Bücherschau

Guérot, Ulrike - Was ist die Nation?

Die Begriffswerdung und der Begriffswandel von „Nation“
Während in „Wie hältst du’s mit Europa?“ vor allem die Frage gestellt wird, wie es „Deutschland mit Europa hält“, widmet sich Guérot in ihrem fast zeitgleich entstandenen „Zwillingsessay“ „Was ist die Nation?“ den historischen Marksteinen eines global wirkmächtig gewordenen „nation building“ und was denn eigentlich „[d]as Kreuz mit der Nation“ sei. 
In „Was ist die Nation?“ gelingt der Autorin auf knappen 200 Seiten ein historisch bestechender Einblick in die Geschichte der Begriffswerdung und des Begriffswandels von „Nation“. Dabei untersucht sie die Unterschiede von Staat und Nation ebenso wie die unterschiedlichen Definitionen des „Nationalen“. Definitionsansätze, die von Identität und Heimat ausgehen, werden ebenso aufgegriffen wie die Themen Region und Territorium, Nation und Industrie, Nation und Sprache, Nation und „soziale Schichtungen und Klassen“, aber auch Nation und Solidarität, eine Konstellation, der der französische Soziologe Marcel Mauss in seinem Buchfragment „Die Nation oder der Sinn fürs Soziale“ in den 1920er-Jahren auf ganz andere Weise nachgegangen war, indem er den „Wesenskern des Nationalen“ neu definierte: nämlich nicht als „Identität“, sondern als „Solidarität“. Deutlich wird in allen Beispielen, dass „Nation“ an sich „keinen verbrieften Anspruch auf einen Staat, also einen Nationalstaat“ haben muss. Ein Paradox, mag man meinen, das sich dank Guérot bald als gerade keines erkennen lässt – und eines jener Momente, die für die Autorin dafür stehen, dass es möglich wäre, auch aus Europa eine „Nation“ zu machen, „trotz unterschiedlicher Sprachen und Identitäten“.
Es ist die große Kunst der Politikwissenschaftlerin, dass sie ihr umfassendes Wissen um die Geschichte Europas zu kleinen, leichtverständlichen Erzählungen zu fassen mag, die stets nah an der Autorin bleiben, die sich so auch in ihrem gesellschaftspolitischen Wollen nicht hinter Phrasen versteckt, sondern deutlich Position ergreift, selbst wenn sie am Ende ihres Buches feststellen muss, dass sie keine „eindeutige Antwort“ auf die Frage „Was ist die Nation“ geben konnte. Zu unterschiedlich, zu disparat und zu unvereinbar sind die Ansätze und Sichtweisen, doch die „politische Schlacht um die Nation“ hat noch lange niemand gewonnen, lauten ihre fast tröstenden Schlussfolgerungen. Ob sich „Nation“ einst wirklich als von Herkunft und Identität entkoppelte Solidargemeinschaft und „Freundeskreis“ einer „globalen Moderne“ denken lässt, bleibt derzeit noch offen. Ein veritabler Cliffhanger also, mit dem uns die kluge Autorin listig entlässt. 
Angela Heide
 
Guérot, Ulrike - Was ist die Nation?
Göttingen: Steidl 2020. 223 S. - fest geb. : € 16,50 (GP)
ISBN 978-3-95829-645-9

 

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