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Bücherschau

Per Petterson - Die Schatten der Zeit

Heimo Mürzl über Per Pettersons meisterhafte Beschreibungen männlicher Gefühlswelten und konfliktträchtiger Familienszenarien

Per Petterson, geboren am 18. Juli 1952 in Oslo, zählte in seiner Heimat schon zu den angesehensten und erfolgreichsten Autoren, als 1999 mit „Sehnsucht nach Sibirien“ erstmals ein Roman von ihm ins Deutsche übersetzt wurde. Der Roman über das Schicksal eines dänischen Geschwisterpaares während des zweiten Weltkrieges verhandelt auf gekonnte Weise das kleine Glück in den großen Verheerungen, die das Leben bereithält. Petterson erzählt von einer Geschwisterliebe ganz besonderer Art, vom politischen Widerstand gegen die deutschen Besatzer und von den Träumen und Hoffnungen des Geschwisterpaares. Jesper, drei Jahre älter und politisch aktiv, möchte gerne einmal nach Marokko, seine jüngere Schwester sehnt sich nach Sibirien, das sie am liebsten mit der Transsibirischen Eisenbahn erkunden möchte. Die Zeit des Einmarsches der deutschen Truppen schweißt das Geschwisterpaar noch stärker zusammen – Jesper bewirft die Eindringlinge mit Kuhmist, während seine Schwester einen Gestapomann ohrfeigt. Immer wieder stößt Petterson das Tor zur Tragödie weit auf, öffnet den Weg hin zum Abgrund, zum Absturz, und genauso oft bleiben seine Romanprotagonisten davon unbeeindruckt und verschont. Ein Gespräch zur richtigen Zeit hilft schon über das Gröbste hinweg, oder auch nur ein Blick oder ein Gedanke. Zwar sind die Geschwister dem mitunter grausigen Spiel des Schicksals ausgesetzt, doch nie hoffnungslos, nie völlig hilflos. In dieser schwierigen Zeit politischer und privater Katastrophen gibt ihnen ihre Freundschaft Halt und Zuversicht.  Petterson erzählt diese berührende Geschichte einer Geschwisterliebe ganz ohne Aufdringlichkeit und öffnet so den Blick auf große Emotionen, Liebe, Gewalt und Tod. Während die Kritiker von Pettersons erstem ins Deutsche übersetzten Roman durchaus angetan waren, blieben die Leser eher zurückhaltend – erst sieben Jahre später gelang dem norwegischen Autor mit „Pferde stehlen“ der endgültige Durchbruch zum verkaufsträchtigen Erfolgsautor im deutschsprachigen Raum.

VON DER RUHE DES ALTERS UND DER UNRUHE DER JUGEND

Trond Sander ist über sechzig, als er der hektischen Betriebsamkeit der Städte den Rücken kehrt und sich in eine Hütte in den einsamen Wäldern Norwegens zurückzieht. Seine Frau ist gestorben, er ist in Pension und sein Rückzug wird zu einer emotionalen Reise in die Vergangenheit. Er erinnert sich an ein ähnliches Plätzchen, an dem er den Sommer 1948 mit seinem Vater verbrachte und erfuhr, dass dieser eine andere Frau liebte. Der jugendliche Trond erfährt auch, dass sein Vater während seiner monatelangen Abwesenheiten im Krieg für den norwegischen Widerstand gegen die deutschen Besatzer gekämpft hatte. Nach diesem Sommerurlaub verschwand der Vater und ließ ihn und seine Mutter allein. Jetzt, in der Einsamkeit der norwegischen Wälder, wird Verdrängtes aufgearbeitet und im analysierenden Erinnern gelingt Trond die Versöhnung mit seinem verschollenen Vater. Trond erkennt eines – wir entscheiden selbst, ob etwas richtig ist oder nicht, ob etwas weh tut oder nicht und ob etwas heilen kann oder nicht. In einer eindringlichen, poetisch-rhythmischen Prosa und atmosphärisch dichten Beschreibung kreist Petterson in diesem Roman die großen Lebensthemen ein: Liebe und Tod, Alter und Krieg, Jugend und Leidenschaft, Trennung und Verzeihen. „Wir sollten nie mehr so zusammen laufen. (…) Aber an diesem Tag in Karlstad liefen wir Arm in Arm die Straße entlang. Mein neuer Anzug saß leicht am Körper und folgte mir mühelos bei jedem Schritt. Der Wind kam weiterhin eisig vom Fluß zwischen den Häusern hindurch, und meine Hand fühlte sich geschwollen an und schmerzte dort, wo die Nägel durch die Haut gedrungen waren, als ich sie so fest zur Faust geballt hatte, und doch fühlte sich in diesem Augenblick alles wunderschön an: Der Anzug war schön, die Stadt war schön, wenn man auf dem Straßenpflaster lief, und wir entscheiden schließlich selbst, wann es weh tut.“ Die existenziellen Fragen, die Petterson anhand dieser problematischen Vater-Sohn-Beziehung anspricht, sind auch jene, die die Welt im Innersten zusammenhalten. Letztlich ist „Pferde stehlen“ nicht nur eine Vater-Sohn-Geschichte, sondern auch ein gelungener Roman über das würdevolle Altern. Er müsse jetzt die Zeit mit Aktivitäten füllen, denkt Trond, „um sie aufzuteilen, so dass sie für mich deutlich wird und nicht vergeht und verschwindet, ohne dass ich es merke“.  Lediglich ein Jahr später, im Jahr 2007, erschien im Gefolge des überwältigenden Erfolgs von „Pferde stehlen“ mit „Im Kielwasser“ ein weiterer autobiographisch getönter Erinnerungsroman in deutscher Übersetzung. So behutsam wie eindringlich erzählt Petterson in diesem Roman die Geschichte des 43-jährigen Schriftstellers Arvid, dessen Vater zusammen mit seiner Mutter und seinen zwei jüngeren Brüdern bei einem verheerenden Schiffsbrand ums Leben kam. Einzig sein älterer Bruder hat das Unglück überlebt. Arvid scheint seit dem Unfall nur mehr über die Vergangenheit nachzudenken, und nach und nach lernt er, mit seinen ambivalenten Gefühlen dem Vater gegenüber umzugehen – war der doch in fast allem sein genaues Gegenstück. Per Pettersons Kunst besteht unter anderem darin, in seinem Schreiben Tragik und Komik, Freude und Leid zu vereinen.

Buchseite um Buchseite verheddern sich die Figuren in dem unsichtbaren Netz, das ihnen ihr Schicksal auslegt und das Leben stellt ihnen Fragen, an deren Beantwortung sie mitunter ein Leben lang arbeiten: Wie geht man mit Einsamkeit um, welchen Stellenwert nimmt die Familie ein, von der man sich weitgehend zurückgezogen hat, und wie bewältigt man all die Spannungen, die sich ergeben, sobald man an die Vergangenheit der einzelnen Familienmitglieder denkt? Indem Arvid sich zur Geschichte seiner Familie vortastet, indem er wortwörtlich „um sein Leben schreibend“ Schicht für Schicht der Familiengeschichte und der mit ihr verbundenen Personen freilegt, gelangt er schließlich zu befreienden Erkenntnissen über seinen Vater. Petterson erzählt von menschlichen Extremsituationen, Augenblicken größter Not und größter Nähe zwischen Menschen und tut das auf ebenso aufrichtige wie geradezu meisterhafte Art und Weise: unspektakulär und trotzdem eindringlich, so behutsam wie nachdrücklich.

STIMMUNGEN UND SPANNUNGEN EINER ZEIT IM UMBRUCH

Nicht nur die Vatergestalten sind in Pettersons Romanen oft schwierige und verhaltensauffällige Charaktere, auch die Mütterfiguren sind ambivalente Persönlichkeiten, die nicht selten mit dem Rücken zur Wand stehen und alleingelassen und hilflos auf ihr sprachloses Unglück zusteuern. Um die Stimmungen und Spannungen einer Zeit im Umbruch einzufangen, genügen dem norwegischen Autor  glaubwürdige Romanfiguren und deren nachvollziehbare Lebenswelten. In seinem Roman „Ich verfluche den Fluss der Zeit“ sind es Arvid Jansen und dessen todkranke Mutter, die in die Dramen ihres Lebens zurückblättern. Als Arvid Jansen, der Ich-Erzähler des Romans, frisch geschieden und selbst auf der Suche nach Halt und Sicherheit in seinem Leben, von der Krankheit seiner Mutter erfährt (die Diagnose Magenkrebs lässt wenig Hoffnung für noch viele verbleibende Lebensjahre aufkommen), reist er zu ihr ins jütländische Örtchen, wohin sich seine Mutter ins kleine Sommerhäuschen der Jansens zurückgezogen hat. In diesem Buch erfährt der Leser, wie das Leben in der Erwartung eines absehbaren Endes ist oder sein kann, und was das Abschiednehmen mit den Erinnerungen macht.

Die Geschichte von Arvid Jansen und dessen todkranker Mutter, ihrer wortkargen und doch auf gewisse Weise zärtlichen Annäherung und Aussöhnung zeigt auch Pettersons unverwechselbares Gespür für Menschen in existenziellen Ausnahmesituationen. Wie es dem norwegischen Autor auf meisterhafte Art gelingt, anhand der Beschreibung des Fällen eines alten Baumes (Arvid, von seiner Mutter immer noch Knirps genannt, fällt eine riesige Kiefer vor dem Sommerhäuschen, die seiner Mutter schon immer ein Dorn im Auge war) lakonisch, vage und doch einfühlsam-unmissverständlich zu schildern, wie einfach es mitunter trotz aller Probleme sein kann, Verständnis für andere aufzubringen und Nähe zuzulassen und aufzubauen, ist gleichermaßen berührend wie erschreckend. Erschreckend auch deshalb, weil man nicht immer Dank erwarten kann. Arvids Mutter, die die Kiefer schon immer weghaben wollte, dankt ihrem Sohn die großen Mühen kaum: „Sie hatte die Kiefer schon vergessen“. Nichtsdestotrotz vermittelt Petterson mit Szenen wie dieser vor allem eines: „Es kommt auf uns an. Man muss nur wollen.“

2011 veröffentlichte der Hanser Verlag auch endlich das fulminante Romandebüt des literarischen Seismografen der norwegischen Gesellschaft in deutscher Übersetzung. Und einmal mehr erweist sich Petterson darin als kluger Beobachter und raffinierter Beschreiber von Menschen und ihrem Tun. „Ist schon in Ordnung“ spielt zwischen 1965 und 1970 in den Jahren des gesellschaftlichen und kulturellen Aufbruchs – auch im Land der wild-romantischen Fjorde und unüberschaubaren Tannenwälder. „Der Herbst kommt, und ich trage Zeitungen aus. Gerade ist Jimi Hendrix gestorben, und im Radio läuft ‚Hey Joe‘, und ich habe den Führerschein gemacht“, heißt es zu Beginn des zweiten Kapitels dieses klassischen Entwicklungsromans. Der junge Held, Audun Sletten, weigert sich beharrlich und mit viel Geschick und Schläue sich mit dem scheinbar Unvermeidlichen abzufinden. Auch wenn der Alltag meist trist und hart erscheint und die Familie weder Geborgenheit noch Sicherheit zu vermitteln vermag. Der Vater von Audun säuft und prügelt, die Mutter flieht vor der alltäglichen Gewalt in die Großstadt Oslo und hält sich mit Putzjobs einigermaßen über Wasser. Audun sucht sich seine eigenen Fluchtwege – einen Sommer lang lebt er in einer Bude aus Pappkartons. „Die Zukunft ist da draußen“, predigt er sich selbst und „Geh und hol sie dir!“ So stellt sich Audun Sletten trotz der drängenden Ungewissheit als Kind einer rebellischen Zeit, gewappnet mit Jeans und Sonnenbrille und der rebellischen Energie der Rockmusik seiner Aufgabe: „Immer vorwärts!“ „An diesen Song reicht kein anderer heran. Er ist so voller Hass, dass ich Lust hätte, mich sofort auf die nächste Bank zu legen und Gewichte zu stemmen“, versucht Audun seiner Mutter die Einzigartigkeit von Bob Dylans „Like a Rolling Stone“ zu erklären. Als bester Fluchtweg erweist sich für Audun aber die Literatur – er liest wie besessen und beschließt voll Euphorie Schriftsteller zu werden. In seine graue Gegenwart schieben sich mehr und mehr rosa Zukunftsbilder, die ihn ermutigen, die Schulausbildung abzubrechen und in einer Druckerei zu arbeiten. Auch wenn er von den altgedienten Arbeitern schikaniert wird, lässt er sich nie unterkriegen und kämpft um die Verwirklichung seiner Träume. Am Ende hat er den Übergang ins Erwachsenenalter geschafft, vor allem dank der Literatur und Lehrmeistern wie dem alten Abrahamsen, der von seiner Jugend in Hull erzählt, vom „besten Pub der Welt, wo sich Männer in zerschlissenen grauen Klamotten über Gewerkschaftspolitik und Poesie unterhielten. (…) Ja, Poesie, und wenn du mich fragst, war das die schönste Zeit in meinem Leben. Weißt due, Audun, es gibt so vieles auf dieser Welt. Nicht nur das Hier und Jetzt.“ „Ist schon in Ordnung“ ist ein wunderbarer Roman über das Erwachsenwerden. Eine präzise und doch so einfühlsame Beschreibung der emotionalen Berg- und Talfahrten des jugendlichen Helden und ein gekonntes Balancieren zwischen Weltschmerz, trockenem Witz und pointierter Menschenbeobachtung.

FREUNDSCHAFT UND ERKENNTNIS

In seinem eben in deutscher Übersetzung erschienenen Roman „Nicht mit mir“ widmet sich Per Petterson wieder der Erkundung und Analyse männlicher Lebenswelten und Seelenlagen. Er erzählt von Tommy und Jim, die als Jugendliche die besten, fast unzertrennlichen Freunde waren, bis das Leben für Entfremdung sorgte und sie auseinanderriss. Nach 30 Jahren treffen sie sich zufällig auf einer Autobrücke wieder. Aus Tommy, der als knapp 14-Jähriger seinen prügelnden Stiefvater mit einem Baseballschläger Paroli bot („Ich hob das Schlagholz über die Schulter, dass es mein Ohr berührte, und ich zielte mit der mir verbleibenden Kraft in einem zischenden Schlag auf sein Schienbein, sein rechtes Bein, sein Schussbein, und traf es mit einem Geräusch, an das ich mich heute noch erinnere. Und obwohl er sich weit auf dem Sessel zurückgelehnt hatte, fiel er vornüber auf die Knie und ging zu Boden, rollte herum und blieb ausgestreckt auf dem Rücken liegen“), um seine Schwester Siri und die Zwillinge zu beschützen, ist ein gut situierter Investment-Banker geworden. Sein Freund Jim, ein Bibliothekar, der einst relativ behütet bei seiner frommen Mutter aufwuchs, ist schon über ein Jahr lang wegen psychischer Probleme nicht mehr zur Arbeit gegangen und vertreibt sich beim Angeln die Tage. Das zufällige Wiedersehen der alten Freunde sorgt dafür, dass Erinnerungen wachgerufen werden und Vergangenes aktuell wird. Wie kaum  ein zeitgenössischer Autor analysiert und beschreibt Petterson die männliche Psyche mit großer Aufrichtigkeit und einfühlsamer Genauigkeit und entwickelt Erzählschritt für Erzählschritt (s)eine ganz unverwechselbare Magie.

In stimmigem Wechsel aus Erinnerungen und aktuellen Szenen erzählt er die Lebensgeschichten von Tommy und Jim – von ihrer Freundschaft, ihren Lebenslügen, ihrer Wut, ihrer Trauer und ihrem Mut und ihrem Lebenshunger. Petterson tut das in einem ganz unverwechselbaren Tonfall, der auch  Ina Kronenberger, der kongenialen Übersetzerin aller ins Deutsche übersetzten Romane von Petterson zu verdanken ist. Der britische Literaturkritiker James Wood beschrieb diesen Tonfall 2012 im „New Yorker“ wie folgt: „His sentences yearn to fly away into poetry; it is rare to find prose at once so exact and so vague.“ Treffender kann man es auch in deutscher Sprache nicht formulieren.

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