Bücherschau

Gruber, Sabine - Am besten lebe ich ausgedacht

Journalgedichte
Wenn ein geliebter Mensch aus dem Leben verschwindet, beginnt sowohl das Vergessen als auch das Erinnern. An Orte, an Gegenstände, an Verhaltensweisen, an Gerüche und an Bilder, die unvermutet und mit einer gewaltigen Hingebung vereinnahmen. Sabine Gruber dichtet über die Jahreszeiten, aber ebenso über Tagesfolgen und Orte, mit poetischer Traurigkeit und Zuversicht, feinfühlig und empathisch: „Schreiben / Um zu lieben, wenn kein Sprechen mehr hilft. / Kein Schlaf. Wenn ich erblinde, weil ich dich / Und mich nicht mehr finde“ (S. 14). 
Die Liebe, ob an ihr gelitten oder um sie gestritten, sehnsüchtig oder sinnlich, ist ein steter Begleiter durch Grubers poetisches Kalendarium: „(…) Im Boden vergraben / Wachsen über den Winter junge / Triebe, nur die Liebe verkümmert / Zertrümmert die ausladenden / Äste, sägt am Mutterbaum, als / Ob sie dennoch bliebe“ (S. 29). 
"Am besten lebe ich ausgedacht" ist Sabine Grubers vierter Lyrikband und viele Gedichte erinnern an den Künstler Karl-Heinz Ströhle, langjähriger Lebenspartner der Autorin, der 2016 überraschend starb. „Noch einmal bleibt / Vom Sehnen mehr als nur die Flucht, / Vom Traum der lose Saum. Noch einmal / Sag ich, was sich keine traut: Ich lebe / In der Cloud“ (S. 15). Eine zarte und gleichzeitig kräftige poetische Stimme klingt aus den Gedichten, die immer wieder dazu einladen, aufs Neue gelesen zu werden. 
Rudolf Kraus
 
Gruber, Sabine - Am besten lebe ich ausgedacht
Journalgedichte. Innsbruck: Haymon 2022. 47 S. - br. : € 18,00 (DL)
ISBN 978-3-7099-8158-0
 


 

 

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