Bücherschau

Zagajewski, Adam - Poesie für Anfänger

Essays
Im März ist Adam Zagajewski, Polens bedeutendster Lyriker, in Krakau gestorben. Gleich nach seiner Geburt in Lemberg 1945, war die Familie ins oberschlesische Gliwice/Gleiwitz umgesiedelt worden. Als Gymnasiast kommt ihm die polnische Übersetzung von Rilkes „Duineser Elegien“ in die Hände. „Ich stand auf dem Gehweg“, schreibt Zagajewski, „erfüllt von den Geräuschen eines gewöhnlichen kommunistischen Nachmittags, und las zum ersten Mal die magischen Sätze: ‚Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel / Ordnungen‘ (...) Die Straße war plötzlich verschwunden, die politischen Systeme hatten sich verflüchtigt, der Tag stand über der Zeit, ich berührte die Ewigkeit, die Poesie erwachte.“ 
Nun ist Zagajewski, auch wenn er sich von Rilke fast mystisch aus der kommunistischen Wirklichkeit hinaustragen lässt, selbst kein Mystiker, kein Schwärmer, nicht einmal für Rilke, den er sehr bewundert. Seine Lyrik, und die Essays ebenso, halten eine elegante Schwebe zwischen Pragmatismus und Entrückung, „Tag“ und „Nacht“. 
Die hier gesammelten Texte belegen die Stationen eines unruhigen Lebenswegs. Als junger Mann hatte Zagajewski aktiv an der lebendigen und liberalen Studentenkultur in Krakau teilgenommen. Mit den März-Unruhen von 1968 und der neuen antisemitischen und anti-intellektuellen Tendenz in Polen wurden Zagajewski und viele seiner Freude fast zwangsläufig zu „Regimekritikern“. Wie vor ihm schon Dichter wie Zbigniew Herbert oder Czesław Miłosz entscheidet sich Zagajewski für den Gang ins Exil, aus dem er nach Aufenthalten in Frankreich und den USA erst 2002 zurückkehrt. In diesem wunderbar poetischen Prosabuch begibt er sich auf die ewige, nie abgeschlossene Suche nach dem Wesen der Dichtung. Er stellt für ihn wichtige Schriftsteller und Schriftstellerinnen in ein erstaunlich neues, zum Teil ganz persönliches Licht und fragt nach den Bedingungen und der Aufgabe von Dichtern. 
Robert Leiner
 
Zagajewski, Adam - Poesie für Anfänger
Essays. München: Hanser 2021. 269 S. - br. : € 24,70 (PL)
ISBN 978-3-446-26767-1

 

 

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