Bücherschau

Hübner, Alfred - Die Leben des Paul Zech

Eine Biographie
Paul Zech (1881-1946) war einer der bekanntesten Dichter des deutschen Expressionismus und später der Exilliteratur. Er schilderte in seinen Werken wirklichkeitsgetreu die Arbeitswelt zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Er war mit zwölf Gedichten in der legendären expressionistischen Lyrik-Anthologie „Menschheitsdämmerung“ (1919) von Kurt Pinthus vertreten und erhielt 1918 den Kleist-Preis. Heute gehört Zech allerdings zu den vergessenen Dichtern; Heute kennt lediglich noch seine Nachdichtungen der Balladen und lasterhaften Lieder des François Villon (ein Bestseller bei dtv), ansonsten ist er ziemlich vergessen. Neben seinem umfangreichen literarischen Schaffen fasziniert Paul Zech jedoch immer wieder durch seine, sagen wir mal, problematische Persönlichkeit. Er hatte viele Leben: als äußerst produktiver Schriftsteller, aber auch als Lügner, Dieb, Ehebrecher, Betrüger, Hochstapler, Egozentriker … die Aufzählung könnte man fortsetzen. Er manipulierte seinen Lebenslauf aus Geltungsdrang mit dichterischer Phantasie nach Belieben. 
Kein Wunder also, dass endlich eine große Biografie über ihn erscheint. Und dennoch ein Wunder, denn der Autor der Biografie, Alfred Hübner, legt hier nicht weniger als sein Lebenswerk, die Frucht seiner lebenslangen Beschäftigung mit Leben und Werk Paul Zechs vor. Seine lebendig erzählte und jahrelangen Recherchen beruhende Biografie vergleicht sämtliche Legenden Zechs mit Zeugnissen. Heraus schält sich ein Leben, das wahrlich aus mehreren Leben besteht. Paul Zech manipulierte seinen Lebenslauf nach Belieben. 
Als Sohn eines Seilers aus Westpreußen besuchte er kein Gymnasium und auch die Promotion zum Dr. phil. (erließ sich immer mit „Herr Doktor“ anreden) war frei erfunden. Dr. Zech führte ein Doppelleben mit Familie und Sängerin Hilde Herb, die er gern als seine Frau ausgab. Die Jahre nach dem Ersten Weltkrieg bedeuteten den Höhepunkt seiner literarischen Karriere. Später zerstritt er sich mit seinen Verlegern, wurde Hilfsbibliothekar in der Berliner Stadtbibliothek und nach Plagiatsvorwürfen 1929 aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen. 1933 wurde sein umfangreicher Bücherdiebstahl im Dienst bekannt – er hatte 2500 Bände nebenbei verkauft. Angesichts einer Vorladung bei der Kriminalpolizei verschwand er Anfang August 1933 aus Berlin und schiffte sich nach Buenos Aires ein. Dort gab er sich als Verfolgter und ausgebürgerter Linksintellektueller (was er durchaus war) aus, dessen Bücher sogar verbrannt worden seien (was nicht stimmt). 
Seine langen Expeditionen, die er in den 1930er Jahren gemacht haben will, darunter nach Brasilien, Peru oder Chile, die er in Berichten abenteuerlich beschrieb, sind naturgemäß bloße Fiktion. Sein auf lange Sicht erfolgreichste Werk Zechs, „Die Balladen und lasterhaften Lieder des Herrn François Villon“ sind keine Übersetzungen, sondern Nachdichtungen und Neudichtungen. Hier findet sich etwa das (vor allem durch Klaus Kinski) berühmte Gedicht „Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund“, das es bei Villon original aber gar nicht gibt. Auch seine umfangreiche Biografie über Francois Villon hat er sich vorwiegend aus den Fingern gesogen. Mit einer sogenannten Übersetzung von Arthur Rimbaud verfuhr er ebenso. Der Villon hat es auf über 30 Auflagen gebracht und Zech postum zum Erfolgsautor gemacht – tragischerweise halt nicht unter seinem eigenen Namen. 
Dies und viel mehr akribisch und spannend erzählt kann man in diesem umfangreichen, wuchtigen und grandiosen Buch von Alfred Hübner nachlesen, einem Standardwerk. 
Simon Berger
 
Hübner, Alfred - Die Leben des Paul Zech
Eine Biographie. Morio 2021. 935 S. : zahlr. Ill. - fest geb. : € 49,40 (BI)
ISBN 978-3-945424-91-9
 

 

 

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