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Bücherschau

Leutgeb, Kurt - Humana fraus

Eine brisante Episode aus altrömischer Zeit

Hat Kurt Leutgeb in seinem 2011 erschienenen Kurzroman „Kirchstetten“ noch drei Geschichten nacheinander erzählt, die sich an den in der Osthälfte Österreichs liegenden Orten gleichen Namens zugetragen haben, so schildert er in „Humana fraus“ zwei Versionen eines Vorfalls, den Titus Livius im achten Buch seiner „Römischen Geschichte“ über das Seuchenjahr 331 vor unserer Zeitrechnung erwähnt.
Leutgeb berichtet parallel, indem er die Seite teilt. Diese Art der Darstellung lehnt sich, wie er sagt, an den Roman „Menuett“ des belgischen Autors Louis Paul Boon an. Auch Terézia Mora erzählt in „Das Ungeheuer“ (2013) auf zwei Ebenen parallel. Sie trennt oberen und unteren Teil durch eine Linie; bei Leutgeb sind es fünf Leerzeilen und auffallend groß und fett gedruckte Seitenzahlen, welche die beiden Textblöcke auseinanderhalten. Es geht, einer klassischen Fünf-Akt-Struktur folgend, vor allem um historische Treue. Durch großes Einfühlungsvermögen in Sprache und Szenerie macht der Autor deutlich, dass man der Überlieferung nicht trauen kann.
Kernthema seiner Erzählung ist eine Seuche. Die meisten Familien der herrschenden Schicht sind betroffen. Die Krankheit verläuft immer gleich: Hände und Füße laufen blau an, man erbricht alles, was man zu sich nimmt, „wird rasch schwach, siecht noch kurz (...) dahin und stirbt“.
Wer es sich leisten kann, bezieht Heilmittel „aus den Kräuterküchen einiger patrizischer Matronen“, welche die enorme Nachfrage nur mit Hilfe von Sklavinnen und Sklaven stillen können. Diese schuften fast ohne Pause wie die „als Teil römischer Kriegsbeute in die Stadt“ gekommene Prima. Als man ihr unter Androhung („sonst werde es ihr schlecht ergehen“) verwehrt, zur alljährlichen Feier ihres Sonnengottes zu gehen, vertraut sie sich Quintus Fabius Maximus an, der als kurulischer Ädil über Rechtssprechungsgewalt verfügt. Sie offenbart ihm, dass die Seuche „kein Werk des Himmels“, sondern von Menschen gemacht ist, weil in den Kräuterküchen statt Heilmitteln Gift hergestellt wird. Es kommt zum Prozess, wo die Matronen felsenfest behaupten, dass ihre Säfte Medikamente sind. Sie nehmen deshalb auch Kostproben; kurz darauf aber sind sie tot.
Dass da etwas nicht stimmen kann, ist klar. Denn während man normalerweise an der Seuche „frühestens ein paar Tage nach dem Auftreten der ersten Symptome“ stirbt, ist bei den Matronen zwischen der Einnahme des Giftes und dem Eintreten des Todes nicht einmal eine Stunde vergangen. Die Senatoren erklären das damit, dass in den Kräuterküchen „ein Giftkonzentrat hergestellt“ worden sei, welches die Kunden mit Wasser verdünnt erhalten, die Frauen vor Gericht jedoch pur und unvermischt getrunken haben. So ist das, was man ursprünglich als Seuche betrachtet hat, in Wirklichkeit die Tat besessener Frauen. Um ihre bösen Geister zu vertreiben, muss in die dafür vorgesehene Tafel „am Minerva-Heiligtum des Kapitolinischen Jupiter-Tempels“ ein Nagel eingeschlagen werden. Erst durch ihn kann sich die Kraft Minervas und Jupiters entfalten und diese Geister unschädlich machen.
Ums Entfalten geht es auch Spurius Novinius in Variante zwei der Geschichte, die im unteren Teil erzählt wird. Er will Volkstribun werden. Das geht aber nur, wenn er die Namen seiner Kontrahenten in den Schmutz zieht und ihre Geschäfte zerstört. So bietet er einer Sklavin (hier heißt sie Thrax) eine Belohnung an, mit der sie sich freikaufen kann, wenn sie dem kurulischen Ädil gegenüber nur behauptet, dass die Seuche nicht durch Dürre, sondern „durch menschlichen Frevel“ verursacht wird. Obwohl sich der Ädil (weil sie seiner Meinung nach nicht zum einfachen Idiom einer Sklavin passt) an der Formulierung „durch menschlichen Frevel“ stößt und sicher ist, dass „jemand Gebildeter“ ihr diese Wendung eingebläut hat, bringt er die Angelegenheit vor den Senat. Und das Schicksal nimmt seinen Lauf. Denn dass in den Kräuterküchen Gift gefunden wird, dafür ist natürlich gesorgt. Spurius Novinius weiß, wie sowas geht. Nur auf eins legt er Wert: „Keine Mitwisser zu haben“.
Leutgeb erzählt diese brisante Episode aus altrömischer Zeit spannend und schnörkellos. Leider hat sich daran, dass Menschen betrügerische Absichten verfolgen, über die Jahrhunderte nichts geändert. Das ist eine wenig überraschende Erkenntnis, die man aus „Humana fraus“ ziehen kann; eine andere: Dass dieser scharfsinnige, innovative und emphatische Text die schriftstellerischen Fähigkeiten seines ungemein wandlungsfähigen Autors eindrucksvoll unter Beweis stellt.
Andreas Tiefenbacher

Leutgeb, Kurt - Humana fraus
Erzählung. Klagenfurt: Sisyphus 2015. 81 S. – kt .: € 7,00 (DR)
ISBN 978-3-901960-90-1


 

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