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Bücherschau

Veran, Peter - Plädoyer eines Märtyrers

Groteske um Engelbert Dollfuß
Achtung, es wird grotesk! Österreich im Jahr 2020: 86 Jahre nach dem Februaraufstand gegen die sich verfestigende Diktatur wird der damalige Bundeskanzler Engelbert Dollfuß aus seinem Grab am Hietzinger Friedhof exhumiert. Man setzt ihm ein selbstheilungskraftaktivierendes, linksgedrehtes Licht-Stammzellenpflaster einer lebensberatenden Verganzheitsmedizinerin, dann stellt man ihn vor Gericht. 
Die Anklagepunkte sind umfassend: Vielfacher Mord, schwere Körperverletzung, Folter, Hochverrat, Landfriedensbruch, Erpressung, tausendfache Freiheitsentziehung, Raub, Diebstahl und Amtsmissbrauch. Darauf muss der im Juli 1934 von Nationalsozialisten ermordete und wenig später zum Märtyrer stilisierte eine Antwort finden. In einem langatmigen, hochtrabenden Eingangsplädoyer tritt er die Flucht nach vorne an und erklärt dem hohen Gericht seine Motive, seine Ziele und seine Handlungsspielräume. Seine Taten seien gerechtfertigt gewesen, zumindest entschuldbar, juristisch sowie moralisch. Er und seine Anhänger hätten sich in einem Notstand befunden und gar nicht anders handeln können, um großen Schaden von Österreich und seinem Volk abzuwenden. 
Peter Veran (Pseudonym für Werner Anzenberger) lässt dem Redeschwall des „Märtyrers“ kenntnisreich und gut recherchiert freien Lauf. Er legt dabei seinem Protagonisten historische ebenso wie aktuelle Sprache in den Mund und verknüpft Dollfuß‘ Vortrag mit der politischen Situation in Österreich 2019, stark geprägt von der Zusammenarbeit von ÖVP und FPÖ in der Bundesregierung „vor Ibiza“. Er macht eine Nähe bzw. Geistesverwandtschaft von Dollfuß‘ Denken zu dem der Nationalsozialisten fest, wie man sie so noch nicht kannte. Wikipedia bezeichnet eine literarische Groteske „als beabsichtigten Verstoß gegen künstlerische Normen“, dieser Verstoß ist dem Autor sehr gelungen. 
Gerald Netzl
 
Veran, Peter - Plädoyer eines Märtyrers
Wien: Promedia 2020. 176 S. - br. : € 17,90 (GE)
ISBN 978-3-85371-471-3

 

 

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