Um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten, speichert diese Website Informationen über Ihren Besuch in sogenannten Cookies. Durch die Nutzung dieser Webseite erklären Sie sich mit der Verwendung von Cookies einverstanden. Weitere Informationen über Cookies, finden Sie in unserer Datenschutzerklärung. Dort können Sie auch der Verwendung von Cookies widersprechen und die Browsereinstellungen entsprechend anpassen.
Bücherschau

Reicher, Isabella (Hg.) - Eine eigene Geschichte

Mindestens 24 Gründe
„Wir alle stehen in irgendeinem Buch“, schreibt der österreichische Autor Clemens Setz gleich zu Beginn dieses im Frühjahr 2020 herausgekommenen Suhrkamp-Bandes. Und damit ist auch schon einer der unzähligen – und weit mehr als im Titel versprochenen 24 – Gründe genannt, warum wir immer noch lesen. Nicht alle, aber immerhin, glaubt man den Statistiken, sogar teilweise mehr, in jedem Fall nicht weniger als in früheren Jahrzehnten. Ob eine Pandemie wie jene, die das Jahr, in dem das Buch zum 70. Geburtstag des Suhrkamp-Verlages in dessen ältesten Reihe, der 1951 gegründeten Bibliothek Suhrkamp, herausgekommen ist, weltweit geprägt und nachhaltig geformt hat, dazu das ihre tut, dass wir alle mehr lesen, sei als Frage dahingestellt. Wie viele Antworten es jedenfalls gibt, wenn man fragt, warum man liest, machen die versammelten 24 durchwegs hochkarätigen internationalen Autor*innen des Verlags deutlich. 
Das kann, neben der Möglichkeit, sich, wie Setz in Gertrude Steins „The Making of Americans“, in einem Buch „wiederzufinden“ auch sein, dass es duftet wie Maurice Maeterlincks „Der blaue Vogel“, als ihn Katja Petrowskaja einst in ihre Hände nahm. Oder dass man Bücher „hört“, wie Marcel Beyer, für den das Hören eines Buches für viele Jahre das prägendste Erleben und Entdecken von Literatur war. „Hören, was meine Mutter mir vorlas, hören, was mein Vater mir vorlas, hören, was abwechselnd meine Mutter und mein Vater vorlasen, wenn wir, unsere kleine, in sich geschlossene Welt Familie, unsere Welt ohne Fernseher, im Wohnzimmer zusammensaßen.“ Das können „Liebschaften, Liebhaber, Liebhaberinnen, verfolgte Damen, […] Kutscher, […], Pferde […], Schwüre, Schluchzer, Tränen, Küsse […]“ und vieles mehr sein, wie für Emma Bovary, mit der die renommierte Soziologin Eva Illouz ihren Blick auf die drei Weisen, Bücher zu lesen – „typisierend, als Bildungsprojekt und als Möglichkeit, eine rätselhafte Welt zu begreifen“ – vorstellt. Das kann, wie für Annie Ernaux, der Wunsch sein, sich von der Welt, in die man hineingeboren wurde, zu lösen und „nach Alternativen zum herrschenden Diskurs“ zu suchen. Oder jene „Frequenzen“, von der John Jeremiah Sullivan schreibt, die jede und jeder für sich beim Lesen wahrnehmen, während wir für andere wiederum „taub“ sind, die aber auch – wieder für andere – existieren. 
„Warum Lesen“ ist ein erhellender, berührender und überaus dichter Sammelband, dessen einzelne Beiträge für sich kleine Lese-, Rezeptions- und Interpretationsuniversen öffnen. Nicht alle sprechen alle Leser*innen in gleichem Maße an, aber gerade darum geht es wohl auch: die Universalität einer individuellen Berührung zwischen Buch und Leser*in. „Sicher bin ich mir indessen, dass Literatur etwas mit Privatheit zu tun hat. Mit dem, was dein Subjekt ausmacht, deinen Platz im Leben bestimmt“, ist eine der Erkenntnisse aus der Feder des ukrainischen Autors Serhij Zhadan. Ähnlich formuliert es an anderer Stelle auch der deutsche Mediziner und Wissenschaftshistoriker Michael Hagner: „Dass wir so wenig über das Lesen wissen, verdanken wir seiner Privatisierung, die es der Kontrolle und sozialen Verfügbarkeit entzog.“ Doch so privat und individuell das Lesen auch sein mag, es ist, so Andreas Reckwitz in seiner „Kleine[n] Genealogie des Lesens als kulturelle Praxis“, auch eine „sozial-kulturelle Praktik. Obwohl immer nur das einzelne Individuum liest, es sich also zweifellos um eine solitäre Aktivität handelt, ist Lesen zugleich eine durch und durch sozial-kulturelle Angelegenheit. […] Das Lesen als Praxis, als eine bestimmte ,Kulturtechnik‘, bewirkt, dass sich im lesenden Individuum mit der Zeit bestimmte Kompetenzen einschreiben. […] Mit anderen Worten: Die Kompetenzen des Lesesubjekts prägen dessen Haltung zur Welt und seinen Umgang mit dieser insgesamt.“ 
„Warum Lesen“ verrät viel über den je persönlichen Zugang und Umgang mit dem Lesen – und dem Gelesenen – der hier versammelten sehr unterschiedlichen Autor*innen, erhellt aus unterschiedlichen Wissensgebieten die Entwicklungsgeschichte des Lesens als gesellschaftliches Phänomen und lädt vor allem ein, sich selbst Gedanken zu machen, warum, was, wie, wann, wo man (am liebsten) liest – und was das alles mit und aus einem gemacht hat. Eine Entdeckungsreise in das Lesen als „solches“, vor allem aber auch in das je eigene Lesen, und damit eine wunderbare Welt, die sich wieder und vielfach auch neu eröffnet. Oder, wie es Hartmut Rosa für sich erkennt, der keinen Morgen aufstehen kann, ohne ein paar Seiten zu lesen: „Lesen ist nicht ein Ersatz für das Leben, es ist seine Erweiterung und Vertiefung. […] Lesen ist Leben.“ 
Angela Heide
 
Raabe, Katharina / Wegner, Frank (Hg.) - Warum Lesen
Mindestens 24 Gründe. Berlin: Suhrkamp 2020. 347 S. - fest geb. : € 22,70 (PL)
ISBN 978-3-518-07399-5

 

 

Artikel weiterempfehlen

© ÖGB-Verlag | Mit freundlicher Unterstützung vom Bundeskanzleramt Österreich / Kultur