Bücherschau

Prettin, Anne - Die vier Gezeiten

Roman über vier Generationen
Die vier Gezeiten stehen für 4 Generationen, aber auch für die vier Töchter der Familie Kießling, einer alteingesessenen Vorzeigefamilie auf Juist, einer kleinen Insel in der Nordsee. Eine Welt für sich. Jeder kennt hier jeden ... oder vielleicht auch nicht. Denn in der Gemeinde und in der bekannten Großfamilie herrscht „quälende Sprachlosigkeit“, wie die Autorin selber sagt. 
Die Wurzeln der Familiengeschichte liegen mehr als sieben Jahrzehnte zurück. Es beginnt 1934, als sich dunkle Wolken über Deutschland ausbreiten. Die ortsansässigen Nationalsozialisten treiben auch auf der Insel ihr Unwesen, jagen jüdische Mitbürger, spielen sich als die neuen Herren über Recht und Ordnung auf. Diese Entwicklung trifft zwei junge Menschen besonders hart – die junge Johanne liebt Gustav, der muss aber als Jude unter dramatischen Umständen fliehen und lässt, ohne es zu wissen, Johanne schwanger zurück. Der Krieg bricht auch über die Menschen auf der Insel herein und wirbelt die Familienmitglieder durcheinander. Einige flüchten nach Dresden, wo sie in die entsetzlichen Bombennächte geraten. Die Großmutter stirbt, die kleine Adda geht verloren. Schicksale, die sich tausendfach ereigneten. 
Die Politik spaltet auch nach dem Krieg das Land, die DDR schafft eigene Regeln und wieder bleibt vielen nur die Flucht. In den 50er Jahren finden sich langsam die Familienmitglieder wieder auf Juist zusammen. Johanne heiratete den ehrbaren Dr. Kießling, kämpft um ihr Erbe und alle beginnen ein neues Leben auf der Insel. Das Hotel de Tiden muss mühsam revitalisiert werden und der Kampf ums Überleben beginnt von Neuem. Zaghaft beginnt aber auch der Tourismus und es keimt Hoffnung auf.
Wieder sind es die Frauen der Familie, die Stärke und Mut beweisen: Johanne, die Mutter, Adda und ihre vier Töchter. Sie haben die Kraft, alles neu aufzubauen, aber sind noch immer von verstaubten Verhaltensregeln und alteingesessenen Denkweisen behindert. Ein uneheliches Kind ist eine Schande, da muss „man“ schnell eine Ehe eingehen, damit man eine „ehrbare“ (Ehe-)Frau bleibt. Oder man geht ins Wasser ... Und auch die Männer tricksen und täuschen, um etwas darzustellen oder Problemen aus dem Weg zu gehen. Man arbeitet, lebt und schweigt. 
Das ganze mühsam aufgebaute Konstrukt der Familiensaga gerät aber ins Wanken, als 2008 eine junge Frau aus Neuseeland auf die Insel kommt und in eine Familienfeier platzt. Sie wurde adoptiert und will ihre Wurzeln hier suchen. Und sie sieht, unleugbar, wie Adda aus. Wer ist sie? Wie gehört sie zur Familie? Wessen Kind ist sie? Nun muss sich jeder Einzelne der Familie der Vergangenheit stellen, ob er/sie will oder nicht. Ein spannender, schmerzhafter Prozess, der viele Geheimnisse schonungslos auferstehen lässt. Und es werden etliche verschwiegene, vergessene oder verdrängte Episoden der Vor- und Nachkriegszeit endlich geklärt. 
Eine packende Familiengeschichte, die die Vergangenheit aufarbeitet, so wie es in vielen Familien in Deutschland geschehen ist oder geschehen hätte sollen. 
Renate Oppolzer
 
Prettin, Anne - Die vier Gezeiten
Roman. Köln: Lübbe 2021. 480 S. - fest geb. : € 22,70 (DR)
ISBN 978-3-7857-2731-7
 

 


 

 

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