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Bücherschau

Greiner, Bernd - Henry Kissinger

Wächter des Imperiums
Henry Kissinger war einer der bedeutendsten, aber wohl auch umstrittensten Persönlichkeiten der USA im 20. Jahrhundert. Der vielseitig begabte Mann feiert(e) in diesen Tagen seinen 98. Geburtstag! Heinz Alfred Kissinger kam am 17. Mai 1923 im bayrischen Fürth als Sohn einer wohlsituierten jüdischen Familie zur Welt. 1938 emigrierten die Kissingers aus Angst vor dem physischen Terror der Nazis in die Vereinigten Staaten. Der ehrgeizige Jüngling, der sich von da an Henry nannte, absolvierte in wenigen Jahren das College, diente im Zweiten Weltkrieg als Reserve-Offizier in der US-Army und studierte nach 1945 an der berühmten Harvard-University Geschichte und Politikwissenschaften. Er dissertierte über den allmächtigen Fürsten Metternich, den er zu seinem diplomatischen Vorbild erkor. 
Die Vereinigten Staaten steckten Anfang der 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts in einer schweren, politischen, wirtschaftlichen und militärischen Krise und liefen Gefahr im Kalten Krieg mit der Sowjetunion ihre Vormachtstellung zu verlieren. Illustre Persönlichkeiten mit Weitblick, einer scharfen, analytischen Intelligenz, einem profunden Wissen und Verständnis für weltpolitische Zusammenhänge waren gefragt. Dieses Anforderungsprofil war dem weithin geschätzten Henry Kissinger geradezu auf den Leib geschneidert. 
Präsident Richard Nixon (1969-1974) ernannte den geschmeidigen, machthungrigen Diplomaten zu seinem Sicherheitsberater. Von 1974 bis 1977 war Kissinger unter Präsident Gerald Ford Außenminister. In diesen Jahren war er einer der Schlüsselfiguren der Weltpolitik. Er wollte immer der Beste sein, der Größte, der Gescheiteste. Auf dieses Ziel, auf dieses Image hat er hingearbeitet. Nun hatte er es erreicht. Mit Nixons Stab im Weißen Haus kam Kissinger nur schwer zurecht. In der Öffentlichkeit boten der Präsident und sein Berater zwar das Bild vertraulicher Zusammenarbeit, im persönlichen Umgang miteinander sah freilich alles anders aus. Der egozentrische Intrigant und der chamäleonhafte Opportunist konnten nicht miteinander. 
Bernd Greiner standen für die Biografie die Tonbandaufzeichnungen der beiden Kontrahenten miteinander oder mit Mitarbeitern als Hauptquelle zur Verfügung. Sie bieten einen höchst aufschlussreichen, unverblümten Blick in Präsident Nixons und Kissingers Gedankenwelt. Sie sind die Highlights des Buches. Richard Nixon wurde wegen der sogenannten Watergate-Affäre zum Rückzug gezwungen. Henry Kissinger avancierte zum Außenminister. Der „Wächter des Imperiums“ wurde von den Medien für sein Verhandlungsgeschick gefeiert. Ein paar Jahre später war alles anders. Seine Entscheidungen stießen zunehmend auf Widerstand. Der mimosenhafte Selfmademan zog schließlich die Reißleine und verabschiedete sich aus der Politik. Er widmete sich künftig als Berater von Großbanken und Großfirmen seiner zweiten, einträglichen Karriere. Unermüdlich tätig und in der Öffentlichkeit immer präsent, blieb er bis in die jüngste Vergangenheit „für die einen unwiderstehlich, für die anderen unausstehlich und für alle unvermeidlich“. 
Henry Kissinger hat Geschichte geschrieben. Nicht mehr und nicht weniger. Sein jüngster Biograf hat ein sehr gut recherchiertes, interessantes und sehr kritisches Buch geschrieben, das sicherlich da und dort auf Widerspruch und Unverständnis stoßen wird. 
Friedrich Weissensteiner
 
Greiner, Bernd - Henry Kissinger
Wächter des Imperiums. München: Beck 2020. 480 S. - fest geb. : € 28,80 (BI)
ISBN 978-3-406-75566-8

 

 

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