Bücherschau

Illouz, Eva / Cabanas, Edgar - Das Glücksdiktat

Und wie es unser Leben beherrscht
Früher war das Glück, zumindest in Wien, noch „a Vogerl“, das sich manchmal mutig vor uns hingesetzt hat, damit wir es ordentlich anfüttern können. Und ein anderes Mal war es nicht und nicht mehr auffindbar. Doch so einfach ist die Geschichte heute nicht mehr, und wer glaubt, dass wir das Glück nicht selbst „steuern“ können, sondern dass es kommt und geht, wann es will, der gehört auf jeden Fall nicht zu den Millionen Anhänger*innen der seit mindestens einem halben Jahrhundert stetig populärer werdenden „Positiven Psychologie“ einer internationalen „Glücksforschung“, der vor allem einer dankbar für deren Dienste sein muss: der Neoliberalismus. 
So könnte man in aller Kürze das 2019 auf Deutsch erschienene Buch „Das Glücksdiktat“ der an der Hebräischen Universität Jerusalem lehrenden Soziologin Eva Illouz und des spanischen Psychologen Edgar Cabanas zusammenfassen. Der Titel der französischen Originalausgabe aus dem Jahr 2018 heißt „Happycratie. Comment l’industrie du bonheur a pris le contrôle des nos vies“ und markiert damit bereits auf mehrfache Weise die bis ins kleinste Detail ausgeführten Finten, Tricks und Fallen einer Glücksgesellschaft, deren großes Versprechen vom selbst geschaffenen Glück sich als ebenso großer Betrug herausstellt: „Happycratie“ bedeutet in diesem Falle die Herrschaft deiner „Industrie des Glücks“, die, so macht es das renommierte Autor*innen-Team deutlich, schon seit Langem die Kontrolle über unsere Leben übernommen hat. 
Cabanas und Illouz nehmen dabei nicht nur einen ganzen Apparat an Glücksliteratur minutiös auf deren Taktiken und Mechanismen auseinander. Sie führen auch nachvollziehbar und erhellend aus, wie stark wir alle heute, sei es im Privaten, vor allem aber im beruflichen Leben von den Machenschaften einer global bis in die letzten Winkel unseres Alltags funktionierenden Ideologie beeinflusst werden, die uns bei allen Freiheits- und Wahlversprechungen nach dem Motto „Wir sind immer unseres eigenen Glückes Schmied*innen“ letztlich eben diese Möglichkeiten gänzlich entziehen. Denn wenn das Glück eben kein „freies Vogerl“ mehr ist, sondern ein mehr oder minder mühsam zu erarbeitender und von möglichst vielen Expert*innen begleiteter singulärer Weg, der da heißt: Erfolg + Geld = Erfüllung (und das möglichst für einen selbst wie den Arbeitgeber bzw. den so genannten „Markt“), dann ist man weiter entfernt von der freien Entscheidung, als man denkt, was sich auch schon im Untertitel des Buches herauslesen lässt: „Wie die Glückindustrie die Kontrolle über unsere Leben übernommen hat.“ 
Illouz und ihr Co-Autor Cabanas gehen in ihrer Studie anhand einer breiten Palette an Zitaten aus der Glücksliteratur der letzten Jahrzehnte auf die Geschichte der „Positiven Psychologie“ ein, beleuchten die akademische Entwicklung der „Glückökonomie“ und die Taktiken, wie aus dem bis dahin Unmessbaren in raschen Schritten ein „messbares Gut“ wurde – und damit ein als „objektiv“ und „präzise“ zu verkaufender Begriff, der sich seither „mit naturwissenschaftlicher Strenge“ zu untersuchen scheinen lässt. Ist das Glück aber einmal „berechenbar“ und in „Einheiten oder Variablen“ zerlegbar, kann man auch mit jedem einzelnen dieser Bestandteile weiterarbeiten, natürlich profitabel. 
Vor allem wird das Glück dann zu einem politisch und wirtschaftlich anwendbaren und nutzbaren Gut, wenn davon auszugehen ist, dass niemand freiwillig auf Glück verzichtet. Von dieser Technologisierung und vor allem Technokratisierung profitiert vor allem der Neoliberalismus, dessen Ziele sich in vielen Aspekten anzunähern, ja anzugleichen beginnen: vorgeblich „freie Wahl“ und belegbare „technisch-wissenschaftliche Kriterien“, Gewinnmaximierung, „Vermarktung des Symbolischen und Immateriellen, beispielsweise von Identitäten, Gefühlen und Lebensstilen“. Ist man einmal so weit gekommen – ob als Gesellschaft oder Individuum –, ist es nur noch schwer zu glauben, dass man nicht alles steuern kann. Solidarität, Gemeinschaft und Empathie rücken dann in den Hintergrund, wenn es darum geht, das eigene Glücksinteresse zu verfolgen, das nur noch wenig mit Individualismus und freier Wahl zu tun hat. Wer daran glaubt, dass das Glück messbar, „machbar“ und vor allem stetig wachsend sein kann, ist vor allem irgendwann eines: immer wieder unglücklich, zumindest aber unzufrieden: ein Teufelskreis, in dem dann der nächste Glücksratgeber aus einem boomenden Milliardengeschäft zur Hand genommen wird. 
Die beiden Autor*innen machen auch deutlich, dass es nur noch schwer ist, aus dieser „hartnäckigen Ideologie“ wieder herauszufinden, zu gut durchdacht, zu weit entwickelt und vor allem zu erfolgreich ist das Versprechen, zu konsistent sind die Erzählungen, als dass man sich nicht irgendwann eingestehen muss, dass es doch sehr verführerisch klingt, das Glück für immer an sich zu binden. Finde dein Glück, erhöhe dein Glück, steuere dein Glück sind wesentliche Teile jener „Selbststeuerung (self-management)“ „glücklicher Individuen“, die somit in der Lage sind, „ihre Gedanken und Gefühle rational und strategisch zu managen“ und das Glück zur „Gewohnheit“ zu machen, etwa mit, ebenfalls boomenden, „Happiness-Apps“. Das Fazit des hervorragend geschriebenen, an vielen Stellen erschreckend einleuchtenden Buches ist ein Plädoyer dafür, das „freundliche Angebot“ der Glücksprophet*innen dankend abzulehnen. 
„Sonst landen wir bei der Jagd nach dem langen Schatten der versprochenen besten Version von uns selbst und stürmen […] unaufhörlich voran, ohne unser Ziel zu erreichen. Schlimmer noch, dieses unerreichbare Ziel lenkt uns am Ende auch noch davon ab, ein Zusammengehörigkeitsgefühl und Möglichkeiten kollektiven Handelns zu entwickeln, indem es die Individualität überbetont und jede Art der Negativität stigmatisiert.“
Angela Heide
 
Illouz, Eva / Cabanas, Edgar - Das Glücksdiktat
Und wie es unser Leben beherrscht. Berlin: Suhrkamp 2020. 244 S. - br. : € 15,50 (PP)
ISBN 978-3-518-46998-9

 

 

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