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Bücherschau

Bunjevac, Nina - Bezimena

Das Leben eines Verbrechers
Mit „Bezimena“ legt Nina Bunjevac ein formal wie inhaltlich geradezu unheimlich perfektes Werk vor: In detailreichen, ganzseitigen Schwarz-Weiß-Zeichnungen gewährt sie Einblick in das Leben eines Verbrechers, wählt vorsätzlich wunderschöne, nicht selten irritierende Bilder zur Darstellung eines schrecklichen Abgrunds. Ihre „moderne Adaption des Mythos von Artemis und Siproites“, so der Untertitel, entfaltet sich als verschachtelte Erzählung, als mehrfach gerahmte Binnenfabel um einen Sexualverbrecher und Mörder: Auf oberster Ebene des Narrativs wird uns ein Sternbild geboten – mag es gar Ursa Major und damit die neue Gestalt der glücklosen Kallisto, einst Gefährtin der Artemis, sein? – und zwischen einzelnen lichten Positionen beginnt ein Dialog, Grundlage für die Darstellung der im Comic sichtbar werdenden Spannungsverhältnisse. 
Auf den jeweils linken Seiten von Bunjevac’ Arbeit findet diese Erzählung im Dunkel des Alls ihren Platz, auf den rechten Seiten finden sich die entsprechenden, stets wortlosen Bildtafeln. Auf diesem Weg wird zuerst die titelspendende Weise Bezimena eingeführt, die, in diffus antik anmutenden Ambiente einer verzweifelten Priesterin den Kopf unter Wasser taucht und sie damit in die Innensicht, ja in das Leben, des glücklosen, sonderbaren Benny zwängt. Das Untertauchen wird zum Eintauchen in das Leben eines Außenseiters im 20. Jahrhundert, es wird zur Lehrerfahrung im Sinne von Perspektivenverschiebung und Geschlechterwandel. Die für einen Moment träumende Priesterin ist bzw. wird Benny, sie durchlebt seinen lebenslangen Status als Sonderling und Voyeur, seine kaum zu zähmende Begierde, seine unerfüllte Liebe für eine Klassenkameradin, die „weiße Becky“. Sich von den Menschen isolierend fristet Benny sein Dasein als „Hausmeister im städtischen Zoo“ bis die vermeintliche Wiederbegegnung mit Becky ihm ihr Notizbuch in die Hände spielt. 
Diese Aufzeichnungen enthalten wenig überraschend erotische Episoden, in diesen Seiten – die sich streckenweise mit den Tableaus des zu lesenden Comics vollumfänglich decken – findet sich nicht nur Vergangenes, sondern auch Bennys Gegenwart und Zukunft. Er findet darin ein Manual des Verlangens, einen Almanach sexueller Begegnungen, die mit genauen zeitlichen und astronomischen Angaben versehen sind. In der Vorstellung des Getriebenen ist das Notizbuch Beleg für Einvernehmen und Lust, doch in Wirklichkeit ist es Hinweis auf Verbrechen und Mord. Bennys Eskapaden mit wechselnden Partnerinnen, von Bunjevac konsequent ausgestaltet, erweisen sich als Täuschung, ja, als Selbsttäuschung. Benny scheint sich seiner Verbrechen nicht bewusst zu sein oder sich zumindest nicht bewusst sein zu wollen; seine destruktiven Sehnsüchte erweisen sich retrospektiv als gewaltvolle Alpträume. Wenn Bennys Existenz schließlich an ein selbstgewähltes Ende kommt und Bezimena den Kopf der jammernden Priesterin wieder aus dem Wasser hochzieht, stellt sich die von der Titelfigur aufgeworfene Frage „Wen hast Du beweint?“ über die Ebenen des Erzählangebots hinweg. 
Dass Bunjevac in ihrer bestechend eigenwilligen Adaption der Stoffe rund um Artemis nichts dem Zufall überlassen will, erklärt sich zusätzlich im knappen, doch erschütternden Nachwort: Darin berichtet die Autorin von eigenen Missbrauchserfahrungen und ihrem Anliegen, ihre Erlebnisse auf künstlerische Weise zu reflektieren. Unter Bezugnahme auf eine durchaus wehrhafte antike Göttin hat sie in „Bezimena“ die Verhältnisse von Jägern und Gejagten umgekehrt – und auch die Wahl des Titels ist Ausdruck von Reflexion und Ermächtigung: Bezimena meint „namenlos“. Es wäre aber gar zu einfach nun anzunehmen, der vorliegende Comic wäre „ohne Titel“; vielmehr zeugt m.E. nach diese vorsätzliche Wahl von einem Wunsch nach Bezeichnen und Bennen, von der Notwendigkeit dem Ungenannten einen Namen – und damit auch eine Form von Wahrheit – zu geben. 
Thomas Ballhausen
 
Bunjevac, Nina - Bezimena
Berlin: avant 2020. 224 S. - fest geb. : € 30,90
ISBN 978-3-96445-032-6

 

 

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