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Bücherschau

Willms, Johannes - Der Mythos Napoleon

Verheißung, Verbannung, Verklärung
Von der Parteien Gunst und Hass verwirrt, schwankt sein Charakterbild in der Geschichte. Dieses Schiller-Wort passt auf kaum jemand anderen besser als auf Napoleon. Denn wie kaum eine andere Persönlichkeit hat dieser kleinwüchsige Mann aus Korsika gegensätzliche Meinungsverschiedenheiten, Urteile und Beurteilungen ausgelöst. Der Bogen reicht von bedingungsloser Bewunderung bis zur abgrundtiefen Ablehnung. Viele seiner Biografen haben den einen oder den anderen Standpunkt vertreten, wenn auch nicht mit unbeugsamer Konsequenz. Aber zugegeben: Es ist ausgesprochen schwierig, ein ausgewogenes Lebensbild dieses Giganten zu zeichnen. 
Napoleon war ein militärisches Genie, ein Machtmensch, der in ein paar Jahren mit seinen ihm treu ergebenen Armeen die alte politische Ordnung Europas rücksichtslos zerschlug. Als unbekannter Revolutionsgeneral zum Oberbefehlshaber der Italienarmee ernannt, begründete er durch überraschende militärische Schachzüge mittels einer geschickten Propaganda und Selbstdarstellung einen Mythos, den er mit Hilfe seiner Bewunderer selbst als gescheiterter Feldherr im Exil auf St. Helena auf Dauer festigte. Innenpolitisch etablierte er eine neue Staatsverwaltung, schuf ein effizientes Steuersystem und reformierte das Schulwesen. Seine größte und dauerhafteste Leistung war allerdings der Code Civil, das erste für ganz Frankreich verbindliche Gesetzbuch. 
Familienrechtlich lieferte er die Frau völlig dem Manne aus. „Die Frauen sind unser Eigentum und unser Besitz, wie ein Baum, der Früchte trägt, der Besitz des Gärtners ist,“ stellte der Kaiser der Franzosen kurz und bündig fest. Und wofür opferte dieser narzisstische Egomane das Leben hunderttausender Menschen? Für die Größe Frankreichs („Vive la France“) und vor allem für seinen persönlichen Ruhm. Nach dem fehlgeschlagenen Russlandfeldzug ließ er seine Armee im Stich. Seiner Gemahlin Marie Louise schrieb er: „Meine Gesundheit ist gut, das Wetter schön, meine Angelegenheiten sind in bester Ordnung“. Voilà. Vive Napoleon. 
Der weithin bekannte deutsche Autor Johannes Willms ist einer der besten Napoleon-Kenner. Er untersucht mittels seiner stupenden Quellenkenntnis und seiner Darstellungskraft die Wirkungsgeschichte des selbstherrlichen Diktators. Napoleon hat es glänzend verstanden, sich als Märtyrer des Schicksals und als Messias der Völkerfreiheit zu stilisieren. Als Beglücker der Menschheit ist er aber nicht in die Geschichte eingegangen. Ein sehr anspruchsvolles Buch. 
Friedrich Weissensteiner
 
Willms, Johannes - Der Mythos Napoleon
Verheißung, Verbannung, Verklärung. Stuttgart: Klett-Cotta 2020. 382 S. - fest geb. : € 26,80 (BI)
ISBN 978-3-608-96371-7

 

 

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