Bücherschau

Monnier, Philippe - Venedig

Im achtzehnten Jahrhundert
Die berühmte Andere Bibliothek hat ein einzigartiges Buch ausgegraben. Geschrieben hat es der aus Genf stammende Rechtwissenschaftler Philippe Monnier (1864-1911), der als Autor mit seinen Genfer Chroniken bekannt wurde. Das Buch „Venedig. Im achtzehnten Jahrhundert“ erschien zuerst auf Französisch im Jahr 1907, und 1927 in deutscher Übersetzung. Diese Übersetzung wurde neue durchgesehen und durch wunderschöne Illustrationen (u.a. von Francesco Guardi und Canaletto) ergänzt. 
Es ist kein praktischer Reiseführer und kein Reisebuch. Philippe Monnier hatte anderes, Anschaulicheres, Atmosphärisches vor Augen: Er schrieb vor dem Hintergrund der genauen Kenntnis von 14 Jahrhunderten Republikgeschichte über ihr letztes, als nach der Abdankung des letzten Dogen in der Nacht vom 14. auf den 15. Mai 1897 „3231 Mann“ napoleonischer Regimenter auf „vierzig Schaluppen“ anlandeten. Also über die Republik Venedig im 18. Jahrhundert. 
Monnier schreibt dabei nicht Geschichte von Ereignis zu Ereignis, sondern erzählt in eleganter, stilvoller, ganz eigener Prosa und dabei zugleich auch präzis informierend in 14 Kapiteln das, was man heute Kultur- und Sozialgeschichte nennt. Nach dem ersten Kapitel, das das verzaubernde Venedig als eine anziehende Oase einer alten europäischen Lebensform beschreibt, folgen Kapitel dieser klingenden Überschriften: „Das leichte Leben“, „Die Feste, der Karneval und der Landaufenthalt“, „Die Frauen, die Liebe und der Cicisbeo“, „Die Schriftsteller, Gasparo Gozzi“, „Die musikalische Leidenschaft“, „Die venezianischen Meister (der Malerei)“, „Das venezianische Theater und das italienische Lustspiel“, „Die Abenteurer und Casanova“, „Die Bürger“ und „Das Volk“. 
Monniers Kenntnis der Quellen, der Literatur, des Theaters und der Malerei sind unglaublich, es scheint nichts zu geben, was er nicht kennt und in einem weiten Anmerkungsapparat auflistet. Hinzu kommt noch ein Glossar zum venezianischen Dialekt. Nie wieder sei so elegant über Venedig geschrieben worden, sagen Kenner. Das kann man wohl bestätigen. Es ist wahrlich einzigartig, wie es Philippe Monnier versteht, dem Leser die große Vergangenheit und Atmosphäre der Republik Venedig im letzten Jahrhundert ihres Bestehens in all ihrem Detailreichtum zu verlebendigen. Das Buch ist ein großes Glück, die Lektüre ein einziges Glückserlebnis. 
Simon Berger
 
Monnier, Philippe - Venedig
Im achtzehnten Jahrhundert. Berlin: Die Andere Bibliothek 2021. 485 S.: zahlr. Ill. - fest geb. : € 45,30 (GK)
ISBN 978-3-8477-0436-2

 

 

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