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Bücherschau

Flesch-Brunningen, Hans - Perlen und schwarze Tränen

Ein großer Roman und ein einmaliges Zeitdokument
Hans Flesch-Brunningen war ein Frühbegabter, der bereits als Gymnasiast zusammen mit Hans Kaltneker und Paul Zsolnay die hektographierte literarische Zeitschrift „Das neue Land“ hrausgegeben hat. Mit 17 Jahren publizierte er sein erstes Gedicht in der Zeitschrift „Pan“, 1914, mit 19, schrieb er in der berühmten expressionistischen Zeitschrift „Die Aktion“, von der im selben Jahr eine Sondernummer zu Flesch-Brunningen erschien,  mit einem Porträt Egon Schieles. Mit 22 Jahren veröffentlichte er 1917 „Das zerstörte Idyll“, expressionistische Novellen, im Kurt Wolff Verlag. In der Zwischenkriegszeit wandte er sich vor allem dem historischen Roman zu. 1933 emigrierte er über die Niederlande nach Großbritannien; Anfang 1934 erreichte er völlig mittellos London, wo er sich mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser halten musste, bis er Sprecher der österreichischen Abteilung der BBC wurde und sich mit der Publikation seiner Texte in englischer Sprache seine finanzielle Situation besserte. Seit 1963 lebte er wieder in Wien, ab 1972 war er verheiratet mit der Schriftstellerin Hilde Spiel. 1981 verstarb er in Bad Ischl. 
Die Erfahrung des Exils schlägt sich in seinen in London veröffentlichten Romanen nieder: In „The Blonde Spider“ (1939), „Untimely Ulysses“ (1940), der nie ins Deutsche übersetzt wurde, und „Spirits of night“, der 1948 erstmals auf Deutsch unter dem Pseudonym Vinzenz Brun und dem Titel „Perlen und schwarze Tränen“ erschien. 
Es ist, wie Evelyne Polt-Heinzl in ihrem profunden Vorwort feststellt, „eine sprachlich wie kompositorisch ambitionierte Paraphrase auf den ‚Ulysses‘ von James Joyce“ (den Flesch-Brunningen in Paris kennengelernt hatte). Der Roman folgt 24 Stunden den Wegen, Gedanken, Erinnerungen und traumhaften Visionen des fiktiven Exilautors John Truck. Dabei ist vieles autobiografisch grundiert, etwa die Erfahrungen als Gelegenheitsarbeiter, seine Tätigkeit beim Rundfunk und sein Engagement in diversen Emigrantenorganisationen. 
Truck bewegt sich also durch das London der deutschen Bombardements, wo Ausgebombte in U-Bahnschächten campieren und in den Ruinen Prostituierte ihren Geschäften nachgehen, in der die „ganze Zivil-Bourgeoisie verschwunden“ und die Uniform herrschat, „der Götze des Jahrhunderts“. Zu Beginn wartet er auf seine Geliebte und Exilkollegin Jane, mit der er zu einem Theaterbesuch verabredet ist. Sie führt dann ein überaus intimes Telefongespräch mit einem Konkurrenten, das Truck als Symbol für ihren Charakter nimmt und zu einer ausführlich Stadtdurchquerung aufbricht. Ob er sie am Ende tatsächlich ermordet, lässt sich aufgrund des schwankenden Realitätsbezugs im gesamten Roman, nicht mit Sicherheit sagen. Sicher ist, dass Jane wohl einige Züge seiner späteren Ehefrau Hilde Spiel aufweist. 
Der Roman beschreibt London im Krieg und die Situation der Emigranten überaus beeindruckend und ist sicherlich ein einmaliges Zeitdokument.
Darüber hinaus ist er aufgrund seiner komplexen Komposition und seiner Sprache, der man den geborenen Expressionisten anmerkt, ein Werk, das es verdienen würde, in den Kanon österreichischer Literatur der Nachkriegszeit aufgenommen zu werden. 
Bernhard Preiser 
 
Flesch-Brunningen, Hans - Perlen und schwarze Tränen
Roman. Nachwort von Evelyne Polt-Heinzl. Wien: Edition Atelier 2020. 326 S. - fest geb. : € 25,00 (DR)
ISBN 978-3-9906503-8-7

 

 

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