Bücherschau

Schlink, Bernhard - Abschiedsfarben

Abschiede von Menschen, Wünschen, aber auch falschen Idealen
„So oft wird aus etwas Richtigem etwas Falsches. Warum soll nicht ebenso aus etwas Falschem etwas Richtiges werden können?“ fragt Bastian am Ende der Erzählung „Geliebte Tochter“, Schlinks Version der „Homo Faber“-Geschichte von Max Frisch. Irgendetwas endet immer, wenn seine männlichen Protagonisten im gesetzten oder betagten Alter beginnen, über ihr gelebtes Leben oder ihre aktuelle Lebenssituation nachzudenken. 
Da steht die Stasi-Vergangenheit zwischen zwei Freunden, da kommt es zur Begegnung mit der ersten Liebe zum Siebzigsten wie in „Altersflecken“ oder ein älterer wohlhabender Mann erfreut sich in „Jahrestag“ an der scheinbar mit einem Ablaufdatum versehenen Beziehung zu einer viel jüngeren Frau. „Picknick zu Anna“ zeigt scheinbare transkulturelle oder eher interkulturelle Nachbarschaftshilfe zwischen einem Mann und einem Mädchen, das aus prekären Verhältnissen stammend durch ihr Interesse und ihre Fröhlichkeit, die Zuwendung und Förderung durch den erwachsenen, gebildeten Nachbarn erfährt, jedoch alles andere als selbstlos ist. Diese Geschichte zählt zu einer der irritierendsten Geschichten des Bandes. Darin wird die Wahrnehmung einer heranwachsenden jungen Frau unter männlichem Blick simuliert, das naturgemäß nicht gut endet. In „Geschwisterliebe“ thematisiert er auch die Themen soziale Unterschiede, Abhängigkeit und Schuld. In „Der Sommer auf der Insel“ erzählt er von einem Jungen an der Schwelle zum Erwachsenwerden Mitte des letzten Jahrhunderts, der sich im besagten Sommer auf der Insel von seiner Kindheit verabschieden wird. 
Schlinks „Abschiedsfarben“ zeigt überwiegend männliche Blicke auf Gegenwart und Vergangenheit seiner Protagonisten, über denen stets eine nostalgische Atmosphäre liegt, die eine gewisse Melancholie und Wehmut spürbar machen. Es sind Abschiede von Menschen, Werten, Vorstellungen, Wünschen, aber auch falschen Idealen, die Schlink in seinen schlichten Geschichten konzipiert. 
Julie August
 
Schlink, Bernhard - Abschiedsfarben
Zürich: Diogenes 2020. 231 S. - fest geb. : € 24,70 (DR)
ISBN 978-3-257-07137-5

 

 

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