt nur zwei Möglichkeiten. Entweder das europäische Einigungsprojekt gelingt – dann gehen die Nationalstaaten unter; dann wird es Wehklagen geben, allerdings nur von den Nationalisten. Oder die Nationalstaaten schaffen es, sich zu verteidigen, dann geht aber das europäische Projekt unter. Dann wird es viel Wehklagen geben – aber von allen.“

 

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