Bücherschau

Arnim, Gabriele von - Das Leben ist ein vorübergehender Zustand

Tatsachenbericht und grandiose Liebesgeschichte
Es ist ein Tatsachenbericht, ein autobiographischer Text, eine Liebesgeschichte, eine literarische Erzählung. Es ist schwer, dieses Buch einzuordnen, es ist einzigartig. Unbestritten ist seine literarische und sprachliche Qualität. 
Gabriele von Arnim hat zehn Jahre lang nach zwei Schlaganfällen ihres Mannes mit ihm und seiner Krankheit gelebt. Es war nicht sein Sprach-, sondern das Artikulationszentrum getroffen. Das heißt, er findet „die richtigen Worte, aber sie klingen wie geplatzte Knallerbsen“. Und dann liegen die Sätze herum. Die Journalistin und Autorin beschreibt in diesem Buch, wie schmal der Grat zwischen Fürsorge und Übergriffigkeit, Zuwendung und Herrschsucht ist. Wann endet ein Rettungsversuch in demütigender Herabwürdigung? Wann wird Aufopferung erbarmungslos? Wie schafft man die Balance, in der Krankheit zu sein und im Leben zu bleiben? 
Am 22. März 2014 ist ihr Mann Martin Schulze, 76 Jahre alt, gestorben. Er starb, zehn Jahre nach dem ersten Hirnschlag, dem folgte halbseitige Lähmung, Lähmung der Artikulation, Krämpfe, Lungenentzündung, Thrombosen, Dekubitus, Lungenembolie, Koma, Verstummung, Verzweiflung, Wut, Angst, Schmerzen, Todessehnsucht. Martin Schulze war ein erfolgreicher deutscher TV-Journalist, Chefredakteur der ARD, bewegungssüchtig, wie seine Frau schreibt, und auch trinkfest, Tennisspieler. Er war die große Liebe von Gabriele von Arnim, ebenfalls eine erfolgreiche Journalistin. 
Das Buch entstand aus einem langen Selbstgespräch, das Arnim in den Tagebüchern dieser Jahre geführt hat, aus ihnen hat sie diesen Text gefiltert, in das Vergangene gehorcht, Erinnerungen prüfend umgedreht. Gefühle wieder ertastet, noch einmal durchlebt sie die Verwirrung, die Ängste, die Hoffnungen, totale Erschöpfung. Das Buch ist ein beeindruckendes Dokument. Eine leidenschaftliche, so sachliche wie zärtliche Erzählung. Es entfaltet eine große Wucht. Es ist radikal in seiner Ehrlichkeit und kreist beständig um existenzielle Fragen wie die, was Leben ist, wenn es so ist, was Sterben ist, was Liebe. „Ein wenig ähnelt es“, wie Susanne Meyer in der „Zeit“ schrieb, „den frühen Zeugnissen christlicher Seelenerforscher, ohne deren Gewissheit zu teilen, dass es ein Leben danach gibt. Im Kern findet sich eine stetig neu ansetzende Bewegung auf denjenigen zu, der erst in der Krankheit, dann aus dem Leben verschwindet.“ 
Was ist das Leben? „Wie kann man es ertragen, wenn das, was in einem lebt, fast nur noch im Kopf stattfindet. Wie hält man diese Verlassenheit aus. Abgewiesen vom Leben, in dem man doch noch ist, vorhanden und verschwunden zugleich. Weil man mitten im Leben wegzusterben beginnt.“ Wer ist man, wenn man so krank ist? „Schau mich doch an, hat er gerufen, geschrien hat er es, schau mich doch an. Das bin doch nicht ich.“
Es ist eine grandiose Liebesgeschichte gelesen. Ein kraftvolles Buch, das zeigt, wie etwas wahrhaft Schönes aus dem Schrecken entsteht.
Gregor Teichler
 
Arnim, Gabriele von - Das Leben ist ein vorübergehender Zustand
Hamburg: Reinbek 2021. 240 S. - fest geb. : € 22,70 (DR)
ISBN 978-3-498-00245-9

 

 

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