Bücherschau

Heinrich Böll - Eine eminent moralische Instanz

Marianne Sonntagbauer über den deutschen Schriftsteller Heinrich Böll

© ullstein bild – Sven Simon
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Heinrich Böll ist einer der bedeutendsten Schriftsteller der Nachkriegszeit in der Bundesrepublik. Als Publizist und Autor führteer Klage gegen die Grauen des Krieges und seine Folgen, er polemisierte gegen die Restauration der Nachkriegszeit und wandte sich gegen den Klerikalismus der katholischen Kirche. Böll bezog auch immer wieder zu tagespolitischen Themen Stellung, setzte sich sozialkritisch mit der Gegenwart auseinander und war bekannt für sein Engagement in der Friedensbewegung. 1972 erhielt er den Nobelpreis für Literatur.
Geboren wurde Heinrich Böll am 21. Dezember 1917 als Sohn des Tischlermeisters und Holzbildhauers Viktor Böll und seiner zweiten Frau Maria in Köln. Er wächst mit mehreren Geschwistern auf. Böll besucht das staatliche Kaiser-Wilhelm-Gymnasium in Köln. In seiner Jugend bringen die Folgen der Weltwirtschaftskrise seinem Elternhaus nie wieder aufgeholte finanzielle Einbußen. Das Haus im Grünen muss verkauft werden. Die Familie zieht zurück in die Kölner Südstadt.
1936 versucht er sich erstmals schriftstellerisch mit kurzen  Gedichten. Die Stoffe seiner ersten Erzählungen ergeben sich aus dem vertrauten Milieu des  Kleinbürgertums. Auch artikuliert er die im späteren Werk thematisierte Konstellation von Religion, Kirche und Liebe. Zu dieser Zeit beeinflussen ihn Autoren wie Dostojewskij, Bernanos, Bloy und Hebel. 1937 legt Heinrich Böll das Abitur ab. Er beginnt in der Buchhandlung Mathias Lempertz in Bonn eine Lehre, die er wenig später als unbefriedigend wieder abbricht.
Von Herbst 1938 bis Frühjahr 1939 leistet Böll seinen Reichsarbeitsdienst als Vorbedingung für das Universitätsstudium ab. Nach einem gerade begonnenen Studium der Germanistik und klassischen Philosophie in Köln wird er 1939 zur Wehrmacht einberufen. Als Infanterist nimmt er an den Kämpfen der Ost- und Westfront teil. Fast jeden Tag schreibt er Briefe an die Familie und an seine aus Pilsen stammende Freundin Annemarie Cech, die er 1942 in Köln heiratet. Aus der Ehe gehen vier Söhne hervor. Nach Inhaftierungen in amerikanischen und englischen Kriegsgefangenenlagern kehrt Böll im September 1945 nach Köln zurück, wo er sein Studium wieder aufnimmt und in der Tischlerei seines Bruders Alois arbeitet.
Ab 1947 veröffentlicht er erste Kurzgeschichten im „Rheinischen Merkur“ und den avantgardistischen Zeitschriften „Der Ruf“ und „Karussell“. Seine Kurzgeschichten und Romane behandeln die Zeit des Nationalsozialismus, die Zeit des Krieges oder die Nachkriegszeit.
In der Kurzgeschichte „Der Mann mit den Messern“ (1948) schlägt sich  der Ich-Erzähler, ein Oberleutnant der Wehrmacht, nach dem Krieg als Gelegenheitsarbeiter durch. Gemeinsam mit seinem ehemaligen Kameraden, dem Unteroffizier Jupp, tritt er nun erfolgreich in einem Varieté als Messerwerfer auf. Die Erzählung „Der Zug war pünktlich“ (1949) ist eine erbitterte Anklage gegen den Krieg. Der Soldat Andreas steigt auf dem Bahnhof einer Stadt im Ruhrgebiet in den Fronturlauberzug, der ihn an die Ostfront zurückbringen soll. Er denkt an seine früheren Verwundungen und er hasst alle, die den Krieg als eine Selbstverständlichkeit empfinden. In Lemberg begegnet er der polnischen Spionin Olina, die als Prostituierte Nachrichten für den polnischen Widerstand sammelt. Sie erkennt, dass auch sie falschen Mächten dient und immer nur die Unschuldigen die Opfer sind.  
Die finanzielle Lage der Familie ist angespannt. 1950 bis 1951 arbeitet Böll als Aushilfsangestellter beim statistischen Amt der Stadt Köln. Annemarie Böll sichert in den ersten Nachkriegsjahren als Lehrerin die Existenz der Familie, sodass Heinrich Böll zum Schreiben kommt. Sie gibt diese Tätigkeit erst anfangs der 1950er Jahre auf, als sich Bölls schriftstellerische Erfolge einzustellen beginnen. Er veröffentlicht Romane, Erzählungen, Hör- und Fernsehspiele, Theaterstücke und zahlreiche Essays. Gemeinsam übersetzen sie englische und amerikanische Literatur, u. a. Shaw und Salinger. 1952 erfolgt in gegenseitigem Einverständnis die Lösung des Vertrags mit dem Middelhauve Verlag, dem ein Vertrag mit dem Verlag Kiepenheuer & Witsch folgt.
Zu Beginn der 1950er Jahre wendet sich Böll mehr den Gegenwartsproblemen der Bundesrepublik zu. In den Essays bezieht er zur wirtschaftlichen und politischen Situation Stellung. Die Erzählung „Wanderer, kommst du nach Spa …“ (1950) wird als Titelgeschichte der gleichnamigen Kurzgeschichtensammlung veröffentlicht. Im Zeichensaal seines früheren Gymnasiums, welches nun als Notlazarett dient, findet ein Schwerverwundeter seine Handschrift auf der Tafel „Wanderer, kommst du nach Spa…“. Für Böll ist es eine Frage der Moral, Krieg und Nachkriegszeit so zu beschreiben, wie sie wirklich sind. Im Mai 1951 erfolgt eine Einladung zu einer Tagung der von Hans Werner Richter geleiteten „Gruppe 47“, dem damals bekanntesten Zusammenschluss von deutschsprachigen Schriftstellern nach dem Zweiten Weltkrieg, in Bad Dürkheim. Böll, damals noch ein unbekannter Autor, wird mit dem ersten Preis für die satirische Erzählung „Die schwarzen Schafe“ (1951) ausgezeichnet. Der Erzähler sieht sich innerhalb seiner Familie als letztes Glied in der bisher über Generationen nicht abgerissenen Kette der schwarzen Schafe.
Eine bittere Anklage gegen den Krieg ist der frühe Roman „Wo warst du, Adam?“ (1951). Böll verfolgt den Weg des Soldaten Feinhals von der Ostfront bis an die Schwelle seines Elternhauses. Hier stirbt er durch eine deutsche Granate. In der Erzählung „Nicht nur zur Weihnachtszeit“ (1952) skizziert Böll das Leiden einer Familie, die das ganze Jahr Weihnachten feiern muss, denn Weihnachten ist für Tante Milla zum Lebensinhalt geworden. Nur Milla bleibt gelassen, plaudert mit dem eigens zum Fest engagierten Geistlichen und den arbeitslosen Schauspielern. Die Verfallserscheinungen der Familienmitglieder äußern sich in unterschiedlicher Form. Mit dieser Erzählung nimmt Böll die restaurativen Tendenzen im Nachkriegsdeutschland satirisch aufs Korn. Der Roman „Und sagte kein einziges Wort“ (1953) beschäftigt sich anhand der Beziehung des mit mehreren Kindern äußerst beengt wohnenden Ehepaares Fred Bogner und seiner Frau Käte mit den Problemen einer Ehe und der menschlichen Not der Nachkriegszeit. Der Roman wird zu Bölls erstem finanziellen Erfolg.
1954 erfolgt der Umzug der Familie in ein eigenes Haus in den Kölner Vorort Müngersdorf. Im Roman „Haus ohne Hüter“ (1954) skizziert Böll das Schicksal zweier Nachkriegsfamilien, die auf unterschiedliche Weise versuchen, mit dem Verlust der im Krieg gefallenen Väter zurecht zu kommen. Walter Fendrich, Hauptfigur dieser Liebesgeschichte in den Jahren der Wirtschaftswunder, hat in der Erzählung „Das Brot der frühen Jahre“ (1955) eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Eines Tages erhält er einen Brief seines Vaters. Dieser bittet ihn, die Tochter eines Kollegen vom Bahnhof abzuholen. Das Zusammentreffen mit Hedwig wird für Walter zur schicksalhaften Begegnung. Böll zeichnet in dieser Erzählung das Bild eines durch den Hunger, die Nöte des Krieges und die Armut der Nachkriegsjahre abgestumpften Mannes. Das folgende „Irische Tagebuch“ (1957) ist eine Hommage an das Land, in das Heinrich Böll 1954 eine Reise unternimmt und das ihm in den folgenden Jahren zur Wahlheimat wird. Einfühlsam beschreibt er in seiner Erzählung „Im Tal der donnernden Hufe“ (1957) die seelischen Nöte des Jungen Paul in der Pubertät, der in einer katholischen Kleinstadt aufwächst.
Die Kurzgeschichte „Doktor Murkes gesammeltes Schweigen“ erscheint 1958 in dem Sammelband mit gleichem Titel. Böll siedelt die Geschichte bei der Kulturabteilung des Rundfunks an, die er als Spielball politischer Interessen darstellt. Der Intendant verhilft dem bereits zur NS-Zeit hochgelobten Intellektuellen Bur-Malottke zu einem Forum. Dieser möchte nun das Wort „Gott“ in dem Vortrag durch die Wendung „jenes höhere Wesen, das wir verehren“ ersetzen, die mehr der Mentalität entspricht, zu der er sich vor 1945 bekannte. Dr. Murke, der sein Dasein als Redakteur fristet, wird mit dieser tristen Aufgabe betraut. Doch er findet etwas, was ihm tiefe Befriedigung verschafft. Er sammelt, nur für sich und ganz privat, die Leerstellen auf den Bändern, das wohltuende Schweigen. Die intellektuelle Kontinuität zwischen NS-Ideologie und der Kultur der Nachkriegszeit in der Bundesrepublik ist Thema des Buches. Bur-Malottke nimmt seine zur NS-Zeit opportune anti-kirchliche Richtung wieder auf.
Drei Generationen einer rheinischen Architektenfamilie versammeln sich im Roman „Billard um halbzehn“ (1959) im Jahre 1958, um den 80. Geburtstag von Heinrich Fähmel zu feiern. Böll skizziert die Gegenwart der Bundesrepublik als Fortsetzung der deutschen Geschichte der letzten fünfzig Jahre. Er erfindet das Symbol der Lämmer, der Unschuldigen, und der Büffel, der Rücksichtslosen, die die Politik bestimmen.
Zu Beginn der 1960er Jahre setzt sich Böll stärker mit dem Zustand der katholischen Kirche in der Bundesrepublik auseinander. Er wirft ihr eine zu große Identität mit der CDU des Bundeskanzlers Konrad Adenauers vor. In dieser Zeit wird auch sein politisches Engagement immer stärker. 1962 unternimmt er seine erste Reise in die Sowjetunion, der noch weitere folgen. Böll veröffentlicht zahlreiche essayistische Schriften und Reden. 1964 hält er an der Frankfurter Universität Vorlesungen zur Poetik. 1967 erkrankt er schwer, zwei Jahre später zieht die Familie in die Kölner Innenstadt.
Der 1961 in München neu gegründete Deutsche Taschenbuch Verlag bringt als ersten Band Bölls „Irisches Tagebuch“ heraus. In der Erzählung „Als der Krieg ausbrach“ (1962) gedenkt der Ich-Erzähler seines Kameraden Leo Siemers, gefallen Ende August 1939. Böllscher Humor zeigt sich immer dann, wenn militärischer Stumpfsinn hervorgehoben wird. Der Ich-Erzähler, ein Soldat, kehrt in „Als der Krieg zu Ende war“ in die zerbombte Vaterstadt Köln heim. Im Roman „Ansichten eines Clowns“ (1963) sitzt Hans Schnier, einst ein gefragter Pantomime, nachdem ihn die streng katholische  Marie Derkum verlassen hat, zum Bettler degradiert auf den Stufen des Bonner Bahnhofs. Schnier hat sich in Abwendung von den Traditionen seiner vom Wirtschaftswunder geprägten Familie ganz bewusst gegen eine Karriere als Politiker oder Unternehmer entschieden. Die Geschichte vom gesellschaftlichen Abstieg des Ich-Erzählers Hans Schnier ist zugleich eine Liebesgeschichte, die zeigt, dass die Liebe scheitert, wenn einer den Konventionen mehr verhaftet ist als der andere. Mit diesem Buch hat Böll die Moral und den Lebensstil der bürgerlich-katholischen Gesellschaft in ihrem Nerv getroffen.
Von einem Helden wider Willen handelt die Erzählung „Entfernung von der Truppe“ (1964). Der Ich-Erzähler, der schwer kriegsbeschädigte Kölner SA-Mann Wilhelm Schmölder erzählt seine Geschichte. Aus seiner Abneigung gegen das Militär, genauer, gegen seine Repräsentanten, macht er kein Hehl. Zur Familie Bechtold kommt er am 22. September 1938.
Die 1970er Jahre sind geprägt von Bölls politischem Engagement. Mit Beginn der sozial-liberalen Koalition zwischen SPD und FDP (1969) sieht Böll, insbesondere in der neuen Ostpolitik, eine mehr auf moralischen Grundlagen aufbauende Politik. Er engagiert sich deshalb im Wahlkampf 1972 für die SPD. Innenpolitisch verhärtet sich die Situation in der Bundesrepublik mit dem aufkommenden Terrorismus immer mehr. Böll und andere Intellektuelle werden durch große Teile der Opposition (CDU/CSU) und ihr nahestehende Presseorgane zu „Ziehvätern des Terrorismus“ gemacht. Im Juni 1972 wird im Zuge einer Großfahndung nach Terroristen auch Bölls Haus in der Eifel durchsucht. Im Februar 1974 wird Alexander Solschenizyn (Literaturnobelpreisträger des Jahres 1970) aus der Sowjetunion ausgewiesen und von Böll aufgenommen. Böll wird zum Präsidenten des „PEN-Zentrums“ der Bundesrepublik gewählt und ist auch Präsident des „PEN International“, und er erhält die Ehrendoktorwürden der Universitäten von Dublin, Birmingham und Uxbridge.
Der 1971 erschienene Roman „Gruppenbild mit Dame“ gibt den Ausschlag für den Nobelpreis für Literatur 1972. Leni Pfeiffer, geborene Gruyten, lernt während des Krieges den sowjetischen Kriegsgefangenen Boris kennen und lieben, der in einem Lager der Amerikaner umkommt. Ihr gemeinsamer Sohn sitzt im Gefängnis, weil er auf seine Weise ein an der Mutter begangenes Unrecht rächen wollte. Im Romanabschnitt der Nachkriegszeit erzählt Böll unter anderem von der Beziehung Lenis mit dem türkischen Gastarbeiter Mehmet. Ein ironisch als „Verf.“ eingeführter Autor rekonstruiert aus hinterlassenen Zeugnissen, aus Gesprächen und Erinnerungen das Leben der Leni Pfeiffer. Böll zeichnet mit diesem Roman ein gestalten- und episodenreiches Panorama.
In der Zeit der Terrorismusdiskussion der 1970er Jahre schreibt Böll den Artikel „Will Ulrike Gnade oder freies Geleit?“, der 1972 im „Spiegel“ erscheint und eine monatelange Kampagne gegen ihn auslöst. Ulrike Meinhof gehört zu der 1970 gegründeten Roten Armee Fraktion (RAF), einer linksextremistischen terroristischen Vereinigung. Böll reagiert mit der Erzählung „Die verlorene Ehre der Katharina Blum oder: Wie Gewalt entstehen und wohin sie führen kann“ (1974) auf die Berichterstattung der „Bild-Zeitung“ und auf die Gewaltdebatte der 1970er Jahre. Katharina Blum ist eine junge hübsche Haushälterin, die sich eine kleine Eigentumswohnung und einen Volkswagen leisten kann. Sie hat ein heiter-bescheidenes Wesen und verabscheut die Zudringlichkeiten der Männer. Katharina verliebt sich spontan in einen jungen Mann, einen von der Polizei gesuchten radikalen Rechtsbrecher. Sie verhilft ihm zur Flucht und gerät in den Mittelpunkt der Sensationsmache und Polithetze einer großen Boulevardzeitung. Die Situation eskaliert, als der Journalist Werner Tötges in ihre Wohnung kommt. Im Vorwort des Buchs  erläutert Böll: „Personen und Handlungen dieser Erzählung sind frei erfunden. Sollten sich bei der Schilderung gewisser journalistischer Praktiken Ähnlichkeiten mit den Praktiken der ‚Bild-Zeitung‘ ergeben haben, so sind diese Ähnlichkeiten weder beabsichtigt noch zufällig, sondern unvermeidlich“. Böll will damit auch auf die seiner Meinung nach negative, konfliktverstärkende Rolle des Sensationsjournalismus im Zusammenhang mit dem linken Terrorismus der 1970er Jahre hinweisen. Die Erzählung wird 1975 von Volker Schlöndorff und Margarethe von Trotta unter dem gleichem Titel verfilmt, woraufhin Böll wird zum Opfer heftiger journalistischer und politischer Attacken wird.
Heinrich und Annemarie Böll treten 1976 aus der katholischen Kirche aus. Im Dezember 1979 unternimmt Böll eine Reise nach Ecuador. Durch eine plötzliche Gefäßerkrankung wird eine Operation in Quito nötig. Nach dem Rückflug 1980 erfolgt eine neuerliche Operation.
„Berichte zur Gesinnungslage der Nation“ (1975) ist eine Satire auf die Sicherheitsorgane der Bundesrepublik. Zusammen mit Günter Grass, der deutsche Publizistin und Journalistin Carola Stern, gibt Böll 1976 die Zeitschrift „L´76“ als ein Forum für die politisch und ökonomisch entscheidende Frage von Demokratie und Sozialismus heraus. Für den Episodenfilm „Deutschland im Herbst“ (1978) schreibt er eine Szene, in der er das Verhalten der Medien satirisch darstellt. Bölls Sympathie gehört den ehrlichen Außenseitern unserer Gesellschaft wie dem Helden der Titelgeschichte „Du fährst zu oft nach Heidelberg“ (1979), der trotz drohenden Berufsverbots weiterhin Ex-Chilenen in Heidelberg besucht und ihnen in selbstverständlicher Weise hilft. „Fürsorgliche Belagerung“ (1979) ist ein Roman über Terrorismus, Sicherheit und Überwachung. Fritz Tolm hätte eigentlich Museumsdirektor werden wollen, aber eine Erbschaft machte ihn zum Verleger und schließlich zum Präsidenten eines mächtigen Interessenverbands. Ein Netz von Sicherheitsmaßnahmen ist nicht nur zu seinem Schutz da, sondern dient auch zur Bewachung und Überwachung seiner Familie. Seine Kinder aber legen wenig Wert auf diese staatliche Betreuung. Sie gehören zur gesellschaftlichen Opposition, und es gibt auch Kontakte zu jungen Menschen, die als Terroristen verdächtigt werden.
In der 1980er Jahren engagiert sich Böll verstärkt für die Friedensbewegung und unterstützt die Partei der „Grünen“. Die Familie gibt 1982 die Wohnung in der Hülchrather Straße auf und zieht in die Nähe Kölns, nach Merten.
In der autobiografischen Skizze  „Was soll aus dem Jungen bloß werden? Oder: Irgendwas mit Büchern“ (1981) erinnert sich Böll mit einer großen Portion Humor an seine Kindheit und Jugend, an das Ende seiner Schulzeit und die immer drängender werdende Frage nach der Berufswahl. In der Erzählung „Das Vermächtnis“ (1982) gilt Oberleutnant Schelling drei Jahre nach Kriegsende immer noch als vermisst. Doch es gibt Zeugen für seinen Tod. Dies sind der frühere Hauptmann Schnecker, der soeben seine Promotion zum Dr. jur. feiert, und Wenk, der Chronist der Ereignisse. Der Kriegsheimkehrer Wenk erfüllt das Vermächtnis seines als vermisst geltenden Freundes Schelling, indem er für dessen jungen Bruder die Geschichte von Schellings letzten Monaten niederschreibt. So kommt endlich zur Sprache, was im Sommer 1943 in der Normandie und später in Russland tatsächlich geschehen ist.
Am 16. Juli 1985 stirbt Heinrich Böll in seinem Haus im Eifelort Langenbroich. Er wird auf dem Friedhof von Bornheim-Merten bei Bonn beigesetzt.
Posthum erscheinen noch einige Werke Bölls, wie der wenige Wochen vor Bölls Tod abgeschlossene Roman „Frauen vor Flusslandschaft“ (1985). Die Romanhandlung spielt im Jahre 1984. In Dialogen und Selbstgesprächen der Romanfiguren entwirft Böll einen ebenso resignierten wie radikalen Blick auf die Bonner Republik. Die Flusslandschaft ist eine Villengegend am Rhein zwischen Bonn und Bad Godesberg. Die Frauen, die im Mittelpunkt stehen, sind Gattinnen und Lebensgefährtinnen von Bonner Politikern und deren Hintermännern, den Bankiers. In einer Welt der Ränke und Intrigen, des Strebens nach Macht und Einfluss, in der sich ihre Männer fast ausnahmslos bewegen, sind sie das heimliche menschliche Korrektiv. Böll hat diese Frauen zu Trägerinnen einer Botschaft der Hoffnung ausersehen.
„Der Engel schwieg“ (1992) ist Bölls erster Roman, der im Nachkriegsdeutschland spielt und ein großer Erfolg wird. Mehr als vierzig Jahre blieb dieser frühe Roman Bölls unveröffentlicht, denn man wollte nicht mehr an das unmittelbar zurückliegende Elend erinnert werden. Im Mai 1945 kehrt der junge Soldat Hans Schnitzler, der mit falschen Papieren desertiert, in seine zerbombte Heimatstadt zurück. Er ist auf der Suche nach Brot, nach einer Bleibe und nach Menschen. Böll stellt die Menschen dieser Zeit dar und berichtet von einer Liebesgeschichte.
Der Band „Der blasse Hund“ (1995) enthält Erzählungen aus dem Nachlass. In diesem Frühwerk, darunter zum ersten Mal ein Text des jungen Böll aus der Vorkriegszeit, wird der kritische und distanzierte Blick des engagierten Schriftstellers deutlich, wenn er über seine Umgebung und seine Zeit berichtet. Den Roman „Kreuz ohne Liebe“ (2002) schrieb Böll 1946/47. Erzählt wird die Geschichte der katholischen Familie Bachem. Es ist die Geschichte zweier Brüder und eine Parabel über den Einzelnen in einem totalitären Regime. Knapp, assoziativ notiert Heinrich Böll in den Kriegstagebüchern der Jahre 1943 bis 1945 „Man möchte manchmal wimmern wie ein Kind“ (2017) was ihn in den letzten Kriegsjahren beschäftigt, quält und am Leben hält.
Ein immer wiederkehrendes Thema in den Werken Heinrich Bölls vom Beginn seines Schreibens bis zu seinen letzten Werken ist die Wiederherstellung der Normalität, die bürgerliche Restauration der alten Bundesrepublik im Geist des rheinischen Katholizismus kleinbürgerlicher Prägung. Er war auf der einen Seite ein großer Erzähler, auf der anderen eine eminente moralische, soziale und politische Instanz.

 

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