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Bücherschau

Breier, Isabella - Anfang von etwas

Turbulente, poetische Wortkaskaden

Die in der Reihe „Lyrik aus Österreich“, welche sich (laut Verlagsinfo) zum Ziel gesetzt hat, „gegen Beschränkung und Beschränktheit in der aktuellen Lyrik anzutreten“, erschienene Sammlung widmet sich acht verschiedenen Themenbereichen, beginnend mit „Von Schlangen, die häuten“ über „Von Köpfen, die rollen“, „Von Bildern, die bersten“ bis zu „Von Griffen, die schief gehen“ hin zum „Leben ... oder so“.
In den meisten Gedichten geht es turbulent zu: Da werden „Baumkronen auf Beerensträucher postiert“ und Rührungen im „Erinnerungshaushalt zu kotfarbnem Brei“ gerührt. Da wird „einer Regenhymne auf den Durst gesprungen“ und gezeigt, dass „die volle Schnauze auch nix hilft“, wenn einem die Welt „Tag für Tag Nerven zupft aus (s)einem System“.
Darum sind diese kraftvollen, dynamischen, ironisch aufgeladenen lyrischen Gebilde, die voller ingeniöser Beobachtungen stecken, und denen freche, emphatische Bilder entschlüpfen, auch nicht „als Schäfchen geschmückt“. Sie gebärden sich mehr wie ein „trashiger Sandmann / (der) mit etlichen Wassern / gewaschenen Betriebsrudeltieren / revolutionäre Krähenfüßchen / zwischen Lid-, Lippen- und Stirnfalten spritzt“. In ihrer wütenden Leichtigkeit und Frische wachsen ihnen regelrecht Flügel. Sie avancieren zum „Himmelsschauspiel / (...) mit abgehobenen Köpfen“, um sich im nächsten Moment in Presslufthämmer zu verwandeln, die statt Luft kritischen Rotz versprühen, zum Beispiel auf den vermeintlich generösen Charity-Herrn. Denn in Wirklichkeit ist der ein Schlimmer, „diniert in Palästen / kopuliert hinter Hütten / (...) und wirft schlafenden Mädchen / statt Goldmünzenmärchen / trendy Schwefelhölzchen zu“.
Ein Widerling ist aber auch der „blöde teufel“, der „am sofa fläzt / (...) seine hörner ölt / mit après-sun vom drogeriemarkt“ und „mit vollem mund“ auch noch murmelt.  Nicht minder unsympathisch ist der „Herr Geschichtenerzähler“, wenn er dem aus der „Feierabendfeldforschung“ Schlüsse wie: „Grundeinkommen! Vermögenssteuern! Enteignung der Superreichen!“ ziehenden „Urkommunenweib“ mit Formeln kontert wie: „Neidgesellschaft! Feind des Privateigentums! (...) Gerechtigkeit nicht machbar“.
Breier scheut sich nicht, ihren Fokus auf die gesellschaftlichen Wunden zu richten, in denen man „sehr viel Jammertal“ zu sehen bekommt, wo „soziale Gleichheit“ einfach „so halt“ nicht möglich ist. In ihrer zärtlichen Waghalsigkeit brechen diese Gedichte „hinter grundelnden Stunden / sinnverströmt gedankengurgelnd“ hervor. Nicht eins ist „metrisch verloren oder / so was von ein- / sil- / big“. Im Gegenteil. Es spielt jedes „die erste Geige“, begegnet man in ihnen doch pointierten, spritzigen, feingesponnenen Versen. In „Protokolle, live vom 71er“ dokumentieren sie Spezifika eines Soziotops. „Dieses Elend, Elend!“ wird spürbar; „wie arm man wirklich sterben darf!“, weiß aber kein Gott. Kein Wunder also, dass man „ihn tiefer (hängt), Jahr für Jahr!“
Isabella Breier, studierte Philosophin und Trainerin für Deutsch als Zweitsprache, verfügt über ein seismografisches Sprachgespür. Ihre Gedichte folgen einem ganz eigenen Code. Es wird „gepackt gerupft / (…) rausgewürgt / (…) verloren und nur mehr gespuckt“. Man gerät in „paradiesische Zustände“, erhält „Pflegeanleitungen für verlassene Klänge“ und begegnet einem lyrischen Ich, das (beim Menschheitsbetrachten ungehalten geworden) „gegen Gottvaters Leistungsträgerleistungsbegriff / mit Blut den Apfel spritzen“ und „Adam, dem Intriganten / vor aller Augen / den raschelnden Weizen abschneiden“ will.
Im „Handlungsraum“ dieser Gedichte sind „alle möglichen Fenster“ weit geöffnet. Die Bandbreite des Erörterten ist groß, als würde man auf eine abenteuerliche Reise gehen. Nie mangelt es an Abwechslung und Spannung: Man biegt „auf scharfgeschwungene Landstraßen“, gerät in „höhenflüge, overdone“, kommt schließlich „beim Dornbusch“ vorbei, trifft „wüstenbewohner“, macht „Zwischenbilanz“ und steht am Ende wieder vor dem „Leben … oder so“. Mit „Schmalspurroutine“ wird man diesem bemerkenswerten Büchlein auf alle Fälle nicht gerecht. Es verlangt exaktes Lesen, bis es „in den Augen brennt“. Genau dann entfalten seine poetischen Wortkaskaden ihr Aroma, als hätte die Autorin bei jedem Vers ihre „Fäuste / in Milch mit Honig gebadet, / um statt süß zu fragen / viel süßer zuzuschlagen“.
Andreas Tiefenbacher

Breier, Isabella - Anfang von etwas
Gedichte. Horn: Berger 2015. 64 S. - br. : € 16,50 (DL)
ISBN 978-3-85028-622-0


 

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