Bücherschau

Mosser, Birgit - Die Stunde der Wölfe

Familiensaga
Der letzte Teil der Familiensaga beginnt im März 1938 in Wien. Wir, die meist „jüngeren“ Leser kennen diese Zeit Gott sei Dank nur aus den Geschichtsbüchern und den Schwarz-weiß-Filmen der alten Wochenschauen und der Besatzungssoldaten. Mehr oder weniger gut kennen wir auch die Geschichte dazu, die tiefe Spaltung der Bevölkerung. Die politischen Gruppierungen – Nationalsozialisten, Sozialdemokraten, Austrofaschisten, Kommunisten. Die Politik spaltet Familien, Ehen, Freundschaften. Es ist die Zeit unserer Urgroßeltern, Großeltern und Eltern und viele von uns Nachgeborenen meinen oft: „Warum habt ihr das mitgemacht? Habt ihr nicht gewusst, was kommt?“ 
In „Die Stunde der Wölfe“ ist es Birgit Mosser wieder gelungen, hinter die geschichtlichen Fakten und politischen Entwicklungen zu schauen. Anhand von einzelnen Personen und ihren Familien wird die Vergangenheit lebendig, bekommt ein Gesicht eine Stimme und berührt uns zutiefst. Sei es der junge Max Webern, der ein Mitarbeiter des Kanzlers Kurt von Schuschnigg ist, sei es die jüdische Familie Rothen, die ihr Schicksal in seiner ganzen Härte nicht erahnen kann oder der Patriot Julius Holzer, der mit allen Mitteln seine Heimat Südtirol verteidigen will oder der Arzt Werner Webern, der seine jüdische Frau verrät, um Karriere zu machen. Sie alle taumeln ihrem erbarmungslosen Schicksal entgegen. Im KZ, an der Front, in Stalingrad oder im Bombenhagel – es gibt kein Entrinnen. Keiner kann die Zukunft erahnen. Überlegungen und Entscheidungen können die Macht der Geschichte nicht aufhalten. Man liest, mit dem historischen Wissen im Hinterkopf, atemlos und erschüttert, wie sich die politischen Wirrnisse den Menschen entgegenstellen. Ob sie wollen oder nicht, ob Täter oder Opfer. 
Es ist ein spannendes und bewegendes Buch, das einen gefangen hält. Und man kann nur demütig froh sein, dass man diese Zeit nicht miterleben und erleiden musste. Um den vorliegenden Roman verstehen zu können muss man nicht die ersten zwei Romane („Der Sturz des Doppeladlers“ und „Kinder einer neuen Zeit“) gelesen haben, aber viele Leser werden dies sicher nachholen. Man will mehr über die Geschichte und den Werdegang der Familien wissen. So lebensecht ist der Roman, so nahe gehen einem die handelnden Personen. 
Renate Oppolzer
 
Mosser, Birgit - Die Stunde der Wölfe
Roman. Wien: Amalthea 2021. 320 S. - fest geb. : € 25,00 (DR)
ISBN 978-3-99050-179-5

 

 

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