Bücherschau

Jarawan, Pierre - Ein Lied für die Vermissten

Roman aus Libanon
1994 kehrt Amin mit Yara, seiner libanesischen Großmutter, aus Deutschland in den Libanon zurück. Als sie in Beirut ankommen, wirkt die Stadt mit ihren vielen Ruinen und den leerstehenden Häusern und Fabrikshallen nach dem Bürgerkrieg wie ausgestorben. Yara eröffnet hier ein Kaffeehaus und Amin lernt die Geschichte seiner Familie kennen. 
Die Großmutter hatte es einst sehr schwer gehabt. Sie war gegen den Willen ihres Vaters heimlich Malerin geworden, doch ein Malfleck auf ihrer Schürze verriet ihm eines Tages die Wahrheit. Voll Zorn schlug er sie und brach ihr sogar eine Rippe. Weil die Familienehre durch sie beschmutzt worden war, verließ sie ihr Vaterhaus. Auch ihre Tochter Maya, Amins Mutter, wollte Malerin werden, und Yara unterstützt sie dabei. So kam sie mit 19 Jahren zum Studium der Malerei nach Paris. Als sie und ihr französischer Mann einige Jahre später zusammen mit ihrem neun Monate alten Sohn Amin ihre Mutter in Beirut besuchen, verlieren beide bei einem Autounfall ihr Leben. Yara beschließt daraufhin, mit Amin nach Deutschland zu gehen. 
Zurück in Beirut, freundet sich Amin mit Jafar, einem Schulkollegen, an. Dieser hilft ihm, mit der hübschen Zahra in Kontakt zu kommen, indem er für sie eine Geschichte schreibt und diese durch eine Cousine ihr heimlich überbringen lässt. Aber Zahra gerät dadurch in Gefahr. Ihr Vater hat von der Geschichte erfahren, ist blind vor Wut und fühlt sich in seiner Ehre gekränkt. Eine Frau von der UNICEF will ihr helfen und erzählt, dass viele geflüchtete Familien nach Kriegsende in den Libanon zurückkehrten, weil die Väter glaubten, ihren Einfluss auf ihre Töchter in den westlichen Ländern zu verlieren. Dieses Ereignis hat die Wahrnehmung Amins für immer verändert und die Gegensätze zu Deutschland erkennen lassen. Die Beziehung Amins zu Jafar wird immer distanzierter. Einmal, als Jafar mit jungen Leuten unterwegs ist und Amin zufällig trifft, leugnet er ihnen gegenüber sogar, dass er Amins Freund ist. Diesen trifft es sehr hart, war Jafar doch sein erster und bester Freund im Libanon gewesen. 
Pierre Jarawan ist als Sohn eines libanesischen Vaters und einer deutschen Mutter in Amman geboren, nachdem seine Eltern vor dem Bürgerkrieg im Libanon geflohen waren. Mit drei Jahren kam er mit seiner Familie nach Deutschland, wo er ein erfolgreicher und mehrfach ausgezeichneter Schriftsteller wurde. Sein Bericht über den zerstörten Libanon und über das schwere und gefährliche Leben in der einst so schönen und reichen Stadt Beirut ist voll Zweifel und Hoffnungslosigkeit. Es ist ein schwermütiger Blick auf das Schicksal von Menschen, deren Leben durch Bomben, Korruption und Willkür zerstört wurde. 
Traude Banndorff-Tanner
 
Jarawan, Pierre - Ein Lied für die Vermissten
Roman. München: Berlin 2020. 464 S. - fest geb. : € 22,70 (DR)
ISBN 978-3-8270-1365-1

 

 

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