Bücherschau

Kögl, Gabriele - Gipskind

Eine Frau, die sich nicht in die für sie vorgesehene Rolle hineinpressen lässt
Kaum auf der Welt, steckt man „die Kleine“ in ein Gipskorsett, weil sie an einer Hüftdysplasie leidet. Doch auf dem Bauernhof in der Steiermark hat nur die Großmutter Zeit. Elterliche Fürsorge scheint wenig vorhanden zu sein. Schließlich ist das Mädchen nicht nur den Wutanfällen des Vaters ausgesetzt, es fallen auch Strenge und Härte der Mutter ungebremst über sie her, die „so ein Teufel“ geworden ist, „mit „verkrüppelten Beinen und einem verkrüppelten Kopf, in dem nur dumme Gedanken drinnen sind“. Macht sie in der Nacht ins Bett, gibt es „ein paar Arschgeigen auf den nackten nassen Hintern“. 
Als der Großvater stirbt, ist sie sieben und darf, anstatt im viel zu kleinen Gitterbett, „wo die Füße zwischen den Gitterstäben hinausragen, wenn sie sich ausstreckt“, endlich auf einer neuen Matratze bei der Großmutter schlafen. In der Schule hat sie gute Noten, muss in der Pause aber mit dem „in einer ausgewaschenen Essigflasche aus Plastik selbst angerührten Kakao von der eigenen Kuhmilch“ vorliebnehmen.
Nicht sonderlich angenehm sind auch die einmal Unterhosen oder Handtücher gewesenen „braunen Fetzen“, die ihr die Mutter gegen die Monatsblutung gibt; oder das samstägliche Bad in der Blechwanne, in die der Reihe nach alle hineinsteigen, „immer in das gleiche Wasser, das von einem Badenden zum nächsten immer trüber“ wird; oder ihre aus kaputten Strumpfhosen der Mutter fabrizierten Unterhosen, deretwegen sie genauso verspottet wird wie wegen der X-Haxen und dem Watschelgang. 
Einzig ihre Ausflüge mit der Großmutter, die Besuche bei Kusine Almut, mit der sie „Schweindlnkriegen“ und „Sauabstechen“ spielen und Karamel-Zuckerl („Stollwerck“) naschen kann sowie ihre Gesangsdarbietungen von Schlagern aus dem Radio mit dem Schneebesen als Mikrofon und der Vorstellung, von Fans umringt zu sein, wo in Wirklichkeit nur die Oma dem Geplärre zuhört, bereiten ihr Vergnügen. Sonst gibt ihr Leben wenig Positives her. Dementsprechend fasziniert ist sie daher vom Tagebuch der Anne Frank, das ihr Gefühl verstärkt, im Dorf und in der Familie „eingesperrt zu sein und darauf warten zu müssen, dass irgendjemand kommt, um sie zu befreien“.
Vorerst aber kommt es aufgrund ihrer kaum zu übersehenden Brüste nur zu sexistischen Reaktionen. Gegen die Zudringlichkeit eines Bankangestellten setzt sie sich zur Wehr, hat danach aber Angst, dass den Eltern der in Aussicht gestellte Kredit für das neu gebaute Haus verwehrt bleibt, will sie doch auf eine höher bildende Schule gehen. Außerdem wünscht sie sich gerade Beine, kleine Brüste und bis 16 einen Mann. Bloß Bauernbursch soll es keiner sein „mit rauen, roten Händen und dicken Schwielen auf den Fingern“. 
Dass sich nicht alle ihre Wünsche in Chimären verwandeln, dafür sorgt die Politik der SPÖ: Ihr Vater bekommt eine Stelle als Schulbuschauffeur und wählt, weil er diese Arbeit liebt, „aus lauter Dankbarkeit heimlich den Kreisky“, während Andrea mittels Schülerfreifahrt und Schulbuchaktion und mit Unterstützung der Frau Klassenvorstand ins Gymnasium nach Graz darf. Dort lernt sie im Jugendwarteraum am Hauptbahnhof Arthur kennen. Die beiden werden ein Paar, auch wenn der langhaarige Richtersohn aus der Stadt in den Augen ihrer Eltern ein „Hascher“ ist. 
Gerade weil Andrea in ihm das genaue Gegenteil zu den Burschen aus der Umgebung sieht, die sich in Trachtenanzügen auf Zeltfesten, Pfarr- und Bauernbällen tummeln, wirkt er, der ihr das Gefühl gibt, über alles mit ihm sprechen zu können, für sie so anziehend. Außerdem ist es ihr mit den Jahren zu Hause, wo In-die-Schule-Gehen mit Faul-Herumsitzen und Es-sich-gut-gehen-Lassen gleichgesetzt wird, viel zu eng geworden. Sie ergreift daher jede Möglichkeit, um wegzukommen. 
Ihre Willensstärke und Unerschrockenheit arbeitet Gabriele Kögl genauso nuanciert heraus wie die Gegensätzlichkeit zwischen der bäuerlichen Enge und den Vorstellungen des städtischen Bildungsbürgertums. Die Autorin geht in ihrem Verständnis von Authentizität sogar so weit, dass sie im Duktus der Sprache den sozialen Verhältnissen des Personals durch rurale Einfärbungen in Ausdruck und Ton Rechnung trägt, was das Interesse an dieser zwischen existenzieller Ernsthaftigkeit, Emotion und Ironie changierenden Geschichte noch potenziert, die über Glaubwürdigkeit und Realitätsnähe eine Dynamik zu entwickeln versteht, welche dem Buch, in dessen Mittelpunkt eine weder Klischees und Vorurteile, noch Witz und Ironie aussparende Entwicklungsgeschichte vom Kleinkind zur Maturantin steht, zum Nimbus des Pageturners verhilft. 
Protagonistin Andrea (anfangs nur „die Kleine“) tritt auf Seite 131 erstmals namentlich in Erscheinung. Ihre Loslösung von den unumstößlich scheinenden Parametern der bäuerlichen Welt der Eltern, in der sie keine Zukunft für sich sieht, zeichnet Gabriele Kögl akribisch und detailverliebt nach: in einem sehr lebendigen Bild von Leben in den 1970er und 80er Jahren, das eine hartnäckig bleibende, beharrlich mutige, junge Heldin präsentiert, die sich trotz ungünstiger Startbedingungen nicht desillusionieren und in die für sie vorgesehene Rolle als Frau hineinpressen lässt. 
Andreas Tiefenbacher
 
Kögl, Gabriele - Gipskind
Roman. Wien: Picus 2020. 336 S. - fest geb. : € 25,00 (DR)
ISBN 978-3-7117-2098-6

 

 

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