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Bücherschau

Werner Herzog - Wer wir Menschen eigentlich sind

Georg Pichler über den Filmemacher Werner Herzog

Seinen ersten Film drehte er mit einer unerlaubt aus der Münchner Filmhochschule „geliehenen“ Filmkamera. Im November 1974 ist er in 22 Tagen zu Fuß von München nach Paris gegangen, um die kranke Filmkritikerin Lotte Eisner zu besuchen, um die Todkranke damit zu retten – sie überlebte tatsächlich (er schrieb darüber sein Buch „Vom Gehen im Eis“, ein großartiges Tagebuch, das auch mehrere Literaturpreise erhielt). 1982 wollte er Deutschland zu Fuß umrunden. „Ich habe mir damals gedacht, dass Deutschland nur mehr etwas ist, was in Fragmenten besteht, die immer mehr am Auseinanderfallen sind“, erklärte er, „und die Vorstellung hat mich nie verlassen, dass, wenn ich um Deutschland herumginge, es umkreisen, fast wie mit einem Gürtel umgeben würde, dass allein durch diesen Gang Deutschland auch in irgendeiner Weise zusammenhaltbar wäre“. Er ging von Sachrang, dem Ort, in dem er aufgewachsen ist, los, zum Bodensee, die westliche Grenze entlang und musste diese Umrundung dann aber an der Nordsee abbrechen, nachdem er krank geworden war. Für seinen Film „Fitzcarraldo“ ließ er einen wirklicher Dampfer über einen wirklichen Berg schleppen. Der Schauspieler Mario Adorf, der ursprünglich den Kapitän spielen hätte sollen, nannte Herzog einen menschenverachtenden und größenwahnsinnigen Regisseur, der nicht nur hunderte von Urwaldbäumen fällen ließ, sondern auch planmäßig das Leben von Schauspielern und Indios riskierte. Und solche Geschichten gibt es zuhauf über ihn. Wer ist dieser Werner Herzog?
Aufgewachsen ist der 1942 in München Geborene in dem kleinen bayerischen Dorf Sachrang, nahe an der Grenze zu Österreich. Dorthin war die Familie vor den Bombenangriffen auf München geflohen. Mit zwölf Jahren zog er mit seiner aus einem kroatischen Offiziersgeschlecht stammenden Mutter Elisabeth Herzog (geborene Stipetić, 1912–1984) wieder zurück nach München. Sein Vater Dietrich Herzog trennte sich von der Familie. Er hat einen älteren Bruder Tilbert und einen jüngeren Halbbruder, Lucki Stipetić, der bis heute mit ihm als Produzent zusammenarbeitet.
Seine Kindheit verbrachte er vollkommen isoliert von der Außenwelt: „Als Kind wusste ich nichts vom Kino, und sogar das Telefon war mir unbekannt. Ein Auto war eine absolute Sensation. Sachrang war – obwohl es nicht weit von München entfernt ist – zu dieser Zeit derart vom Rest der Welt abgetrennt, dass ich etwa bis zwölf nicht wusste, was eine Banane ist, und ich erst mit siebzehn das erste Mal überhaupt telefonierte. Unser Haus hatte kein Wasserklo, überhaupt gab es kein fließendes Wasser. Wir besaßen keine Matratzen. Meine Mutter stopfte getrocknete Farnblätter in Leinensäcke, und im Winter wurde es in unserem Zimmer bisweilen so kalt, dass ich, wenn ich morgens aufwachte, auf meiner Decke eine dünne Eisschicht fand, die mein Atem gebildet hatte. Aber es war großartig, so aufzuwachsen. Wir mussten unser Spielzeug selbst erfinden, wir waren voller Fantasie. Wir erfanden eine ganze Welt um uns herum. Ein bisschen lebe ich nach wie vor in diesem Universum, ich bin z. B. nach wie vor nicht besonders gut am Telefon und erschrecke leicht, wenn es klingelt“.
Kurze Zeit bewohnte er mit seiner Familie in München eine Pension in der Elisabethstraße mit Klaus Kinski, der schon zu dieser Zeit mit exzentrischen Allüren auffiel. Während der Gymnasialzeit arbeitete er in Nachtschicht als Punktschweißer in einer Stahlfabrik, bis er am Maximiliansgymnasium in München Abitur machte und dann neben seinen ersten Filmproduktionen Geschichte und Literatur- und Theaterwissenschaften studierte. Ein Fulbright-Stipendium, mit dem er nach Pittsburgh in die USA kam, brach er bereits nach einer Woche ab und reiste stattdessen in den folgenden Monaten durch Amerika und Mexiko (teilweise mit Martje Grohmann, die er 1967 heiratete; ihr Sohn Rudolph Amos Achmed wurde 1973 geboren).
Im Alter von elf Jahren sah er in der Dorfschule in Sachrang seine ersten Filme. Es war für ihn und seinen Bruder ein Wunder, dass sich Bilder, die von einer Rolle heruntergekommen waren, bewegten. Es waren Dokumentationen, die eine über das Leben von Eskimos, die einen Iglu bauten, die zweite über Pygmäen, die aus Lianen eine Hängebrücke über einen Fluss im Dschungel von Kamerun bauten. Er war fasziniert: „Als Bub wusste ich zuerst nichts vom Kino, ich sah nur, dass am Schluss eine Projektion von Licht dabei herauskam. Doch dann lernte ich, Bilder zu artikulieren, die wir meiner Ansicht nach haben müssen. Seitdem versuche ich zu erforschen, wer wir eigentlich sind. Und da habe ich mich gefragt, ja Kruzifix, wie ist das jetzt auf einmal gekommen, was bin ich eigentlich für ein Mensch, der so ein Ding macht?“
Seit 1962 untersuchte Werner Herzog nun in mittlerweile über sechzig Filmen, wer wir Menschen eigentlich sind – und wer dieser Werner Herzog eigentlich ist. „Immer ging es“, so sein Biograph Moritz Holfelder, „in diesem Kosmos der Bilder um ihn selbst, seinen Traum vom Einklang mit der Natur, von der physischen und psychischen Schwerelosigkeit. Um die schier grenzenlose Unabhängigkeit, die er als Junge in Sachrang erlebt hatte. Um die Sehnsucht, sich erheben zu können, wie damals auf den selbst gebauten Skisprungschanzen. Das Zu-Fuß-Gehen, das einzige Fortbewegungsmittel seiner Kindheit, ist für ihn Passion und Zuflucht geworden, das Fliegen sein großer Wunsch und Traum geblieben“. Seine Mutter Elisabeth sagte einmal über ihn: „In der Schule lernte Werner nichts, zumindest nicht im üblichen Sinn. Er las nie die Bücher, die er lesen sollte, er kümmerte sich nicht um das, was von ihm erwartet wurde. So schien es. Aber in Wirklichkeit bekam er alles mit. Sein Gedächtnis war außergewöhnlich. Hörte er irgendetwas, und sei es nur am Rande, konnte er sich auch zehn Jahre später noch genau daran erinnern, er konnte darüber sprechen und es vielleicht sogar für seine Zwecke nutzen. Er war nur vollkommen unfähig, irgendetwas zu erkläen. Er fasst etwas auf, er sieht es, er versteht es, aber er kann es nicht erläutern. Das ist seine Natur. Alles nimmt er in sich auf. Wenn es herauskommt, dann meist in etwas anderes verwandelt.“
Mit 19 Jahren drehte er 1962 seinen ersten Film, den zwölfminütigen Kurzfilm „Herakles“. 1963 gründete er seine eigene Produktionsfirma Werner Herzog Filmproduktion in München. Es folgten die beiden Kurzfilme: „Spiel im Sand“ und „Die beispiellose Verteidigung der Festung Deutschkreutz“, letzterer gedreht im Schloss Deutschkreutz im Burgenland.
Seinen ersten abendfüllenden Spielfilm „Lebenszeichen“ (1968 veröffentlicht) drehte er im Alter von 24 Jahren. Er begab sich bei diesem Film auch auf die Spuren seines Großvaters, des Philologen Rudolf Herzog, der durch seine Ausgrabung des Asklepieions auf der Insel Kos Bekanntheit erlangte.
Eine Handvoll deutscher Soldaten hockt hier auf einer griechischen Insel in einem historischen Kastell und bewacht ein Depot mit nutzloser griechischer Munition, die sich nicht aus deutschen Waffen abfeuern lässt. Eine Atmosphäre wie ein langweiliger Sommerurlaub, Kasernenstumpfsinn ohne Schleifergebrüll und Exerzieren, auch eine Form von Warten auf den Tod und natürlich eine große Lüge mitten in der Wahrheit des noch immer nicht beendeten Vernichtungskriegs. Einer, der genesende Verwundete Stroszek, hat bereits seinen privaten Frieden mit dem Feind gemacht und eine junge Griechin geheiratet, die nun mit ihm und seinen Kameraden im Kastell lebt. Und ausgerechnet er hält schließlich die Ruhe nicht mehr aus, dreht durch, verschanzt sich im Kastell und erklärt seinen Privatkrieg gegen den Rest der Welt. Für diesen eigenwilligen Anti-Landser-Film erhielt er finanzielle Unterstützung vom Kuratorium junger deutscher Film. In der Kategorie „Bester erster Film“ wurde ihm dafür ein Deutscher Filmpreis verliehen.
Nach dem Film „Fata Morgana“, an dem auch seine Mentorin, die in Paris lebende Filmkritikerin Lotte Eisner mitarbeite, drehte er den Film „Auch Zwerge haben klein angefangen“ (1970), in dem die Bewohner eines Erziehungsheims in einer abgelegenen Provinz, die aus disziplinarischen Gründen nicht mit auf einen Ausflug dürfen, diese ungewohnte Freiheit durch Abwesenheit des Direktors letztlich durch blinde Gewalt und Zerstörungswut ausnutzen. Dargestellt werden sie ausschließlich von kleinwüchsigen Schauspielern – normale Menschen in einer überdimensionierten Welt, der sie nicht mehr gewachsen sind. „Land des Schweigens und der Dunkelheit“ (1971) ist ein Dokumentarfilm, der sich mit der Lebenssituation taubblinder Menschen beschäftigt, indem er beispielhaft einige von ihnen begleitet und porträtiert.
1972 schließlich beginnt die Zusammenarbeit mit Klaus Kinski mit dem Film „Aguirre, der Zorn Gottes“. Es ist der Aufbruch in eine neue Welt. Eine spanische Expedition möchte 1560 im Gebiet der Amazonasquellflüsse das sagenhafte Goldland El Dorado finden. Angeführt wird die Abordnung von Don Pedro de Ursúa und seinem untergebenen Conquistador Don Lope de Aguirre. Die großmannsüchtige Bewegung der Conquistadores kommt immer mehr zum delierenden Stillstand, der Urwaldstrom fließt immer träger, die Orientierung geht schön langsam verloren, und die Ausweglosigkeit wird zunehmend spürbar. Es geht Richtung Untergang. Ein Film über das Scheitern. Und ein Film gegen den Zeitgeist. Von der Kritik verrissen, in Deutschland ein Flop, wurde der Film in Frankreich als bester ausländischer Film ausgezeichnet – unter rangiert heute in vielen Kritiker-Ranglisten unter den wichtigsten Filmen des 20. Jahrhunderts.
1979 drehte er mit „Nosferatu – Phantom der Nacht“ eine grandiose Hommage an Friedrich Wilhelm Murnaus „Nosferatu“. Herzog orientierte sich dabei stark an Murnaus Original. Auch wenn er die Namen des Stoker-Romans verwendet, zitiert er die Charaktere Murnaus fast eins zu eins. Ausstattung und Kameraeinstellung sind in vielen Szenen mit der Murnaus identisch. Das Motiv der sich ausbreitenden Pest wird hervorgehoben. Auch die Anleihen aus wissenschaftlichen Filmen werden übernommen: Während Murnau mikroskopische Aufnahmen zeigt, präsentiert Herzog Zeitlupenaufnahmen des Fledermausfluges. Am Ende des Films löst Herzog sich erst von Murnau und Stoker, indem er seinem Film ein eigenes, pessimistisches Ende gibt. Lucy Harker (gespielt von Isabelle Adjani) besiegt den Vampir ebenso, wie es bei Murnau der Fall war, aber das „Virus“ Vampirismus überlebt im gebissenen Jonathan Harker (dargestellt vom jungen Bruno Ganz), der zum neuen Nosferatu wird. Bei keinem anderen ist der Vampir so übermächtig wie bei Herzog. Sein Biss allein reicht zur Infektion und damit zur Verbreitung der Seuche, der Pest, die Herzog mit einer Unzahl von Ratten noch eindrucksvoller darstellt, als dies Murnau möglich war. Der Film war die zweite Zusammenarbeit Herzogs mit Klaus Kinski, der den Vampir hier ähnlich überzeugend und furchterregend darstellt wie Max Schreck im Original.
Direkt im Anschluss daran verfilmte Herzog mit einem fast identischen Team „Woyzeck“, das nachgelassene Bühnenfragment von Georg Büchner. Die Hauptrolle des einfachen Soldaten Woyzeck in einer kleinen Garnisonsstadt Mitte des 19. Jahrhunderts spielte wieder Klaus Kinski. An seiner Seite agierte Eva Mattes als Marie, die Geliebte, mit der Woyzeck ein uneheliches Kind hat (mit Eva Mattes, mit der er einige Zeit zusammenlebte, hat auch Werner Herzog eine Tochter, die 1980 geboren wurde). Als Marie eine Affäre mit einem schönen Tambourmajor beginnt (Josef Bierbichler), ersticht Woyzeck sie und kommt anschließend selbst um, während er nach der in einem Teich versenkten Tatwaffe sucht. Die große Nähe zum Original wurde von Kritikern, die eine „zeitgemäßere“ Interpretation erwarteten, abgelehnt. Gemischt wurde auch die Kamera- und Schnittarbeit im Film aufgenommen. Einige Kritiker bemängelten, dass dadurch der Film keine moralische Position, etwa zur Hauptfigur, einnimmt und den Zuschauer auf Distanz lässt. Und auch die Darbietungen der Hauptdarsteller Klaus Kinski und Eva Mattes fanden sowohl Lob als auch Tadel.
Als er 1981 beginnt, „Fitzcarraldo“ zu drehen, galt er bereits als international gefeierter Regisseur. Der irische Abenteurer und Opernliebhaber Brian Sweeney Fitzgerald, kurz: Fitzcarraldo, möchte unter allen Umständen seinen Traum, mitten im Urwald ein Opernhaus zu bauen, das der Sänger Enrico Caruso und die Schauspielerin Sarah Bernhardt eröffnen sollen, verwirklichen. Weil er dafür kein Geld hat, kommt er auf die verrückte Idee, ein Schiff über einen Berg zu wuchten, um auf der anderen Seite endlich den Fluss befahren zu können, um zu einem unzugänglichen Kautschukgebiet zu erschließen. Zuerst sollten internationale Stars wie Jason Robards, Mick Jagger und Mario Adorf mitspielen, die alle absprangen, bis auf Claudia Cardinale. Mit ihr und einem überwältigenden Klaus Kinski drehte er seinen bekanntesten Film, dessen Vorbereitung allein zwei Jahre beanspruchte.
1987 drehte er nach dem Buch „Der Vizekönig von Ouidah“ von Bruce Chatwin, der sich wiederum von einem Reisebericht aus dem 19. Jahrhundert inspirieren ließ, den Film „Cobra Verde“. Ein Desperado namens Da Silva wird in Brasilien zu einem gefürchteten Banditen, den man allgemein Cobra Verde nennt. Sein bestimmendes, respekteinflößendes Verhalten fällt einem Zuckerbaron auf, der ihn zum Aufseher über seine Plantagensklaven ernennt. Nachdem Da Silva dessen drei minderjährige Töchter geschwängert hat, wird er auf eine Reise nach Afrika geschickt, wo er neue Sklaven eintauschen soll. Diese Reise, von der der Ruhestörer nicht zurückkehren soll, wird jedoch zu einem Erfolg, da es Da Silva gelingt, durch sein selbstbewusstes Auftreten die lokalen Autoritäten zu beeindrucken und Sklaven für seine Auftraggeber nach Brasilien einzuschiffen. Allerdings lässt ihn der wahnsinnige König von Dahomey, dem heutigen Benin, kurz darauf an seinen Hof verschleppen, wo er in einen Aufstand eines Teils des Hofstaates gegen den Despoten verwickelt wird und als Anführer eines Amazonenheeres hilft, den Thron zu erobern. Als Dank für seine Hilfe wird Da Silva zum Vizekönig ernannt. Da aber kurz danach der Sklavenhandel vom Mutterland Brasilien endgültig eingestellt wird, hat der neue König keinen Nutzen mehr von ihm und vertreibt ihn aus seinem Domizil. Da Silva stirbt schließlich, völlig verlassen und endgültig gescheitert, beim Versuch, mit Hilfe eines Einbaums vom afrikanischen Kontinent in das Nirgendwo zu flüchten. Es war die fünfte und letzte Zusammenarbeit des Regisseurs mit Klaus Kinski.
Nur ganz wenige der rund 30 Filme (vorwiegend Dokumentarfilme), die Herzog seitdem gedreht hat, kamen im deutschsprachigen Raum überhaupt in die Kinos. Im Rest der Welt feiert er hingegen unablässig Erfolge. Seit 1995 lebt er in den USA, wo er 2006 auch die Fotografin Lena Pisetski heiratete (von seiner zweiten Frau Christine Maria Ebenberger, die er 1987 heiratete, und mit der er einen 1989 geborenen Sohn hat, ließ er sich 1994 scheiden).
1999 drehte er über die oftmals sehr schwierige Beziehung zu Klaus Kinski den Dokumentarfilm „Mein liebster Feind“. Herzog zeigt darin auch die mittlerweile legendär gewordenen Wutausbrüche Kinskis, die während des Drehs aufgenommen wurden, sowie Ausschnitte aus Kinskis „Jesus-Christus-Erlöser“-Tournee Anfang der 1970er. Vor allem aber ist der Film ein großes Dokument der Beziehung eines außergewöhnlichen Filmemachers mit einem grandiosen Schauspieler und die Geschichte einer von Machtkämpfen und Eitelkeiten überschatteten Männerfreundschaft.
„Grizzly Man“ (2005) ist einer der herausragenden Dokumentarfilme von Werner Herzog. Er schildert darin kritisch die Geschichte vom Tierschützer Timothy Treadwell, der 13 Sommer lang mit Grizzlybären in Alaska zusammen gelebt hatte. Treadwell und seine damalige Freundin Amie Huguenard wurden dann Anfang Oktober 2003 in ihrem Zelt von einem Bären angefallen und getötet. Der Film besteht zu großen Teil aus Treadwells einzigartigem Videomaterial, das während der letzten fünf Jahre entstanden war. Der „Bärenflüsterer“ tritt häufig selbst vor die Kamera, und nicht selten übernimmt dabei „der Schauspieler die Regie“ (Herzog). Unglaublich ist dabei die Naivität des Mannes, der letztlich von einem Bären gefressen wird.
Für den Film „Begegnungen am Ende der Welt“ (2007) begaben sich Werner Herzog und der österreichische Kameramann Peter Zeitlinger in die Antarktis, um Menschen zu treffen, die dort leben und arbeiten, sowie einige besonders bemerkenswerte Orte des Kontinents aufzusuchen. Gestartet wird an der McMurdo-Station an der Südspitze der Ross-Insel. Weitere Ziele sind unter anderem die original bewahrte Station von Ernest Shackleton, der Südpol und der Mount Erebus. Der Film wurde von Kritikern überdurchschnittlich gut aufgenommen. So schrieb etwa der Filmkritiker Roger Ebert: „Ein Gedicht von sonderbarer Schönheit. Herzog ist ein einzigartiger Filmemacher; sein Film entführt uns in eine Welt, erheblich größer und wunderlicher als unsere eigene. Allein die Unterwasseraufnahmen hätten dem Film genügt, aber er bietet so viel mehr.“
Der nächste Film, „Bad Lieutenant – Cop ohne Gewissen“ (engl. Originaltitel: „The Bad Lieutenant: Port of Call New Orleans“; 2009), ist eine Neuverfilmung des gleichnamigen legendären Thrillers von Abel Ferrara. Die Geschichte handelt von dem drogensüchtigen und korrupten Polizisten Terence McDonagh, verkörpert von Nicolas Cage. Dieser wird aufgrund der Rettung eines Häftlings vor dem Ertrinken während des Hurrikans Katrina zum Lieutenant befördert, verletzt sich bei dieser Aktion allerdings schwer und muss fortan Schmerzmittel einnehmen. Im Fokus des Films steht die Jagd nach dem Drogendealer Big Fate sechs Monate später: Dieser hat eine komplette Familie afrikanischer Einwanderer kaltblütig umgebracht. Neben dem Kampf mit Big Fate wird auch McDonaghs Abhängigkeit von Sex, Kokain und dem Schmerzmittel Vicodin stark thematisiert. Es ist ein atmosphärisch dichter, manchmal exzentrischer Polizeifilm, in dem Nicolas Cage eine Zeitlang „der Herausforderung fast gewachsen ist – ehe dann doch alles zur Karikatur wird. Das, was Cage spielt, und das, was Herzog anstellt. Denn im Remake endet der Höllensturz jäh, und wie in einer Parodie auf die Zwänge Hollywoods wendet sich plötzlich alles zum Guten“ (FAZ).
„My Son, My Son, What Have Ye Done“ (deutscher Titel: „Ein fürsorglicher Sohn“; 2009), ist die erste Zusammenarbeit zwischen Werner Herzog und dem Filmemacher David Lynch, der den Film produzierte. Die Idee dazu stammt von Herbert Golder, der zusammen mit Herzog das Drehbuch schrieb. Das Drama beruht auf einer wahren Begebenheit: Mark Yavorsky, ein hochbegabter und sportlich und künstlerisch erfolgreicher Student, erstach in einem Moment geistiger Umnachtung seine eigene Mutter mit einem antiken Schwert.
Der Film „Die Höhle der vergessenen Träume“ (2010) zeigt Besuche Werner Herzogs in der südfranzösischen Chauvet-Höhle mit einem dreiköpfigen Filmteam. Musikuntermalt werden die einzigartigen Höhlenmalereien, Handabdrücke, Knochenreste und Kristallformationen gezeigt, dazu schildert Herzog seine eigenen Eindrücke. Zwischen den Szenen werden Wissenschaftler interviewt, die ihre Erkenntnisse über die prähistorische Fundstätte preisgeben.
„Tod in Texas“ (2011) zeigt in Gesprächen etwa mit Polizeiangehörigen und einem Gefängnispfarrer ein Bild des US-Justizsystems und der Realitäten der Todesstrafe. Im Zentrum des Films stehen die verurteilten Mörder Michael Perry, der unmittelbar vor der Vollstreckung der Todesstrafe steht, und sein Komplize Jason Burkett, der eine lebenslange Haftstrafe verbüßt. Herzog rekonstruiert die Morde, die zu den Verurteilungen führten, zeigt die Schuldzuweisungen und Rechtfertigungen der Täter; er schildert ihre Lebensgeschichten und Milieus in Interviews mit ihren Familien und Lebenspartnern, aber auch die der Opfer und ihrer Hinterbliebenen. Ein sehr berührender und bedrückender Film.
„In mir gibt es noch eine Menge von richtig guten Geschichten. Herzog-Filme wird es noch eine lange Zeit geben. Die hören nicht auf. Mindestens die nächsten 105 Jahre nicht“, erklärte er vor einigen Jahren beim Münchner Filmfest. Als das Publikum erheitert reagiert, setzte Herzog noch eins drauf und meinte lässig: „Da übertreibe ich nicht“. Nach einer Weile fügte er dann noch hinzu: „Na ja, ein bisschen schon. Aber meine Filme werden die Leute auch noch in 200 Jahren anschauen“. Ganz sicher.

 

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