Bücherschau

Navid Kermani - Haltung im Angesicht von Ungerechtigkeit und Unmenschlichkeit

Robert Leiner über Navid Kermani

(c) Hanser Verlag
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Er erhielt heuer den Ehrenpreis des Österreichischen Buchhandels für Toleranz in Denken und Handeln, wurde 2017 bei der Wahl des deutschen Bundespräsidenten als möglicher Kandidat ins Gespräch gebracht und gehörte bereits 2010 auf Vorschlag der hessischen Grünen der 14. Bundesversammlung an. Und er hielt anlässlich der Feierstunde des Deutschen Bundestags zum 65. Jahrestag des Grundgesetzes eine vielbeachtete Festrede. Neben dem Kleist-Preis bekam er 2015 auch den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels zugesprochen als Nachfolger etwa von Albert Schweitzer, Martin Buber und Romano Guardini und vielen anderen großen Denkern. Osten und Westen, nicht zuletzt der Friedenspreis zeigt auch, wie sehr die Europäer AutorInnen schätzen, die beides zusammenbringen. Navid Kermani ist ein idealer Verbindungsmann: Er ist gläubiger und kundiger Muslim, zugleich moderner, auch links geliebter Intellektueller. Brillant, belesen und engagiert schreibt er über Sex wie über Christusbilder, über die Schönheit des Korans und Kleists, Krisengebiete und Flüchtlinge. Kermani ist gewissermaßen das Musterkind einer intellektuellen Ehe zwischen deutscher und islamischer Kultur. Und er ist ein Mann der Schrift wie der Öffentlichkeit, gehört zur Spezies des engagierten Intellektuellen, auf die man in Deutschland und Österreich schon viele Nachrufe geschrieben hat. Und darüber hinaus ein geschätzter Autor von Romanen. 
 
 
Seine Literatur ist im besten Sinn transreligiös und transkulturell und zeigt Haltung im Angesicht von Ungerechtigkeit und Unmenschlichkeit. In seinem wissenschaftlichen Werk, seinen Reportagen, Romanen und Reden eröffnet er tatsächlich tiefe Blicke in wenig beachtete Lebenswelten. 
Navid Kermani wurde 1967 in Siegen als vierter Sohn iranischer Eltern geboren, die 1959 in die Bundesrepublik Deutschland eingewandert waren. Sein Vater ist Arzt und arbeitete im katholischen St.-Marien-Krankenhaus Siegen. Drei ältere Brüder von ihm sind ebenfalls praktizierende Ärzte. Er hat die deutsche und die iranische Staatsbürgerschaft und wuchs in der vom Protestantismus geprägten Stadt Siegen auf, wo er auch das Gymnasium besuchte. Bereits als Schüler im Alter von 15 Jahren arbeitete Kermani als freier Mitarbeiter für die Lokalredaktion der „Westfälischen Rundschau“. Während des Studiums schrieb er für überregionale deutsche Zeitungen und von 1996 bis 2000 war er fester Autor im Feuilleton der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Er studierte Orientalistik, Philosophie und Theaterwissenschaft in Köln, Kairo und Bonn. Unterstützt von der Studienstiftung des deutschen Volkes verfasste er eine Dissertation mit dem Titel „Gott ist schön“ (die 1999 auch als Buch erschien), womit er 1998 im Fach Orientalistik in Bonn promoviert wurde. 2006 habilitierte er sich im Fach Orientalistik mit der Schrift „Der Schrecken Gottes – Attar, Hiob und die metaphysische Revolte“. Von 2000 bis 2003 war er Long Term Fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlin. Heute lebt er mit seiner Frau, der Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur, und zwei Töchtern in Köln.
Seine Dissertation „Gott ist schön“ (im Untertitel: „Das ästhetische Erleben des Koran“) war 1999 auch seine erste Buchveröffentlichung. Es ist eine gut lesbare Monographie, eine brillante Studie, die zum Verstehen des Islam beiträgt. Die musikalische Rezitation des Koran ist für Muslime eine ästhetische Grunderfahrung und Ausgangspunkt faszinierender Gedankenreisen. Kermani führt den Leser hier in wesentliche Bereiche des Islams und grundsätzlich in die Beziehung von Kunst und Religion, ästhetischer und religiöser Erfahrung ein.
Kermani ist auch als Reporter aus den Krisengebieten der Welt bekannt geworden. Im Jahr 2000 erschien sein Buch „Iran. Die Revolution der Kinder“ mit seinen Erlebnissen im Iran, die er in diesem spannenden Buch verarbeitete. In zwölf eindrucksvollen Reportagen zeichnet er darin ein stimmiges und sehr menschliches Bild des qualvollen Reformprozesses. 
Die Themen der literarischen Arbeit Kermanis kreisen um menschliche Grenzerfahrungen angesichts des Todes, im Alltag, der Erfahrung der Musik oder der Sexualität. „Das Buch der von Neil Young Getöteten“ ist eine Hymne auf das Leben. Es ist nicht nur eine „Huldigung“ an den Songschreiber und Sänger Neil Young, sondern verknüpft eine Art „Theologie der Kunst“ mit einer Melancholie des Daseins und sogar der „Säuglingspflege“. Kermani eröffnet sein Buch nämlich mit der Beschreibung eines „ästhetischen Wunders“, denn seine neugeborene, an Koliken leidende Tochter wurde bei den Liedern Neil Youngs plötzlich ruhig. Kermani fasst zusammen, was das Leben erträglich werden lässt: Das genaue Hinschauen, der Humor und die Gemeinschaft mit anderen. Anhand einer winzigen Pause in einem Stück Youngs entwickelt er eine ganze „Theologie unsrer mörderisch tiefen und trivialen“ Existenz, und das auch noch mit „leichter Hand“. 
Die Leidenszeit mit der Tochter auf dem Arm und die Erfahrung mit Young als Musiktherapeut hat Kermani als Klammer für sein Buch über Young verwendet. Unorthodox, aber eindrücklich nähert er sich seinem Helden, indem er das Leiden seiner Tochter mit den Lieblingsthemen von Young gleichsetzt: die Vertreibung aus dem Paradies, der unerschütterliche Glaube an ein besseres Leben, irgendwann, irgendwo. Kermani betreibt intensive Songstudien von „Last Exit To Tulsa“ über „Pocahontas“ bis zu „Down By The River“ und er streut gern auch Gleichnisse aus der islamischen Mystik in seinen Text. Ihm geht es mit Neil Young um alles: um Leben und Tod, ums Werden und Vergehen. 
„Vierzig Leben“ (2004) handelt vom Glück, von der Freiheit, von der Würde. Und 37 weiteren Wörtern, bekannt aus Kirche und Werbung, die Navid Kermani literaturhistorisch schüttelt und philosophisch zersägt, um am Ende jene Winzigkeit wundervoll poetisch ausgekratzt zu haben, die an ihnen noch sagbar ist, ohne zu relativieren. In vierzig Leben, vierzig Heiligenbiografien aus Köln und Umgebung schöpft er so etwas wie einen Katechismus unserer Zeit. 
In „Du sollst“ (2005) beschreibt er sodann die intime Landschaft zwischen Mann und Frau. Gibt es dabei Regeln? Der Erzähler tritt in diese Landschaft ein, und was er uns von seinen Begehungen und Wanderungen durch die Täler und auf die Höhen dieser Topographie erzählt, ist nichts weniger als ein erotisches Stationenverzeichnis des an Konflikten und Reibungspunkten reichen Zusammenlebens von Mann und Frau. Sein alttestamentarisches „Du sollst“ setzt die biblischen Gesetze nicht außer Kraft, nein, er behauptet ihre Gültigkeit, indem er auf das Verhalten, die Ängste und Sündenfälle zwischen zwei heute Liebenden blickt und solchen, die sich einmal geliebt haben. Die Sprache des Buchs ist unverblümt und zugleich voller Poesie, eine Sprache, die an die heiligen Bücher der Menschheit erinnert, auch und gerade, wo sie den Schmutz nicht scheut. Den Fängen dieser deftigen Geschichten wird man sich als Leser nicht so schnell entziehen können. 
Sein folgender Roma, mit dem lapidaren Titel „Kurzmitteilung“ (2007) ist ein Roman über die Alltäglichkeit des Todes und das Tödliche unseres Alltags. Der knapp 40-jährige Eventmanager Dariusch erfährt in seinem Rückzugsort Cadaqués per SMS vom Tod einer entfernten Bekannten. Naturgemäß ist er zunächst irritiert, sogar bestürzt über die so plötzliche wie abstrakte Konfrontation mit dem Tod. Aber da er die Frau nur flüchtig kennt, findet er zunächst keinen Grund, aus der Routine des Sommerabends auszubrechen. Sein Leben und das Leben als solches wird weitergehen, als wäre Maike Anfang nicht gewesen. Doch etwas sperrt sich in ihm dagegen, zur Tagesordnung überzugehen. Wieso stirbt Maike Anfang? Wieso stirbt jemand einfach so? Wenn ihr Tod ohne Grund war, muss es dann nicht auch sein Leben sein? In der Schlaflosigkeit des frühen Morgens beschließt er, sich in den Zug zu setzen und zurückzukehren nach Köln. Er will die Umstände des Todes erfahren oder wenigstens bei der Beerdigung anwesend sein. Er will der Verstorbenen gedenken. „Kurzmitteilung“ ist die Geschichte einer Auflehnung gegen den Lauf der Dinge und zugleich ein höchst verstörender Kommentar zur Zeit. 
Der 2011 erschienene Riesenroman „Dein Name“ (2011) gilt als bisheriges Hauptwerk Kermanis. Auf den 1200 Seiten dieses ungewöhnlichen Romans schreibt einer über alles, was es zu wissen gibt über sein Leben und das Leben überhaupt: die Gegenwart und die Vergangenheit seiner Familie, die Erinnerung an gestorbene Freunde und die mitreißende Lektüre Jean Pauls und Hölderlins. Die Geschichte seines Großvaters, der von Nahost nach Deutschland ging, wird zum Herzstück des Romans. Immer wieder drängt sich dem Romancier der entscheidende Moment dazwischen: der des Schreibens. „Dein Name“ ist ein Roman, der das Privateste ebenso in den Blick nimmt wie die Geschichte, in der wir leben. 
Seine zwischen Teheran, Kabul und Köln angesiedelte Weltläufigkeit gewinnt dieses Buch aus der äußersten Selbstbespiegelung seines Autors. Es versammelt hier eine Geschichte des Iran im 20. Jahrhundert, eine Reise in die familiäre Vergangenheit, in der Kermanis isfahaner Großvater, der in Teheran die Amerikanische Schule besuchte, die bedeutendste Rolle spielt. Dazu erhellende essayistische Einlassungen zu Jean Paul und Hölderlin, Überlegungen zu Liebe und Sex, auch im Hinblick auf Hölderlins Diotima Suzette Gontard, die Geschichte eines ehelichen Zerwürfnisses sowie Abhandlungen zu Kermanis Lieblingshelden Neil Young. Doch diese Stofffülle ist nahe an der Stofflosigkeit. Jedem Buch, das auf diese Weise von schlechterdings allem handelt, ist die eigene Unmöglichkeit eingeschrieben. Für den Autor ist es zwangsläufig immer zu kurz – und für den Leser immer zu lang. Es gibt keine literarische Maßlosigkeit, die mit der Fülle der Welt Schritt halten könnte. „Dein Name“ will aber nicht nur die Grenzen zwischen Leben und Tod niederreißen. Er versucht auch, die Genres von Autofiktion, Roman und Reportage, Essay und akademischer Abhandlung zu sprengen. 
„Große Liebe“ (2014) schließlich erzählt wie ein Junge im Laufe von wenigen, viel zu wenigen Tagen alle Extreme der Verliebtheit erlebt, vom ersten Kuss bis zur endgültigen Abweisung. Im Mikrokosmos eines Gymnasiums Anfang der Achtziger Jahre und vor dem Hintergrund der westdeutschen Friedensmärsche führt Navid Kermani das zeitlose Schauspiel der Liebe in ihrer ganzen Größe und Lächerlichkeit vor. Die Schilderung der ersten Blicke, Berührungen und Abschiedsbriefe verknüpft er mit den Erzählungen der arabisch-persischen Liebesmystik. Für den Leser öffnet sich ein Gang durch irdische und göttliche Seelenlandschaften, der fast unbemerkt Kulturen und Jahrhunderte überbrückt. 
In dem Essayband „Zwischen Koran und Kafka“ (2014) nimmt Kermani Goethes berühmten Vers „Wer sich selbst und andere kennt, Wird auch hier erkennen: Orient und Okzident, Sind nicht mehr zu trennen“ beim Wort. Er liest den Koran als poetischen Text, öffnet die östliche Literatur für westliche Leser, entdeckt die mystische Dimension in den Werken Goethes und Kleists und erschließt die politische Bedeutung des Theaters von Shakespeare über Lessing bis Brecht. Navid Kermani kennt die Gegner: Das sind alle, die Religionen und Kulturen mit Gewalt voneinander abschotten, sie gegeneinander ausspielen wollen. Die persönliche Aneignung der Klassiker verleiht seinen Texten jene aktuelle Brisanz, die Weltliteratur noch dort ausmacht, wo sie von den privatesten Gefühlen erzählt. Denn um Liebe geht es „Zwischen Koran und Kafka“ selbstverständlich auch.
Mit „Ausnahmezustand“ veröffentlichte er 2013 wieder ein Buch mit Reportagen. Er schildert seine Reisen und Recherchen am sogenannten Krisengürtel, der sich von Kaschmir über Afghanistan bis in die Arabische Welt und noch an die Grenzen und Küsten Europas erstreckt. Von dieser Region, von unserer unmittelbaren Nachbarschaft, so fern sie unserem medialen Bewusstsein auch erscheint, berichtet er hier. Und es gelingt ihm dabei, einzelne Schicksale und Situationen so lebendig werden zu lassen, dass schlagartig weltpolitische, ja existenzielle Problemlagen deutlich werden. 
In „Ungläubiges Staunen“ (2016) versenkt sich der Muslim Navid Kermani in die christliche Bildwelt und sieht staunend eine Religion voller Opfer und Klage, Liebe und Wunder, unvernünftig und abgründig, zutiefst menschlich und göttlich. Ein Christentum, von dem Christen in dieser Ernsthaftigkeit, Kühnheit und auch Begeisterung nur noch selten sprechen. Die katholische Kirche befremdet Kermani als Machtkomplex mit rigiden Moralansprüchen. Trotzdem interessiert ihn vor allem der Katholizismus; den Protestantismus nimmt er mit milder Herablassung zur Kenntnis, er ist ihm zu prachtlos, farbarm, inkonsequent. Er sucht das Banale, Alltägliche und Menschliche in den Werken, nicht die Verklärung oder das Dogma. So gerät er nach wenigen Zeilen in interreligiöse Dialoge, manchmal mit einem „katholischen Freund“, meist im Selbstgespräch. Eine Kreuzigungsszene von Guido Reni versöhnt ihn mit der anstößigen „Lust, die katholische Darstellungen an Jesu Leiden haben“ und sogar mit dem Kreuz: Genauer betrachtet ist dieser Jesus nicht der Sohn Gottes, sondern ein sterbender Mensch. In Caravaggios „Kreuzigung Petri“ liest er im Gesicht des Apostels gleichzeitig Gottvertrauen und Fassungslosigkeit. An der spätgotischen Monstranz eines Kölner Goldschmieds (um 1400) erinnern ihn die Apostelfiguren an Tippkick-Spieler aus Kindheitstagen. Kermani beschwört keine Weltreligion, allerdings berühren religiöse Gegensätze für ihn nicht den Kern des Glaubens. Auf diese Weise ist ein Satz wie dieser zu verstehen: „So halte ich die Möglichkeit zwar für falsch – aber erkenne, mehr noch: spüre, warum das Christentum eine Möglichkeit ist.“ 
Mit „Sozusagen Paris“ erschien 2016 wieder ein Roman. In ihm hat ein Schriftsteller einen Roman veröffentlicht über die große Liebe seiner Jugend. Nach einer Lesung steht sie mit einem Mal vor ihm. Er ist jetzt Autor, sie seine Romanfigur – und aus dem jungen Mädchen von damals ist eine anziehende, aber verheiratete Frau geworden. Der Erzähler geht mit ihr nach Hause, die halbe Nacht reden sie miteinander, während ihr Mann nebenan arbeitet und erst spät zu ihnen stößt. Um die Liebe geht es natürlich in diesem Roman, um Sex, die Ehe und ihre Probleme und die Literatur. Auch um die Ekstase, um die Momente, in denen man ewig lebt, „meinetwegen beim Sex oder weniger sensationell das Kind, das ins Spiel versunken ist, als Erwachsener im Konzert, bei Schubert oder Neil Young oder was weiß ich, auch am Meer, in den Bergen, wenn dich die Schönheit einer Landschaft überwältigt, oder unterm Sternenhimmel“. Navid Kermani schrieb hier einen tiefgründigen, überraschenden und witzigen Liebesroman ganz eigener Art, 
„Entlang den Gräben“ (2018), eine Reisereportage, für die er von Deutschland bis in die iranische Heimat seiner Eltern reiste, zeigt wiederum Kermanis Talent, sich in die Menschen vor Ort hineinzuversetzen und ihre Beweggründe nachzuvollziehen. Es gelingt ihm, keinen Klischees aufzusitzen, beide Seiten zu hören und, wo möglich, mit den Einstellungen der „Anderen“ zu konfrontieren. Seine Reise, die eigentlich aus mehreren Reisen besteht, führt ihn von Ostdeutschland über Polen, Litauen und Weißrussland in die Ukraine. Von dort geht es über die besetzte Krim nach Russland (Tschetschenien) und von dort in einer durch Kriege und Krisen verworrenen Reiseroute durch Georgien, Aserbaidschan und Armenien. Kermanis Reise endet im iranischen Teheran und wird ergänzt durch die Beobachtungen während eines Familienurlaubs in Isfahan. 
Zu Beginn seiner Reise interessiert ihn dabei besonders die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, die Erinnerungskultur vor Ort. So ähnelt sein Weg durch Polen und Weißrussland fast einem Reisetagebuch des „Dark Tourism“, da er von Auschwitz bis Eriwan keinen Gedächtnisort auslässt und insbesondere den Verbrechen von SS und Wehrmacht nachspürt ‒ hierin ganz seinem Diktum folgend, dass die Einwanderer als wichtigsten Teil deutscher Leitkultur ebenfalls die Last der Erinnerung mittragen müssen (folgerichtig wird er gerade in Auschwitz zum Deutschen). In der Ukraine beeindruckt die Unaufgeregtheit, mit der der Berichterstatter unbedingt jede Front in den heißen Zonen zwischen Europa und Asien aufsuchen möchte. Ein wenig beklagt er dabei selbst, dass der „neue“ Krieg in diesem vielschichtigen Gebiet ihm keine Zeit mehr für die „alten“ lässt (und damit den Spuren deutscher Schuld, denen er von Polen bis Weißrussland gefolgt ist). Wenn er die Frontlinie auf der Krim oder das Sperrgebiet von Bergkarrabach aufsucht, ist es besonders die Normalität für die Einheimischen, die er einfängt, und nicht das Spektakuläre des Krieges. Gerade wo er den Krieg aufsucht, überzeugen seine Beobachtungen besonders. Navid Kermani hat hier ein sehr nachdenkliches, engagiertes und informatives Buch geschrieben, in dem er den Blick auf die nahe Ferne wirft, die hierzulande viel zu wenig Beachtung findet. 
Und er fügt seinem vielgestaltigen Werk als politischer Schriftsteller immer wieder weitere schillernde Facetten hinzu. Der von Kermanis Werk beeindruckte Rainald Goetz schrieb über ihn: „Das Beispiel von Navid Kermani zeigt, wie voraussetzungsreich eine Autorschaft gemacht sein muss, wie vielfach gebrochen, marginalisiert, davon betrübt und zugleich euphorisiert, wie sehr, bei aller Kritik, weltbegeistert sie sein muss, dass sie sich die Rolle des politischen Schriftstellers, die auch besonders schön leuchtet, zutrauen darf“. 
 
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