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Bücherschau

Wolf, Hubert - Der Unfehlbare

Pius IX. und die Erfindung des Katholizismus im 19. Jahrhundert
Der Sohn einer alten italienischen Adelsfamilie wurde am 13. Mai 1792 in Senigallia als 9. Kind geboren und auf den Namen Giovanni Maria (Ferreti) getauft. Die Kleinstadt an der adriatischen Küste hatte damals gerade einmal 18.000 Einwohner und gehörte seit Jahrhunderten zum Kirchenstaat. Giovannis Kindheit und frühe Jugendjahre fielen in eine Zeit dramatischer, politischer Umschwünge. Die Französische Revolution und die Herrschaft Napoleon Bonapartes zerstörten die alte gesellschaftliche Ordnung Europas. 
Der kleine Adelige hatte freilich andere, sehr persönliche Sorgen. Im Alter von fünf Jahren fiel er in einen Brunnen und konnte erst im letzten Augenblick geborgen werden. Seit seiner Geburt plagten ihn epileptische Anfälle, seine körperliche Konstitution ließ sehr zu wünschen übrig. Granmaria, wie er im Familienkreis genannt wurde, wurde von Ammen und Gouvernanten erzogen und absolvierte die ersten sechs Jahre seiner Schulzeit im Internat der Piaristen in Volterra, wo er streng ausgebildet wurde. Der junge, seelisch unausgegorene Mensch fand sich im Leben nur schwer zurecht. Er genoss die Freuden des Daseins. Erst mit 25 Jahren entschloss er sich dazu, Priester zu werden. 
Die theologischen Auseinandersetzungen zwischen den verschiedenen Strömungen und die Neuorientierung der katholischen Kirche in der Zeit zwischen 1815 und 1844 schildert der Autor vor dem Hintergrund der historischen Ereignisse mit breiter, sachlicher und exakter Darstellungskunst. Giovanni Maria beteiligte sich daran in seinen verschiedenen Funktionen, als Erzbischof von Spoleto, Bischof von Imola und als Kardinal spielte er sich immer deutlicher in den Vordergrund. Schließlich wurde er am 6. Mai 1844 im 4. Wahlgang zum Papst gewählt. 
In Jahr 1848 fegte ein Revolutionssturm über Europa, von dem auch der Vatikan erfasst wurde. Französische Truppen besetzten Rom, Pius IX. floh nach Gaeta und kehrte erst im April 1850 nach Rom zurück. Unter dessen waren weitreichende Entscheidungen gefallen. Die weltliche Herrschaft des Papstes wurde auf den Vatikan beschränkt, seine kirchenrechtliche Stellung erheblich gefestigt. Das Pontifikat Pius IX. währte bis zu dessen Tod im Jahr 1878. 
Der Papst wurde mancherorts als liberal eingestuft. Das war aber eine Fehleinschätzung. Pius IX. war ein machtbewusster, hartgesottener Traditionalist. Seine Beurteilung durch die Zeitgenossen und das Urteil seiner Biografen fielen dementsprechend widersprüchlich aus. Von seinen Maßnahmen sind etliche in Erinnerung geblieben oder ein fester Bestandteil der katholischen Dogmatik, wie etwa das Dogma von der „Unbefleckten Empfängnis Mariens“ und der „Unfehlbarkeit des Papstes“ in Ausübung seines Amtes. Als man Letzteres scharf kritisierte, beschied er kühl und selbstbewusst: „La traditione sono io“ („Die Tradition bin ich“). 
Pius IX. hat zweifellos ein neues auf die Person des Papstes zugeschnittenes Kirchenbild geschaffen. In der Amtszeit von Johannes Paul II. wurde er selig gesprochen. Das glänzend recherchierte, sehr verständlich geschriebene Buch ist zweifellos eine wertvolle Bereicherung der Kirchengeschichte. 
Friedrich Weissensteiner
 
Wolf, Hubert - Der Unfehlbare
Pius IX. und die Erfindung des Katholizismus im 19. Jahrhundert. München: Beck 2020. 432 S. - fest geb. : € 28,80 (GE)
ISBN 978-3-406-75575-0

 

 

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