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Bücherschau

Lucia Berlin - Was zählt, ist die Story

Karin Berndl über Lucia Berlin

c Estate of Lucia Berlin
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„Ma schrieb wahre Geschichten, nicht unbedingt autobiographisch, aber treffend. Unsere Familiengeschichten und Erinnerungen formten sich langsam um, wurden verschönert und so weit überarbeitet, dass ich nicht sicher bin, was die ganze Zeit wirklich passierte. Lucia sagte, das spiele keine Rolle: was zähle, sei die Story.“ So schreibt Lucia Berlins ältester Sohn Mark Berlin (2005 verstorben) im Vorwort zu ihrem letzten auf Deutsch erschienenen Band mit Short Stories mit dem Titel „Abend im Paradies“, der 2018 auf Deutsch erscheint, nachdem sie erst 20 Jahre nach ihrem Tod 2015 mit ihrer Erzählungen eine breite Öffentlichkeit erreichen sollte. 
Diese Beschreibung ihres Sohnes kommt sehr nahe an das heran, was die Faszination und Intensität von Lucia Berlin schmalen Œuvres auszumachen scheint. Es zeigt auf tröstliche und inspirierende Weise zugleich die viel beschworene Verflechtung von Kunst und Leben, Schreiben und Leben, wie es in der Literatur der Gegenwart heute nur noch selten zu finden ist. Das eine geht nicht ohne das andere, aber es geht um die Wahrung der nötigen Trennschärfe, um das eine nicht mit dem anderen zu verwechseln. Lucia Berlin lotete diese Grenzen stets aus.
„Eines Tages las ich im Unterricht einen Abschnitt, in dem eine von Cervantes Figuren in einem Irrenhaus sagt, dass er es regnen lassen könnte, wann immer ihm danach sei. In diesem Moment verstand ich, dass Schriftsteller alles machen können, was sie wollen“ (Welcome home, 2019, S.55). Lucia Berlin schreibt diesen Satz in ihrer Erinnerung ihrem damals 16-jährigen Ich zu. Eine frühe Erkenntnis, der sie ein Leben lang treu bleiben sollte. 
So rau und hart das Leben sie auch traf, wie tief unten sie sich auch befand, hat sie das Schreiben nie zur bloßen Bewältigung ihres Lebens genutzt oder ihre Geschichten bloß aus dem eigenen Erlebten gespeist. Beides hätte ihrer Einstellung und schriftstellerischen Haltung nicht entsprochen. Sie hat, mit den Härten und Widrigkeiten des Lebens konfrontiert, nie den Blick für das Schöne und Wertvolle verloren und ihrem Schreiben dabei ein maximales Maß an Wahrhaftigkeit abgerungen, wofür ihre Kurzgeschichten der bleibende Beweis sind. Treffend drückt es der leider zu jung verstorbene Literaturkritiker der Süddeutschen Zeitung Christopher Schmidt aus: „Man sagt bei solchen Geschichten gerne, dass sie das Leben schreibt. Aber das Leben schreibt keine Geschichten, kaum ein anderer Autor zeigt das so deutlich wie Lucia Berlin, deren Geschichten wie pure Osmose wirken“ (sueddeutsche.de, 13. August 2016). 
 
„Secure. Respected. Loved.“
Auch der Autor Dave Cullan sagt in einem Text, was er in der Gegenwart seiner Mentorin Lucia Berlin empfand: „Secure. Respected. Loved“. Sie verkörperte wohl als Mensch, das, was sie auch in ihrem Schreiben suchte, in ihren Figuren und deren Geschichte spürbar  machte. „Secure“ – sich sicher fühlen: Auf der Suche nach Sicherheit war sie ein Leben lang. Unzählige Umzüge von frühen Kindesbeinen an haben sie schon früh eine tiefe Sehnsucht nach Heimat und Zugehörigkeit entwickeln lassen. Eine Rastlosigkeit sollte ihr verlässlichster Lebensbegleiter werden. Im Vorwort zu „Was ich sonst noch verpasst habe“ schreibt die Autorin und Übersetzerin Antje Rávic Strubel: „Schreiben bedeutet für Lucia Berlin auch, einen Ort zu finden, an dem sie bleiben kann. Aus dem Gefühl heraus, nicht geerdet zu sein, immer getrieben, früh verjagt aus der Sicherheit eines Elternhauses, findet sie Geborgenheit in einem Satz“ („Was ich sonst noch verpasst habe“, S.14). 
„Respected“ – respektiert zu werden: Als Kind und junge Frau erlebt sie schon früh Gewalt, Missachtung und Missbrauch von Seiten wichtiger Bezugspersonen. In zahlreichen Geschichten wird sie von Machtverhältnissen, sozialen Schräglagen, Gewalt und Widerstand erzählen, ohne dabei die Schattenseiten menschlichen Verhaltens in ihren Figuren zu verklären oder zu beschönigen. Sie zeichnet ihre tragisch-komischen Gestalten nicht auf Kosten deren Würde, sondern zollt ihnen noch in der grausamsten Darstellung den nötigen Respekt.
„Loved“ – geliebt zu werden: Die stetige Geborgenheit einer liebenden Mutter erfuhr sie bei ihrer depressiven Mutter nur selten. Es soll eine ambivalente Beziehungen bleiben, ein Leben lang. Die ersehnte Anerkennung durch den Vater blieb ihr zeitlebens verwehrt und findet in vielerlei Varianten ihren Niederschlag in ihrem Schreiben. Drei Ehen und vier Kinder, schwere Alkoholabhängigkeit zeigen dieses Ringen um Liebe und die Bewältigungsversuche von den unterschiedlichen Abhängigkeiten. Aus zahlreichen Künstler-Biografien wissen wir, dass diese Sehnsucht und Entbehrung die Triebfeder für künstlerisches Schaffen ist – auch bei Lucia Berlin ist dies der Fall
 
„Ich versuche wirklich verzweifelt zu lernen, es so zu erzählen, wie es war“ („Welcome home“, S.122). 
Lucia Berlin wurde als Lucia Brown am 12. November 1936 in Juneau, Alaska geboren. Sie stirbt an ihrem 68. Geburtstag in Marina del Rey bei Los Angeles. Als Tochter eines Bergbauingenieurs, der viele Jahre ihrer Kindheit an wechselnden Arbeitsplätzen in Idaho, Kentucky und Montana eingesetzt ist. So lernte sie schon früh viele Landstriche der Vereinigten Staaten mehr oder weniger gut kennen. Als der Vater 1941 Kriegsdienst leisten muss, zieht Lucia mit Mutter und ihrer kleinen Schwester Sally zu den Großeltern nach El Paso, Texas. Nach Ende des Krieges begibt sich die Familie auf große Seereise und soll für einige Zeit in Santiago de Chile leben. Berlins Vater steht zu dieser Zeit im Dienst der CIA. Als Bergbauingenieur kommt er durch den Handel mit chilenischem Erz zu Geld und die Familie für kurze Zeit in den Geschmack eines privilegierten Lebens. Lucia besucht eine Privatschule, die Familie wohnt in einem prunkvollen Haus mit Bediensteten, im Winter geht es zum Schifahren, die Sommertage werden am Strand und bei Sportveranstaltungen verbracht. Mit zehn Jahren erkrankte Lucia ebenso wie ihre Mutter an schwerer Skoliose, was sie später zwingt, ein Korsett zu tragen, ihre Atmung wird derart beeinträchtigt, dass sie ab 1994 bis zum Ende ihres Lebens ein Atemgerät in ihrer Nähe brauchen wird. 
Ab 1955 studiert sie an der University of New Mexico. Sie wählt, wie sie rückblickend sagt, versehentlich Journalismus, wollte sie doch immer schon Schriftstellerin werden. Einer ihrer Lehrer war zu dieser Zeit der spanische Autor Ramón Sender. Sie erlebt eine leidenschaftliche Studentenliebe mit einem mexikanisch stämmigen Kommilitonen. Doch die nicht „standesgemäße“ Beziehung wird von den Eltern sabotiert, wodurch sie auch bald ihr Ende findet. Ihre Eltern wollen danach gemeinsam mit ihr für ein Jahr nach Europa gehen. Doch kurz bevor der Dampfer nach Europa ausläuft, trifft Lucia den charismatischen und begabten Bildhauer Paul Suttmann und heiratet ihn ein Monat später. Bald wird ihr erster Sohn Mark geboren und kurz darauf „passiert“ der zweite Sohn Jeff. Suttmann hat als Künstler ambitionierte Pläne, seine Frau ist am Erwachsenwerden und bereits Mutter zweier Kinder. Die Ehe findet noch vor der Geburt des zweiten Sohnes ein Ende. 
Einen Tag vor der Geburt ihres zweiten Sohnes wird sie ihren zweiten Mann, den Jazzmusiker Race Newton, kennenlernen. Das Leben in der Corrales Road, Almadea, ist ein karges und desolates, aber anregend und prägendes. Der Ort, die Stimmung und die Menschen, werden Inspiration für viele ihrer Erzählungen sein. Durch diese Beziehung kommt sie erstmals auch in Berührung mit Künstlern und der Gruppe der Black Mountain Bewegung, einer avantgardistischen Künstlerbewegung, die ihren Ausgangspunkt am Black Mountain College in North Carolina nahm. Lucia Berlin soll vor allem Helene und Edward Dorn über längere Zeit verbunden bleiben. Unter dem Einfluss von Edward Dorn beginnt sie als Lucia Newton zu schreiben. Ein Briefwechsel dokumentiert diese freundschaftliche Beziehung der werdenden Schriftstellerin zu dem Künstler-Ehepaar. Mit Anfang zwanzig veröffentlicht sie ihre erste Kurzgeschichte und schreibt seit 1960 literarische Beiträge für Zeitschriften wie beispielsweise „The Atlantic“. 
Mit ihrem zweiten Mann Race Newton zieht sie auch eine Zeit nach New York in die Nachbarschaft der Schriftsteller Denise Levertov und Mitchell Goodman. Auch diese Ehe ist ihrer Zeit und den Umständen verschrieben. Lucia bewegt sich in Künstlerkreisen. Doch muss sie auch als zweifache Mutter für den Lebenserhalt und die Versorgung der Familie aufkommen. Während ihr Mann in Bars spielt, findet sie in einer Kunsthandwerksidee eine Einnahmequelle, die in Greenwich Village zum Verkaufserfolg wird. Doch die introvertierte Schweigsamkeit ihres Mannes bringt sie in Berührung mit einer Einsamkeit und einem Gefühl von Alleinsein, das sie nur allzu gut kennt. Zu dieser Zeit lernt sie den Kollegen ihres Mannes, den Jazz-Saxophonist Buddy Berlin kennen, seine spontane und lebenslustige Art steht in Kontrast zur Zurückhaltung ihres Mannes. Er hat sich die Rechte für den Vertrieb von VW in den USA gesichert und dadurch finanziell ausgesorgt. 
Nach einer ersten spontanen Reise mit ihm verlässt sie Newton und New York und geht 1961 mit ihm und ihren Söhnen nach New Mexiko. Mit ihm bekommt sie zwei weitere Söhne. Eine Ehe mit Höhen und Tiefen, bedingt durch Buddy Berlins Heroinsucht, von der sie erst im Laufe ihrer Beziehung Kenntnis bekommen soll. Zwischen Barbecues, Poolparties und Familienleben am Edith Boulevard, Albuquerque, gibt es Reisen der Familie durch Mexiko und immer wieder Abstürze und unangenehme Begegnungen mit Dealern. Bei der Geburt eines ihrer Söhne Buddy ist sie allein, weil er nach Hause muss, um sich einen Schuss zu setzen. Eine Flucht nach Mexiko soll eine Lösung sein. „Wir würden die Jungs zu Hause unterrichten, sie jenseits aller Gewalt und Gier, von Rassismus und Konsumdenken großziehen. Wir würden ein einfaches, cleanes und liebevolles Leben führen“ („Welcome home“, S.93). Doch auch der Umzug nach Mexiko in „la barca de la ilusión“ kann nichts daran ändern. Die Ehe wird 1968 geschieden. 
Danach arbeitet sie nur kurze Zeit als Aushilfslehrerin an der University of New Mexico, bedingt durch ihre inzwischen eigene schwere Alkoholsucht. Die vierfache und alleinerziehende Mutter ist auf sich gestellt. Sie schlägt sich die Jahre in schlecht bezahlten Jobs als Telefonistin, Krankenhauspflegerin, Putzfrau, Telefonistin, Arzthelferin und Gefängnislehrerin durch und hat ebenso wechselnde Wohnorte in New Mexiko und Kalifornien. Eine Liste ihrer Wohnungen zu dieser Zeit findet sich in „Welcome home“ und lässt ungefähr erahnen, welche Lebensumstände die nächsten Jahre bestimmen sollten. 
In den frühen 1990er Jahren begleitet sie schließlich ihre an Krebs erkrankte Schwester in Mexiko bis zu ihrem Tod. Zumindest beruflich findet sie mehr zu sich. Ab 1994 lehrt sie Kreatives Schreiben an der University of Colorado Boulder. Über diesen Ort sagt sie: „Zum ersten Mal lebe ich an einem Ort, wo es nicht an jeder Ecke einen Spirituosenladen gibt.“
Ihr Unterricht wird von den Studenten geschätzt und ihr Lehrauftrag 1996 als Associate Professur verlängert. Doch Boulder, am Fuße der Rocky Mountains gelegen, wirkt sich durch sein Klima negativ auf ihre Gesundheit aus. Schwer krank zieht sie 2000 in die Nähe ihrer Kinder. Zuerst in einen Trailer Park und schließlich in die umgebaute Garage hinter dem Wohnhaus ihres Sohnes außerhalb von Los Angeles. In den letzten Lebensjahren ist ihre Mobilität eingeschränkt und eine Sauerstoffflasche ihr ständiger Begleiter.
 
Posthumer Ruhm
Sie soll fast 20 Jahre wenig oder nur sporadisch schreiben und publizieren, einen Roman verbrennt sie, ein anderer geht verloren. Ihr erster, schmaler Kurzgeschichtenband „Angels Laundromat“ erscheint erst 1981. 1991 erhält sie für den Sammelband „Homesick“ den American Book Award. In den letzten 20 Jahren ihres Lebens ist sie trockene Alkoholikerin. 
Bis heute gibt es sechs Einzelausgaben ihrer insgesamt 76 je veröffentlichten Kurzgeschichten. Ab 1990 wurden diese nochmals in drei Bänden (1990, 1993 und 1999) zusammengestellt und herausgegeben. Ihr posthumer Ruhm setzt erst 2015 ein, als ihre Kurzgeschichtenauswahl „A Manual for Cleaning Women (1977-2004)“ erscheint. Es ist wohl der sorgsamen Sichtung und Auswahl ihrer Erzählungen durch ihren Freund, den Literaturwissenschaftler und Autor Stephen Emerson, zu verdanken, der die Neuausgabe zusammengestellt hat. 
Ein großer Teil der in „A Manual for Cleaning Women“ enthaltenden Erzählungen erscheint auf Deutsch erstmals in einer Auswahl 2016 unter dem Titel „Was ich sonst noch verpasst habe“ in der Übersetzung von Antje Rávic Strubel im Arche Verlag. 2018 sollen noch weitere Stories aus dem amerikanischen Original folgen. Leider wurde aus nicht nachvollziehbaren Gründen die Auswahl und Reihenfolge der Erzählungen geändert. Rávic Strubel spricht bei der zweiten Auskoppelung „Was wirst du tun, wenn du gehst“ davon, dass sie in Abstimmung mit dem Verlag einen „narrativen Rahmen gewählt“ hätte. Da es kaum Angaben zur Entstehungszeit ihrer Erzählungen gibt, ist diese Setzung nur schwer nachvollziehbar. 
„A Manual for Cleaning Women“ versammelt im Original jedenfalls die Quintessenz ihrer Lebens- und Lektüreerfahrungen, ihrer zentralen Themen und zeigt, welch lebenskluge, sprach- wie formbewusste Schriftstellerin sie war. Die ersten vier Erzählungen, die in der amerikanischen Originalausgabe den Anfang machen, zählen zu den zentralsten und besten ihres Könnens: „Angels Waschsalon“, „Dr. H. A. Moynihan“, „Sterne und Heilige“ und „Handbuch für Putzfrauen“ („Reinigungskräfte“ hätte wohl eher entsprochen). Sie spiegeln auch die zentralen Themen der Autorin und sind charakteristisch für ihre Erzählkunst: Randexistenzen, Machtverhältnisse und amerikanische Gesellschaft, Frau- und Künstlerin-werden und sein.
 
„An diesem Tag auf dem Spielplatz wusste ich, dass ich nie im Leben hineinkommen würde“ („Sterne und Heilige“, Was ich sonst noch verpasst habe, S.19). 
Ihre frühen Lebensjahre waren geprägt von ständig wechselnden Wohnorten und Abschieden. Ausgrenzung erfährt sie vor allem in der Schulzeit. Die Kindheit ist von vielen Erfahrungen und Erlebnissen und dadurch wohl auch von einer noch nachdrücklicheren Suche nach Orientierung und Bezugsfiguren, Idolen und Helden geprägt, was auch Niederschlag in ihren Erzählungen findet. „Sterne und Heilige“ steht beispielhaft für eine Zahl an Erzählungen über die Grausamkeiten der Schulzeit. Eine Ich-Erzählerin blickt darin auf ihre Schulzeit zurück, als sie Nonne werden wollte und Katholikin. 
Auch „Stille“ erzählt auf vielen Ebenen von Rassismus, Freundschaft und Einsamkeit. Ein Mädchen wächst in einer dämmernden Bergarbeitersiedlung in El Paso auf. Die Mutter wird als meist lesend oder schlafend beschrieben. Der Vater als einziger Ansprechpartner meist beruflich abwesend. Das Mädchen ist schulische Außenseiterin und wie bereits aus „Stern und Heilige“ am Rande der Gemeinschaft Gleichaltriger. Der Ausgrenzung begegnet sie mit Schweigen, Zufluchtsort sind die Schulbibliotheken. Schulwechsel und Kämpfe zwischen Mutter und Tochter prägen diese Atmosphäre der Einsamkeit. Beim Spielen auf der Straße lernt sie die Tochter der Nachbarsfamilie kennen: Hope. Die beiden Mädchen begegnen sich im Spiel, ohne Worte. Eine Freundschaft beginnt zu entstehen. Die Ich-Erzählerin findet in der syrischen Familie Haddad Geborgenheit und Zusammenhalt. Als die Freundinnen gemeinsam etwas aushecken, gehen die Mütter der Mädchen sehr unterschiedlich damit um. Während Hopes Mutter den geschädigten Eismann beschimpft, erfährt die Erzählerin wiederum Beschimpfungen durch ihre Mutter. „Ich wollte nicht bloß, dass meine Mutter mir glaubte, wenn ich unschuldig war – was sie nie tat –, sondern ich wollte, dass sie hinter mir stand, wenn ich schuldig war.“ Kurz darauf führt ein Verrat der Ich-Erzählerin dazu, dass die Freundinnen nie wieder miteinander sprechen sollen. Eine zeitlose Geschichte von Freundschaft und auch ein Stück Ermutigung zur Zivilcourage. Kindheit, Freundschaft, die schwierige Beziehung zur Mutter und schulische Ausgrenzung können ein Leben und die entsprechenden Einstellungen beeinflussen, das weiß Lucia Berlin aus eigener Erfahrung nur zu gut. 
„Dr. H. A. Moynihan“ zählt zu den eindrücklichsten und perfekt gearbeiteten Geschichten dieses Bandes. „Dr. H. A. Moynihan Ich arbeite nicht für Neger“ steht es auf einem Türschild der Zahnarzt-Praxis in West-Texas. Auch Berlins Großvater war einer der besten Zahnärzte in West-Texas und hat Lucias Mutter ein Aufwachsen im Wohlstand ermöglicht. In der Geschichte weckt der Großvater an einem Sonntagmorgen seine Enkelin, um mit ihr in die Zahnarztpraxis zu fahren. Er möchte, dass sie ihm zur Hand geht und ihm hilft, seine gesamten Zähne zu ziehen, damit er sein prothetisches Meisterstück, den Nachbau seines eigenen Gebisses, einsetzen kann. 
Das Mädchen assistiert ihm bei der grausamen Tortur, die er nur von Whiskey betäubt durchführt. Am Ende völlig erschöpft und entkräftet, schläft er, „seine Zähne zu einem Bela-Lugosi-Lächeln gefletscht“, ein. Lugosi war der erste Dracula-Darsteller in der Filmgeschichte, der danach keinen nennenswerten Erfolg mehr erlangte. In dieser Erzählung zieht die Enkelin dem Großvater buchstäblich den Zahn. Sie nimmt dem gewalttätigen und misshandelnden Mann den Biss, entschärft das angsteinflößende und blutsaugende Monster. In dieser brutalen Szenerie ist die Kastrationsszene nur ein Aspekt von vielen. Die Geschichte erzählt auf vielen Ebenen symbolisch von Missbrauch, der nicht nur den der Erzählerin betrifft, sondern weiter zurückreicht. Gleichzeitig bietet die Geschichte auch ein Tableau für ein vielschichtiges Gesellschaftsbild der damaligen amerikanischen repressiven Macht-Verhältnisse in Bezug auf Frauen und Minderheiten.
 
Angels Waschsalon
Dieses frühe Gefühl nicht „hineinzukommen“ und ein Gefühl Rastlosigkeit bleiben die lebenslangen Begleiter der Autorin, die das Leben am Rande nur zu gut kennt. Ständiges Unterwegsein verhindert enge Freundschaften, die Ehe mit einem Heroinsüchtigen führt zu Isolation, ebenso wie das prekäre Leben als vierfache, alleinerziehende Mutter mit einem Alkoholproblem, das ihr zahlreiche Jobs kostet und sie aus Scham zu regelmäßigen Umzügen zwingt. Sie hat dabei ein untrügliches Gespür und Sinn für Milieus entwickelt. Schauplätze sind Notaufnahmen, Abtreibungs- und Entzugskliniken, Ferienresorts, Gefängnisse, Einfamilienhäuser oder Waschsalons.
Es ist „Angels Waschsalon“ in Albuquerque, New Mexico, wo die unterschiedlichen Menschen regelmäßig aufeinander treffen. Auch die Ich-Erzählerin sucht diesen wöchentlich auf und trifft dort immer wieder auf Tony, einem alten Jicarilla-Indianer, der Alkoholiker hat den Waschsalon zu seinem Stammesgebiet erklärt. Die Ich-Erzählerin beschreibt ihre Gedanken beim Monate langen schweigsamen Nebeneinandersitzen und den unterschiedlichen Begegnungen. Es entsteht ein Bild von Menschen und den Folgen von Unterdrückung, Ausgrenzung und sozialem Abstieg. Auch in „Carpe Diem“ ist ein Waschsalon Schauplatz des Geschehens. Eine ältere Ich-Erzählerin, „meistens habe ich keine Probleme mit dem Altern“, gerade umgezogen, müde und nahezu pleite, schaltet versehentlich die falschen Waschmaschinen an mit bereits gewaschener Wäsche eines jungen Truckers. Berlin zeigt in dieser Szene beispielhaft die tragisch-komische Dimension menschlicher Existenz. 
 
Handbuch für Putzfrauen
Eine Frau führt ihren Leser durch ihren Arbeitstag, an dem sie quer durch New York zu ihren Kunden fährt, in verschiedenen Wohnungen putzt, sitzt, auch ihre Tage verbringt. Da ist eine demente, alte Frau, die ihre ständig wechselnden Zustände auf Zettel schreibt, in der Wohnung verstreut. Manche Kunden werden zu fast so etwas wie Freunde, denn ihre verwaisten Wohnungen verraten viel über ihr Intimleben, Drogenkonsum und Gewohnheiten. Sie selbst ist voll dumpfer Trauer über ihren erst kürzlich verstorbenen Mann, der am Alkohol zugrunde gegangen ist. Sie will für den schlimmsten Moment gerüstet sein. Ihr Bildungsstatus macht es der Erzählerin unter den Kolleginnen nicht unbedingt leicht. Doch sie bedient sich nicht des Klischees der diebischen Reinigungskraft. „Das Einzige, was ich tatsächlich stehle, sind Schlaftabletten, falls einer dieser dunklen Tage kommt.“ „Ich mag Häuser und all das, was sie mir zu erzählen haben. Das ist einer der Gründe, warum es mir nichts ausmacht, als Putzfrau zu arbeiten. Es ist so, als würde man ein Buch lesen“, meint sie einmal. 
In „Trauern“ ist dieser Tag bereits vorüber. Ihre Erzählerin reinigt Häuser, in denen davor jemand gestorben ist. Auch in „Unseres Bruders Hüter“ macht sich eine Reinigungskraft über den brutalen Tod einer Hausbewohnerin Gedanken und entwickelt detektivisches Gespür. „Manche Menschen, die sterben, verschwinden einfach wie Kiesel im Teich“ („Evening im Paradise“), stellt sie lapidar und nüchtern am Beginn der Geschichte fest. Meist unsentimental, gleichzeitig komisch, manchmal herzzerreißend und berührend ist der Alltag ihrer Figuren, der poetisch anmutet und trotz der desolaten Existenz durch Berlins Erzählkunst immer ein Stück Würde belässt. 
 
Von Mutterglück, Emanzipation und Künstlerexistenz
„Abend im Paradies“, im Original „Evening in Paradise“, erzählt vorrangig von Kindheit, Jugend, Erwachsenwerden, Frau-Sein. Von Chile geht die Reise einer jungen Frau an die Universität nach New Mexico, von Santiago nach Lima, von dort nach Panama und nach Miami. Bei jedem Zwischenstopp wird die ehemals wohlbehütete Tochter aus gutem Hause von einem Verwandten oder Bekannten der Eltern empfangen und die Zeit bis zur Weiterreise überbrückt, bevor sie in New Mexico dann endgültig und völlig auf sich gestellt ist. „Reiseplan“ erzählt vom Aufbruch, Ekel, Ablösung und dem Erwachsenwerden. 
„Lead Street, Albuquerque“ gibt eine Ahnung vom Leben in der Vorstadt zwischen Barbecue, Arbeit, Selbstfindung und Muttersein in den 1960er Jahre. Mit dem Satz trifft sie genau den Kern und das Dilemma von weiblicher Selbstfindung und die Stimmung zu dieser Zeit: „Sie wechselte jeden Tag den Boden im Vogelkäfig aus. Der New Yorker passte genau“ („Abend im Paradies“, S.97). Zwei Freundinnen, die eine findet ihr Mutterglück und zu sich, die andere weiß, dass es für sie noch etwas anderes gibt und sie ihr eigenes Leben leben muss.
„Das Lehmhaus mit Blechdach“ ist die Geschichte eines jungen Paares, das durch romantische Verklärung und unter falschen Vorzeichen ein desolates Lehmhaus mietet, um ein freies Leben als Künstler zu führen. Pete, der Bruder der Vermieterin, bringt der jungen Mutter, die tagsüber mit den Kindern oft allein ist, weil der Mann als Musiker unterwegs ist, jeden Tag Pflanzen und gibt ihr genaue Anweisungen in der Pflege. Nach und nach entfalten sich die grausamen Machtmechanismen und die Gesetze eines Ortes und seiner Bewohner. 
In „Ein nebliger Tag“ und „Zeit der Kirschblüte“ hinterfragt eine Frau und junge Mutter ihre Beziehung, gefangen in Routinen erkennt sie die sich wiederholenden Muster im Verhältnis zu Männern und wie trennend Schweigen und die so unterschiedliche Wahrnehmung von Welt sein können. „Sie wollte, dass auch er sie als schön wahrnahm, die Stadt, ihre Stadt. Sie wusste, dass das nicht der Fall war. Er sah Männer, die Süßkartoffeln oder gestohlene Grapefruits aßen oder Orangenkisten in rostigen Öfen verbrannten“ („Abend im Paradies“, S.138). In „Die Ehefrauen“ reden zwei Frauen in zunehmend alkoholisierten Zustand über Max, den Mann, den sie beide lieben und der sie beide verlassen hat. „Haben die Drogen dich ihm näher gebracht? Nein. Aber wegen ihnen hat es mich weniger gestört“ („Abend im Paradies“, S.209). Es geht auch unmittelbar um Alkohol-Abhängigkeit und den Umgang damit: „Decca war die einzige Alkoholikerin, die Laura kannte, die ihren Schnaps nicht versteckte. Laura gestand sich selbst noch nicht ein, dass sie trank, aber sie versteckte ihre Flaschen“ („Abend im Paradies“, S.208). 
 
„Vielleicht waren das die ersten Warnzeichen und der Flieder meine erste Sucht“ („Welcome Home“, S.17).
„Angst, Armut, Alkoholismus und Einsamkeit sind tödliche Krankheiten. Also Notfälle“, so berichtet eine ihrer Erzählerin aus der Notaufnahme des Krankenhaus. Auch an Lucia Berlin sind die trinkenden und rauchenden Erwachsenen ihrer Familie und ihres heroinabhängigen dritten Ehemanns nicht spurlos vorüber gegangen. In „Welcome home“ erinnert sie sich an die Düfte der Kindheit. Der Großvater roch nach Camel-Zigaretten, Haarwasser und Jack Daniel’s, die Mutter roch nach Camels und Tabu-Dana-Parfüm und Jack Daniel’s. 
„Ihr erster Entzug“ und „Unbeherrschbar“ erzählen vom Entzug und Leben mit der Sucht und einer Auseinandersetzung mit der Sucht-Existenz. Berlin schildert schonungslos ein Leben voller Selbstzerstörung, Scham, Schuld, Geheimnissen und brutaler Wahrheit über die Niederungen des Lebens unter der Wirkmacht des Alkohols und der Sucht: „In der tiefen dunklen Nacht der Seele sind die Spirituosenläden und Bars geschlossen. Sie griff unter die Matratze; die Viertelliterflasche Wodka war leer.“ 
„Unbeherrschbar“ erzählt davon, wie eine Frau eine Nacht bis früh morgens um 6 Uhr durchhalten muss, bis der Schnapsladen wieder öffnet und sie wieder rechtzeitig zum Aufstehen ihrer Söhne zu Hause ist. Sie macht Atemübungen, die sie von ihren wohl unzähligen Entzügen kennt, zählt ihre Lieblingsautoren auf, die sie zur Ablenkung lesen könnte und geht in der Nacht zum Schnapsladen, wo sie „Kollegen“ begegnet, die Hustensaft gegen die schmerzhaften Entzugserscheinungen trinken. An diesem Morgen müssen die Söhne der Erzählerin mit nassen Socken zur Schule gehen. Sie kommt nicht rechtzeitig zurück, um den Wäschetrockner anzuwerfen. „502“ ist der amerikanische Code für „Alkohol am Steuer“ und erzählt mit viel Humor und Ironie über die Tiefen eines Alkoholiker-Lebens. Nach dem Ausstieg aus der Sucht verlebt sie einige stabile Jahre als Unilektorin bis ihre Schwester Sally an Krebs erkrankt. In „Leid“ findet diese Zeit Widerhall in der Geschichte zweier ungleichen Schwestern, der trügerischen Idylle eines Ferienortes und dem unterschiedlichen Umgang der Schwestern mit dem nahenden Tod.
 
„Schreib was du siehst. Nicht was du zu sehen wünscht.“
Dies soll Berlin zu ihrem jungen Schriftstellerfreund Dave Cullen ermutigend gesagt haben, als er einen Text über seine Freundin schreibt. Lucia Berlin hat viel gesehen und viel erlebt. Die Rastlosigkeit legte sie ein Leben lang nicht ab und ebenso wenig den prekären Status. Von den amerikanischen Vorstädten, über südamerikanische Segelyachten, bis hin zu den Abgründen der Sucht und drohenden Obdachlosigkeit war ihr wenig fremd. Sie brachte sich mit Gelegenheitsjobs durch und war auch einige Zeit als Krankenpflegerin tätig. 
„Notaufnahme-Notizbuch, 1977“ handelt vom alltäglichen Wahnsinn in einer Klinik. „Ich mag meine Arbeit in der Notaufnahme. Blut, Knochen und Sehnen kommen mir vor wie eine Bejahung. Der menschliche Körper und sein Durchhaltevermögen flößen mir Ehrfurcht ein“ („Was ich sonst noch verpasst habe“, S.117). Es ist eine Atmosphäre, wo der Notfallcode „Blau“ bei den Mitarbeitern systembedingt den nötigen Kick auslöst. Wenn der Defibrillator anspringt, dann kommt das Leben zurück. Auf mehrdeutige Weise beschreibt sie die Dynamik im Emergency Room: „Eines weiß ich über den Tod. Je ‚besser‘ der Mensch ist, je liebevoller, glücklicher und fürsorglicher, desto kleiner ist die Lücke, die sein Tod reißt“ („Was ich sonst noch verpasst habe“, S.119). Oder: „Je schwerer die Krankheit der Patienten ist, umso weniger Lärm machen sie“, sagt eine Krankenhausmitarbeiterin in „Temps Perdu“. Es sind hart klingende Sätze, die aber bald ihre feinsinnige Mehrdeutigkeit preisgeben und sich voreiligen Schlüssen verwehren. In „Töchter“ ist es das Nachdenken einer Krankenschwester zwischen Überlastung und Gnade. Sie arbeitet zu Weihnachten im Dialysezentrum zwischen Überlastung und Faszination. Alles ist da und muss kein Widerspruch sein und zeigt Berlin weiter als sorgsame und sensible Beobachterin. 
 
Mein Jockey
„Mein Jockey“ ist eine der kürzesten und wohl meist zitiertesten Geschichten. Der Eingangssatz lautet: „Ich arbeite gern in der Notaufnahme – jedenfalls lernt man dort Männer kennen. Echte Männer, Helden. Feuerwehrmänner und Jockeys“ („Was ich sonst noch verpasst habe“, S.185). Damit meint sie Helden, Helden des Alltags, die im Einsatz verletzt werden, die Gefahr nicht scheuen, Risiko eingehen. Besonders die Jockeys haben es ihr dabei angetan. Durch ihre Spanisch-Kenntnisse kommt sie mit bestimmten Patientengruppen in Kontakt. Die Knochen der zierlichen Reiter sind meist gebrochen. Sie beschreibt poetisch anmutend: „Ihre Skelette sahen aus wie Bäume, wie rekonstruierte Brontosaurier. Wie der heilige Sebastian.“ Und damit öffnet sie auch einen weiten und tiefgehenden Blick auf die verschiedenen Bilder und Fantasien, die es zu dieser Berufsgruppe gibt. Zwischen Fürsorge und Faszination schwankt ihr Blick. Die zweiseitige Erzählung endet mit einem eindrücklichen Bild: „Da er sich nicht auf die Krankenbahre legen wollte, trug ich ihn über den Flur, wie King Kong“ (S.186). 
In „Mijito“ zeigt sich vor allem auch die psychosoziale Komponente eines kranken Sozial- und Gesundheitssystem im Umgang mit illegal in Amerika lebenden Mexikanern. „Fuck a duck“ sagt die Mutter, als sie erfährt, dass ihr Kind gestorben ist. Es sind die wenige Worte, die sie auf Englisch sprechen kann. Ein totes Kind, daneben Crackbabys, Obdachlosigkeit und bei all den Verunsicherungen ist nicht einmal die Schuld am Ende sicher. Es sind unterprivilegierte Frauen vor allem, die um ein besseres Leben kämpfen und um ein wenig Spaß. Da stellt eine Arzthelferin eine Kollegin ein, die den Job nicht des Geldes, sondern häuslicher Langeweile wegen macht. Eine befremdliche Situation für die, die arbeiten muss, um zu leben. Auch beginnt die neue Kollegin eine Affäre und die Kollegin deckt sie. Der Ehemann wiederum glaubt, die Frauen seien andauernd miteinander unterwegs und bittet sogar, sie möge seine Frau doch in Ruhe lassen. Ein rührendes und verblüffendes Ende. Berlin scheute keine gesellschaftlichen Tabus und entlarvte Bigotterie auf humorvolle Weise. Auch in „El Tim“ erzählt sie von gewaltbereiten Jugendlichen, heute würde man sagen, Klassensprenger mit Vorstrafen. Ihr journalistisches Handwerk kommt ihr bei diesen Sozial- und Milieustudien zugute – Erbarmungslosigkeit gepaart mit Witz ist auch hier die Qualität ihrer Geschichten.
„Es ist absurd, an wie vielen Orten ich gelebt habe ... und weil ich so oft umgezogen bin, sind Orte sehr, sehr wichtig für mich. Ich bin immer auf der Suche ... auf der Suche nach einem Zuhause …“, erklärte Lucia Berlin 2003 in einem Interview. Die vielen Umzüge hängen auch damit zusammen, dass sie wegen ihres Alkoholproblems immer wieder ihre Arbeit und ihr Ansehen verliert. Sie kennt Ausnüchterungszellen und Entzugsanstalten von innen, wie ihr Sohn Jeff Berlin im Vorwort zu „Welcome home“ schreibt. Es sind Miniaturen über die Orte ihres Lebens. Achtzehn Orte nennt sie ihr Zuhause.  Gerüche und Geräusche spielen darin eine große Rolle. Oft galt es, in kurzer Zeit viel aufzusaugen und zu spüren. Mexiko hat einen Geschmack: stark nach Knoblauch, Koriander, Limette. Aber das Meer, der angenehme Geruch von moderndem Dschungel. Ranziges Odeur von schweinsledernen Stühlen, mit Kerosin eingeriebenen Kacheln, Kerzen. 
Mullan, Idaho: „Meine erste Erinnerung besteht aus Kiefernzweigen, die über eine Fensterscheibe streifen.“ Die „Idaho-Düfte“ wie sie es nennt, nach Blumen vor allem Flieder, der Geruch von Apfelblüten und die Hyazinthen „waren buchstäblich berauschend“. Sie haben für sie eine nie wieder erreichte Intensität. An Marion, Kentucky erinnert sie sich an eine schäbige Pension, Schnee und Kälte, einen raschen und warmen Frühling und das Weinen ihrer Mutter. In der Deer Lodge in Montana klingt stets das Radio und Lucia verbringt die Tage auf einer ausgezogenen Couch, malt und hört im Hintergrund den Jubel der Menge bei den Gästen ihrer Eltern, die eine Football-Übertragung hören. In Helena, ebenfalls in Montana, wohnen sie in einer lauten Wohnung und die Bibliothek ist ihr dort unvergesslich wie der alte Mr. Johnson, der in einem mit alten Zeitungen tapezierten Haus wohnt, die er den ganzen langen Winter über liest. Die Erzählung „Winter in Montana“ erinnert an ihn. Bei Mullan, Idaho denkt sie an eine Mine, das „Mahlen und Klapperdiklapp der Maschinen und Generatoren“. Ebenso verbindet sie damit die Wärme des Kanonenofens und die Ankunft ihrer Schwester Molly, ebenso wie das „muntere Geräusch der Kaffeemaschine, das Schnicken eines Streichholzes am Daumennagel“ der Mutter.
Sie erinnert sich an die glücklichen Stunden im Haus der armen Familie ihres Freundes, den sie Kentshereve nennt, und der eigentlich Kent Shreve heißt. Diese schmerzhafte Trennung markiert auch eine schwere Bruchlinie in der schon schwierigen Beziehung zu ihrer Mutter. Beim plötzlichen Umzug und der Abreise sagt sie zur weinenden Tochter: „‘Wirst du endlich den Mund halten?‘ und schlug mir ins Gesicht, und von da an lief alles schief“ („Welcome home“, S.34). Dieses Ereignis findet sich als Grundton in ihrer Erzählung „Gut und schlecht“. Da versucht eine Nonne und Geschichtslehrerin Ms. Dawn, der Erzählerin, beizubringen, gut zu sein. Dem Schulmädchen aus begütertem Haus Familie fehlt ein Werte-Kompass und aus Gedankenlosigkeit bringt sie ihre Lehrerin um ihre Existenz. 
In Patagonien verlebt sie die glücklichste Zeit ihrer Kindheit, umgeben von einer beeindruckenden Flora und Fauna und viel gemeinsamer Zeit mit der Familie. In Chile bekommt sie eine Ahnung von Wohlstand und Privilegien. „Opulenz und Leichtigkeit umhüllte damals unsere Welt“: in einem Haus im Tudorstil mit Bediensteten lebend, verbrachte die Privatschülerin ihre Ferien auf Schiurlauben und Yachtausflügen. Die Revolution bereitet diesem Leben ein jähes Ende. Viele ihrer Schulfreundinnen sterben während der Revolution oder begehen Selbstmord, als ihre Vorstellung von Welt am Untergehen ist. 
 
„Homing“ – Nach Hause finden
In einem Brief an den befreundeten Dichter August Kleinzahler erklärt Berlin ihre Haltung, im Leben, im Schreiben: „Keine Gefühle zeigen. Nicht weinen. Lass niemanden an dich ran“. 
Mara Delius schreibt dazu folgerichtig: „Berlin vermeidet den Gefühlsausbruch, aber nicht das Gefühl – interessanter als die Explosion und die versprengten Partikel, die sie hinterlässt, ist für sie die Essenz eines Gefühls, der Zustand, der sich einstellt“ („Die Welt“, 15.02.2016). 
Lange war es die auktoriale Erzählhaltung, die Berlins Geschichten ihre Prägnanz und die nötige Distanz zum Persönlichen gaben: „Der Leser denkt: Zur Hölle, wenn der Erzähler meint, dass etwas an dieser traurigen Kreatur es wert ist, darüber zu schreiben, dann muss es wohl so sein.“ Die Geschichten von Lucia Berlin werden mit den Jahren zusehends ein Stück weit persönlicher, werden durchtränkt von den Erfahrungen und vom Erleben und der zunehmenden Gewissheit ihrer schriftstellerischen Gabe. Autofiktion wäre eine möglicherweise passende Zuordnung, wenn es an die Reflexionen einer alternden und kranken Frau geht, die Krankheit, Leid und Tod nur allzu gut kennt.
Lucia Berlins Vorbilder waren Flaubert und Tschechow. Sie wird auch gerne mit Raymond Carver, den sie kannte und schätzte, verglichen. Antje Rávic Strubel stellt sie auch in die Nähe von Carson McCullers – aufgrund des Interesses für gebrochene Charaktere. Auch Alice Munro und Ernest Hemingway finden Erwähnung. 
 
„Das ist das Problem mit dem ‚Was wäre, wenn‘. Früher oder später ist da ein Haken“ („Was ich sonst noch verpasst habe“, S.376). 
„Wie oft war ich in meinem Leben gewissermaßen auf der hinteren Veranda statt auf der vorderen?“ Mit so schlichten Worten kann man ein ganzes Leben zusammenfassen – ein Leben, das nur durch einen Holzboden vom Abgrund getrennt ist.
Auch „Verloren im Louvre“ setzt sich mit Erinnern und dem Finden von Ankerpunkten in der eigenen Vergangenheit auseinander. Es ist die Reise einer Ich-Erzählerin auf den Spuren von Proust nach Illiers-Combray, wo sie in einer Kirche einer alten, verwirrten Frau begegnet, die sie für eine Verwandte hält. In Paris gelingt es der Erzählerin, Gnade und Dankbarkeit für die Kunst mit Nachdenken über das Sterben zu verknüpfen, ohne dabei zu wehmütig oder melancholisch zu klingen.
In „Einen Augenblick noch“ setzt sich auch mit dem Sterben auseinander. Die Erzählerin reflektiert darüber, während sie ihre totkranke Schwester pflegt. Berlin findet immer wieder humorvolle Wege, über Altern und Kranksein zu schreiben. Eine ihrer letzten Erzählungen „B.F. und ich“ zeigt noch einmal die ganze Größe ihrer Zugewandtheit und ihr Gespür für Menschenbilder, die sich in der berührenden Beschreibungen und den behutsamen Blick auf ihre Figur zeigt. Es geht darin um die Begegnung der Erzählerin mit einem älteren, fettleibigen und kurzatmigen Fliesenleger, der sich die Stufen hochschleppt. „Ich mochte ihn sofort.“ Denn: „Üble Gerüche können nett sein.“ Auch ihre Vorliebe für Proust klingt hier direkt an: „Seine Ausdünstungen waren für mich wie eine Madeleine.“ Ihr Freund Stephen Emerson geht in seinem Nachwort zur amerikanischen Ausgabe darauf ein. 
In „Sombra“ reist Jane, eine pensionierte Lehrerin, nach Mexiko. Im Hotel trifft sie auf verschiedene Menschen mit unterschiedlichen Motiven für diese Reise. Darunter auch der junge Architekt Jerry, der im Stadion beim Besuch eines Stierkampfs unglücklich zu Tode kommt. Zuvor hat sie mit ihm noch über den Stierkampf gesprochen. „Nein, sie hatten noch nie einen Stierkampf gesehen, aber Jerry fand, dass das sehr japanisch wirkte, weil er das miteinander verband, was Mishima die japanische Eigenschaft der Eleganz und Brutalität nannte“ („Abend im Paradies“, S. 265). Nach seinem Tod stellt seine Freundin Dedee lakonisch fest: „Zu früh“. Doch waren seine Tage aufgrund einer Erkrankung schon angezählt. 
Eleganz und Brutalität bringt auch Berlins Schreiben in knappen Worten auf den Punkt. Die Bemerkung „Zu früh“ hätte ihr vielleicht gefallen, ironisch und lakonisch zugleich, wenn es um ihren Tod und ihre Anerkennung als schriftstellerische Größe im Kanon der amerikanischen Gegenwartsliteratur geht. 

 

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