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Bücherschau

Veza Canetti - Von einer Jüdin kann man nicht so viele Geschichten bringen

Marianne Sonntagbauer über Veza Canetti

Veza Canetti schildert das Wien der Zwischenkriegszeit, geprägt durch Armut und Ungerechtigkeit und artikuliert als überzeugte Sozialistin ihre Sozialkritik mit Sarkasmus und bitterer Ironie. Ihre Sympathie gehört den Menschen der Arbeiterklasse.
Veza Canetti wird am 21. November 1897 als Venetiana Taubner-Calderon in Wien geboren. Der Vater Hermann Taubner ist Kaufmann und stammt aus einer Familie ungarischer Juden. Die Familie der Mutter Rachel Calderon sind spaniolische Juden aus Semlin in Serbien. Nach dem frühen Tod des Vaters heiratet die Mutter Menachem Alkaley, einen reichen und geizigen Witwer aus Sarajewo. Die Familie lebt in einer Wohnung in der Ferdinandstraße im 2. Wiener Bezirk, der Leopoldstadt, wo sie auch die Schule besucht und die Matura macht.
Sie unternimmt Besuche bei Verwandten in England, wo sie ihr Englisch perfektioniert und interessiert sich für Literatur. 1924 begegnet Elias Canetti Veza bei Vorlesungen von Karl Kraus. „Ihre hochgeschwungenen Brauen, ihre langen schwarzen Wimpern, mit denen sie auf virtuose Weise, bald rasch, bald langsam spielte, brachten mich in Verlegenheit“. Ihre Körperbehinderung, der linke Unterarm fehlt, bleibt Zeit ihres Lebens kaschiert und ein Tabu. Veza Canetti gibt privaten Sprachunterricht in englischer Konversation. Einer ihrer Schüler ist Ernst Fischer, ein weiterer Alfred Waldinger, dem sie bei der Übersetzung einer Geschichte der indischen Philosophie ins Deutsche behilflich ist.
Anfang der dreißiger Jahre beginnt Veza Canetti zu schreiben. Sie schreibt über zu kurz gekommene Menschen, denen sie in der Leopoldstadt immer wieder begegnet, von Frauen, die im Dienst an anderen oder in einer schlechten Ehe zugrunde gehen. Sie schreibt unter den Pseudonymen Veza Magd, Veronika Knecht, Martina Murner, Martha Murner, Martin Murner. Unter dem Pseudonym Veza Magd veröffentlicht sie die Erzählung „Geduld bringt Rosen“ in der Anthologie „Dreißig neue Erzähler des neuen Deutschland. Junge deutsche Prosa“ (1932) von Wieland Herzfelde im Berliner Malik Verlag. Es ist ihre erste Buchveröffentlichung, der zu ihren Lebzeiten keine weitere folgt.
In der Wiener „Arbeiter-Zeitung“ gelingt Veza Canetti die Publikation von Erzählungen. Die Arbeiterpresse ist mit ihrer Unterhaltungsbeilage oft die einzige Fortbildungsmöglichkeit für Frauen. 1932 erscheint hier die erste Erzählung „Der Sieger“ und „Geduld bringt Rosen“ von Veza Magd. Bei einem Preisausschreiben 1933 der „Arbeiter-Zeitung“ für die beste Kurzgeschichte beteiligt sich Veza Magd mit der Erzählung „Ein Kind rollt Gold“, die den zweiten Preis erhält. Ein erster Preis wird nicht vergeben. In der Jury sitzt neben Ernst Fischer, zuständig für Tagesnachrichten und Feuilleton, unter anderem auch Otto König, dem der Literaturteil obliegt. 1933 wird „Der Fund“, „Der Zwinger“, „Die Große“ und „Der Dichter“ von Martina Murner, „Der Verbrecher“ von Veza Magd, die Novelle „Der Kanal“ und „Der Neue“, beide von Martha Murner in der „Arbeiter-Zeitung“ gedruckt. Auch in anderen Zeitungen, wie der  Saarbrückner „Deutschen Freiheit“, werden 1933 und 1934 die Erzählungen „Die Große“, „Der Verbrecher“ und „Der Dichter“ veröffentlicht. 1934 erscheinen „Drei Helden und eine Frau“ von Veronika Knecht in „Neue Deutsche Blätter“ und 1937 „Hellseher“ im „Wiener Tag“, „Das Schweigegeld“ und „Geld – Geld – Geld“ in „Die Stunde“, alle von Veza Magd.
Im Mai 1931 erfolgt der Austritt aus der Israelitischen Kultusgemeinde. Trotz Ausweitung des Antisemitismus in Österreich tritt sie im Jänner 1934  erneut bei, möglicherweise als demonstrativ politischer Akt oder in Verbindung mit der am 29. Februar 1934 erfolgten Heirat mit Elias Canetti, promovierter Chemiker und späterer Nobelpreisträger für Literatur. Ruth von Mayenburg, Schriftstellerin und Publizistin, erinnert sich in „Blaues Blut und rote Fahnen“, dass „Elias Canetti sehr arm gewesen sei. Die Ehefrau trug die Hauptlast einer kärglichen Existenz“.
Als Sozialistin werden für Veza Canetti nach den Februarkämpfen 1934 die Publikationsmöglichkeiten geringer. „Ich selbst bin Sozialistin  und schrieb in Wien für die Arbeiter-Zeitung unter drei Pseudonymen, weil der sehr liebe Dr. König, der wieder eingesetzt ist, mir bärbeißig klarmachte, bei dem latenten Antisemitismus kann man von einer Jüdin nicht so viele Geschichten und Romane bringen, und Ihre sind leider die besten“, berichtet sie Rudolf Hartung, Lektor des Willi Weismann Verlags in München. Veza Canetti schreibt ihren Roman „Die gelbe Straße“, eine lockere Folge von einzelnen Erzählungen, in die sie auch bereits publizierte Texte einflicht und der unveröffentlicht bleibt. 1934 entsteht „Der Oger“, ein Theaterstück nach den Motiven einer Erzählung aus der „Gelben Straße“. Veza Canetti arbeitet als freie Lektorin für Wieland Herzfelde.
1935 erfolgt der Umzug in ein Haus in Grinzing, das zur Kulisse des Romans „Die Schildkröten“ wird. Nach dem nationalsozialistischen Einmarsch am 12. März 1938 verlieren die Canettis ihre Wohnung. Sie ziehen in eine Pension in Döbling. Der Progromnacht im November 1938 entkommen sie durch Flucht, zunächst nach Paris, wo Elias Canettis Bruder Georg als Arzt arbeitet. Im Jänner 1939 erreichen sie London. Der Roman „Die Schildkröten“ entsteht über die Ereignisse des letzten Jahres, den ein englischer Verlag im Juli annimmt. Doch der Kriegsausbruch verhindert die Veröffentlichung. Nach der Flucht ist Geld weiterhin ein Problem. Veza Canetti führt von London aus geschäftliche wie private Korrespondenzen. Sie wird Mitglied des Free Austrian PEN. 1947 erscheint ihre Übersetzung von Graham Greens „The Power and the Glory“ unter dem Pseudonym Veza Magd im Verlag Heinemann & Zsolnay in London. Ihre Versuche nach Kriegsende Verleger für ihre Prosa und Theater für das Stück „Der Oger“ zu interessieren sind zahlreich, doch ohne den geringsten Erfolg. „Buch ist von mir keines erschienen, denn meinen Wiener Roman wollten die Verleger nicht zur Übersetzung riskieren, weil auch Nazis vorkommen, und ich schreibe leider Theaterstücke, und kenne keine Theaterdirektoren“, schreibt sie an Wieland Herzfelde. 1948 nimmt sie Kontakt mit dem Schauspielhaus Zürich wegen des Dramas „Der Oger“ auf. Sie schreibt an Rudolf Hartungs Frau, mit dem sie auch nach der Liquidation des Weismann Verlages in Kontakt stand, „Dr. Hartung soll bitte auf keinen Fall mein Stück lesen“. „Sie war stolz und voller Scham“, so schildert Ernst Fischer sie in seinen „Erinnerungen“. Dies gilt  allem Anschein nach insbesondere für ihre Werbung in eigener Sache. Selbst engsten  Bekannten der Canettis bleibt ihr Schreiben verborgen. Sie führt ein zurückgezogenes Leben und widmet sich in England im Laufe der Jahre immer stärker der Beförderung von Elias Canettis literarischem Schaffen. Fern von ihren Wiener Wurzeln gerät sie in den Schatten ihres Mannes. 1956 wird ein Roman von einem Verlag abgelehnt. In einem Ansturm von Schwermut vernichtet Veza Canetti viele ihrer Manuskripte. Bis zum Jahre 1956 schreibt sie weiter, dann gibt sie es auf. Am 1. Mai 1963 stirbt Veza Canetti in London.  
Weder Elias Canettis Lebensgeschichte „Die Fackel im Ohr“ (1982) noch der Folgeband „Das Augenspiel“ (1985) enthält einen Hinweis darauf, dass Veza Canetti selbst Schriftstellerin war. Der entscheidende Anstoß dafür, dass Veza Canetti zu Beginn der neunziger Jahre einem großen Leserkreis als Schriftstellerin bekannt wird, geht auf Helmut Göbel von der Universität Göttingen zurück, der hinter dem Pseudonym Veza Magd die Schriftstellerin Veza Canetti entdeckt. „Elias Canetti habe immer auf einen Anstoß von außen gewartet, weil er seine zunehmende Bekanntheit nicht zum Anlass nehmen wollte, die literarischen Arbeiten seiner Frau ins öffentliche Gespräch zu bringen“. Canetti hat einen Teil seines Nachlasses, den die Zentralbibliothek Zürich archiviert, noch bis 2024 sperren lassen. Dann wird sich zeigen, ob sich noch weitere Dokumente über ihr Leben und weitere Schriften von Veza Canetti finden.

Die gelbe Straße
Der  Roman „Die gelbe Straße“ (1990) besteht aus einer Reihung von Episoden um wiederkehrende Personen. Die Ferdinandstraße in der Wiener Leopoldstadt, wo sie wohnt, ist die Straße der Lederhändler und Kosmos der jüdischen Welt. Es ist die Zeit der dreißiger Jahre, geprägt von Arbeitslosigkeit, Verzweiflung und sinkenden moralischen Werten. Veza Canetti berichtet in einem ironisch-distanzierten Stil mit Anteilnahme und bissigem Spott von tyrannischen Ehemännern, missglückten Ehen, Mitgiftjägern, geldgierigen Hausherrn, verarmten Bürgersfrauen, hilflosen Frauen und Kindern, die um ihre Existenz kämpfen, von der Stellenagentur, von der Trafik, wo Tratsch ausgetauscht wird.
In „Der Unhold“ wird die verkrüppelte Frieda Runkel im Kinderwagen vom Dienstmädchen Rosa über die Straße geschoben. Ein Motorrad zermalmt Rosa und nicht Runkel, die sich aus Verzweiflung über ihr elendes Leben den Tod wünscht. Runkel besitzt zwei
gegenüberliegende Geschäfte, eine Trafik und ein Seifengeschäft, die sie unnachsichtig überwachen kann. Herr Pilatus Vlk, ein krankhafter Pedant, denunziert die Angestellte Lina wegen einer Verspätung und Runkel entlässt sie aus Missgunst und Bosheit. Die Kündigung verschafft ihr für kurze Zeit die wohltuende Aufmerksamkeit der Kunden, die für die Verkäuferin intervenieren kommen.
Herr Iger heiratet in „Der Oger“ seine Frau Maja ihrer Mitgift wegen, finanziert geschäftliche Abenteuer, ist zu  Hause ein Geizhals, der seine Frau misshandelt und schlägt. Selbst qualvolle Demütigung seiner Kinder setzt er ein, um seine Habgier zu befriedigen. Alle  Ausbruchsversuche scheitern. Sie versucht ihre Zwangsehe zu lösen, scheitert aber an der Ehe- und Familienrechtsprechung ihrer Zeit. Das Testament ihres verstorbenen Vaters verspricht Geld und einen unabhängigen Wohnraum. Er treibt seine Frau in den Wahnsinn. Sie vergisst das Passwort für ihr Erbschaftskonto, den Namen des Vaters, sodass ihr Mann leer ausgeht.
„Der Kanal“ führt ins ausbeuterische und zwielichtige Dienstvermittlungsbüro der Frau Hatvany. Gescheiterte Selbstmörderinnen kommen in ein von der Polizei geführtes Heim für Hausgehilfinnen, wo sie Kost und Quartier bekommen.
Herr Sandoval heiratet in „Der Tiger“ seine Frau Andrea des Geldes wegen und investiert das Vermögen in falsche Geschäfte. Sie ist gezwungen das Haushaltsgeld durch Klavierspiel im Cafe Planet aufzubessern, das von Herrn Tiger, einem Schwerenöter, betrieben wird.
In „Der Zwinger“ wird Frieda Runkel in ihrem Seifenladen von zusammenstürzenden Kisten erschlagen. Hedi, das Dienstbotenkind, entdeckt das Geld, das ein Winkelbankier im Haus der Hedi versteckt hat und spielt damit. Ihr Hund bewacht das Geld vor der gierigen Meute. Hedi hilft einem armen Mädchen aus dem Kinderheim heimlich zu ihrer Mutter zu fahren. Herr Vlk, der sich von Detektivbüros schriftlich Auskunft über sich selbst einholt, endet in der Wiener Nervenheilanstalt „Am Steinhof“.
Veza Canetti skizziert in den Erzählungen die Gesellschaft der Zwischenkriegszeit, die von extremen Spannungen aufgrund der großen sozialen Unterschiede und der Armut der Menschen gekennzeichnet war. Sie schildert mit knappen und präzisen Charakterbeschreibungen, mit scharfzüngigen Dialogen, mit großer Anteilnahme und bissigem Spott die teils kuriosen, teils heiteren und vielfach tragischen Begebenheiten.
„Der Oger (1991), ein aus der Erzählung umgearbeitetes Stück, wurde 1992 vom Zürcher Schauspielhaus uraufgeführt.

Geduld bringt Rosen
Im Erzählungsband „Geduld bringt Rosen“ (1992) skizziert Veza Canetti das Leben von Menschen, die in bedrückenden Verhältnissen im Wien der Zwischenkriegszeit leben, sei es durch ihre Geburt oder durch Niedertracht und Willkür anderer Menschen ausgeliefert.
In „Geduld bringt Rosen“ wird der ehrliche Bürobote Mäusle samt seiner Familie von Bobby Prokop ruiniert, der keine Skrupel kennt und Spielschulden mit Lohngeldern begleicht.
Die aufstrebende Anna Seidler, die für ihre Geschwister zu sorgen hat, arbeitet sich in „Der Sieger“ in einer Stofffabrik von einer Hilfskraft zur Sekretärin hoch, scheitert an ihrem schlichten Äußeren und somit unattraktiv und untauglich für eine Affäre mit ihrem Chef, Herrn Siegfried Salzmann.
Der Schaubudenbesitzer Georg Burger hält in „Der Verbrecher“ seinen Sohn durch Schauermärchen davon ab, Geld für eigene Vergnügungen zu beanspruchen. Phantasiebegabt bringt Georgie eine Schulklasse als Kundschaft. Er wird von den Jungen ins  Kino zum Film „Emil und die Detektive“ geschmuggelt. Es entsteht ein Missverständnis über einen Sitzplatz, der Direktor weist einen Mann hinaus. Georgie entlarvt diesen als Kapitalisten und Verbrecher und verlässt aus Protest den Saal.
In „Der Neue“ wird der Zeitungsverkäufer Seidler, ehemals in einem Schmuckgeschäft angestellt, von Konkurrenten als Schmuckdieb denunziert.
„Drei Helden und eine Frau“ erzählt vom Mut der Hausbesorgerin Schäfer, die in den Februartagen 1934 junge verfolgte Sozialisten in einer Wiener Wohnung versteckt.
Veza Canetti unternimmt in „Der Seher“ das Experiment sich auf die Wahrnehmungsmöglichkeiten eines Blinden zu beschränken.

Die Schildkröten
Der Roman „Die Schildkröten“ (1999) spiegelt die eigenen Erlebnisse im nationalsozialistischen Wien. Andreas Kain, ein jüdischer Dichter, lebt mit seiner Frau Eva in einer Villa am Stadtrand Wiens. Die Schildkröten haben in diesem Werk Symbolcharakter. Wie Schildkröten, die sich in ihrem Panzer zurückziehen, versuchen die Kains mit der Gefahr umzugehen. Sie hoffen auf ein baldiges Ausreisevisum, welches ihnen die Flucht ins englische Exil ermöglicht. Angesichts der Ereignisse des Jahres 1938 hat die Bankierstochter Hilde einen Plan sie mit einem heimlich gekauften Flugzeug zu retten, das ihr der SA-Mann Pilz beschaffen soll, doch der Plan misslingt. Werner, ein Geologe, wird als Opfer einer Verwechslung statt seines Bruders Andreas Kain deportiert. Somit wird die Ausreise nach England ermöglicht.
Im Sammelband „Der Fund“ (2001) versammelt Veza Canetti verschiedene kuriose Figuren.
In „Die Große“ begreift ein fröhliches Mädchen, dass es in der Schule bestraft wird, weil ihre Mutter arm ist.
Ein junger Dichter übt in „Der Fund“ einen Tag lang geregelte Arbeit in einem Fundbüro aus.
In „Der Dichter“ zieht es Gustl zur Poesie. Hier wird der Sieg des Geistes über alle Drangsal geschildert.
In „Pastora“ wird einem bettelarmen Mädchen die letzte Illusion geraubt und in „Drei Viertel“ bleibt eine Vierecksbeziehung geheimnisvoll in der Schwebe. Marie, das Mädchen mit dem krummen Rücken, schiebt den Hut immer weit in den Nacken, weil sie ihren Rücken verstecken will und Anna zieht ihren Hut in die Stirn, um ihr entstelltes Gesicht zu verbergen. Britta hat frische Schönheit. Sie ist die einzige Frau, die nicht bemüht ist etwas an ihrem Körper zu verstecken. Ob sie glücklich ist, bleibt unklar. Das Herstellen von Bildern von Anna und von Marie durch den Maler Bent trägt in der Erzählung dazu bei, die Reflexion des Blicks von außen als positiv wahrzunehmen.
Über die Angriffe der deutschen Luftwaffe auf London handeln „Der letzte Wille“ und „Air raid“, wo eine alte Dame Zuflucht in Krimis vor der Realität des Krieges und der Bombardierung des eigenen Hauses findet.
In „Herr Hoe im Zoo“ steigt ein entrüsteter Bürger aus Weltekel in den Raubtierkäfig, weil  kein Tier so bösartig wie der Mensch sei. Glücklicherweise verwendet er Lavendelseife, die der Löwe nicht leiden kann.
Ein Wissenschaftler verfällt in „Die Flucht vor der Erde“ auf die Idee, sich selbst in die Erdumlaufbahn zu katapultieren. Seinen Tod wünscht er sich fern der Erde, deren Bewohner ihn mehr und mehr befremden.
„Hellseher“ stellt eine amüsante Gesellschaftsanekdote dar.
In „Toogoods oder das Licht“ lebt ein ausländisches Paar in Untermiete beim geizigen Pastor Toogood und seiner Frau in der Nähe von London. Kritisch und humorvoll skizziert Veza Canetti den misslichen Alltag mit dem Geiz der Hausherren und der ständigen Angst vor Bomben.
Im Lustspiel „Der Tiger“ treibt eine Frau in Wien in die Arme eines Kaffeehausbesitzers und im Lustspiel „Der Palankin“ zieht ein Einbrecher in einem Londoner Nobelviertel erfolglos von Villa zu Villa, weil er immer mit der Aussicht auf reichen Profit vertröstet und zum Nachbarn geschickt wird, hier sei mehr zu holen.
Frühe Prosaversuche finden sich hier ebenso wie Geschichten aus der Kriegs- und Nachkriegszeit, die eine Ahnung vom Leben der Canettis im Exil geben. Die Lustspiele sind mit Ernst und Milieukritik geschrieben, in den Prosastücken schildert sie mit sanfter Ironie das Leid.
In „Briefe an Georges“ (2006), Briefe die 2003 in Paris gefunden wurden, schreiben Veza und Elias Canetti bereits 1933 an Elias Canettis jüngeren Bruder Georges Canetti, Arzt und Tuberkuloseforscher in Paris. Sie schreiben ihm beide vom Alltagsleben in Wien, von der politischen Situation in Österreich und vom  Aufkommen des Nationalsozialismus, von ihren Ängsten einer Verfolgung, vom ärmlichen Emigrantenleben, vom  hochkomplizierten Eheleben, von Eskapaden, von Krankheit und Depression. Veza Canetti pflegt eine schwärmerische Zuneigung zu Georges Canetti, der sich eher zu jungen Männern hingezogen fühlt und der ihr in ihrer schwierigen Beziehung zu Elias Canetti als Rückhalt dient.
Veza Canettis Zugehörigkeit zum Judentum war über die Zeit literarischer und persönlicher Bedrohung hinaus zum Schicksal geworden. Ihre Texte sagen durch ihre unverwechselbare Eigenart sehr viel über die Autorin aus. So ergibt sich das Bild einer intellektuell unabhängigen Frau voller Mitgefühl und Humor für andere, fern jeder Sentimentalität. Erst nach ihrem Tod wurde Veza Canetti als bedeutende Autorin bekannt.

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