Bücherschau

Lackner, Herbert - Rückkehr in die fremde Heimat

Die vertriebenen Dichter und Denker und die ernüchternde Wirklichkeit in Nachkriegseuropa
Mit diesem Buch schließt Herbert Lackner seine Flucht-Trilogie, deren erste beiden Bände „Als die Nacht sich senkte“ und „Die Flucht der Dichter und Denker“ heißen, ab. Er beschrieb in diesen beiden 2017 und 2019 erschienenen Bänden die teils abenteuerliche Flucht von europäischen Künstlern und Wissenschaftlern aus Nazi-Deutschland bzw. wie Europas Dichter und Denker das Aufkommen des Faschismus und das tatsächliche Eintreffen der NS-Barbarei erlebten. 
In dem nun vorliegenden dritten Teil wird anhand ausgewählter Beispiele gezeigt, wie die vertriebenen Dichter und Denker in Österreich und Deutschland nach dem Krieg aufgenommen wurden, wie will- und unwillkommen sie waren. Es kehrte ja nur ein Teil der 440.000 vor den Nazis aus Deutschland und Österreich Geflüchteten nach 1945 zurück. Wie wird es sein, wenn jene, die lachend dabeigestanden sind, als Juden die Gehsteige schrubben mussten, die am Heldenplatz dem Führer zujubelten, sich die Wohnungen und zurückgelassenen Dinge der Vertriebenen aneigneten auf die trafen, die nach jahrelangem Exil zurückkehren wollten oder tatsächlich zurückkehrten. 
Der Journalist Herbert Lackner hat ausführlich recherchiert und erzählt sachlich und durchaus literarisch die Flucht- und Rückkehrgeschichten so unterschiedlicher Persönlichkeiten wie Alma Mahler-Werfel und Franz Werfel, Thomas und Heinrich Mann, Friedrich Torberg, Karl Farkas, Hermann Leopoldi, Robert Stolz, Alfred Polgar, Ernst Lothar, Marcel Prawy, Willy Brandt, Bruno Kreisky, Oscar Pollak, Bertolt Brecht u.a.
Er erzählt vom damaligen Innenminister Oskar Helmer, der gegen Emigranten agitierte, oder davon, dass keine Partei etwas davon wissen wollte, Nazi-Raubgut zu restituieren. Lackner schildert aber auch ausführlich, wie nach 1945 weiterhin jene Dichter, die in der Nazizeit schon Funktionen eingenommen hatten und dem Dritten Reich gerne dienten, sich gegenseitig die großen Literaturpreise zuschoben. Und er schildert, wie die, die Demütigungen und Raub, Ermordungen ihrer Eltern und Geschwister erleben mussten, bei ihrer Rückkehr als Flüchtling nicht als Opfer gesehen wurden. Denn: War es den Emigranten in ihrem Exil nicht besser gegangen als ihnen zu Hause? Und die meisten Politiker haben ebenso beschämend reagiert. 
Herbert Lackner ist mit diesem Buch etwas Großes gelungen, nämlich ein wichtiges Thema, das jahrzehntelang tabu war, weil man sich hartnäckig geweigert hat, die eigene jüngere Geschichte aufzuarbeiten, in eindrücklichen Beispielen zu beschreiben. Das Buch liest sich, wie seine beiden Vorgänger spannend wie ein großartiger historischer Roman, in dem man viel von seiner gegenwärtigen Welt erkennt. 
Simon Berger
 
Lackner, Herbert - Rückkehr in die fremde Heimat
Die vertriebenen Dichter und Denker und die ernüchternde Wirklichkeit in Nachkriegseuropa. Wien: Ueberreuter 2021. 200 S. : zahlr. Ill. - fest geb. : € 22,95 (GK)
ISBN 978-3-8000-7765-6

 

 

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