Um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten, speichert diese Website Informationen über Ihren Besuch in sogenannten Cookies. Durch die Nutzung dieser Webseite erklären Sie sich mit der Verwendung von Cookies einverstanden. Weitere Informationen über Cookies, finden Sie in unserer Datenschutzerklärung. Dort können Sie auch der Verwendung von Cookies widersprechen und die Browsereinstellungen entsprechend anpassen.
Bücherschau

Mandelstam, Nadeschda - Erinnerungen

an das Jahrhundert der Wölfe
Es war ein großes Ereignis, als 1970 in einem russischen Verlag in den USA das Erinnerungsbuch von Nadeschda Mandelstam erschien. Das großartige autobiografische Prosabuch gehört nicht nur zu den Höhepunkten der russischen Literatur des 20. Jahrhunderts, sondern leitete auch die Wiederentdeckung ihres Mannes Ossip Mandelstam ein, einem der größten Dichter des vorigen Jahrhunderts. 
Anders als Wassili Grossman oder Alexander Solschenizyn, die ihre Berichte über die grausamen Abgründe der Sowjetunion im Hinblick auf eine Publikation dort verfassten, schrieb Nadeschda Mandelstam ihre Erinnerungen für sich selbst und spätere Generationen, ohne die Möglichkeit einer Veröffentlichung auch nur in Erwägung zu ziehen. Es ging ihr in erster Linie um das Erbe ihres Mannes, sein lyrisches Werk, das sie lange Jahre nur im Gedächtnis bewahrte – sie lernte seine Gedichte auswendig, um sie später Freunden diktieren zu können. 
Es ist eine von heute aus gesehen unglaubliche Zeit, von der Ossip Mandelstam in einem seiner Gedichte von einem Jahrhundert der Wölfe spricht, das den Erinnerungen auch ihren Titel gab. In einem Gedicht, das er einigen Leuten vorträgt, kritisierte er den großen Genossen Stalin, der (wie in vielen anderen Fällen) persönlich dafür sorgte, dass Ossip und Nadeschda Mandelstam zuerst jahrelang in Einöde und Hunger verbannt wurden, um dann den Befehl zur „Erledigung“ zu geben. So wurde ihr Mann Ossip, in Anwesenheit eines der Verräter, eines Tages aus ihrer Wohnung abgeholt. 
Mit dieser Szene setzt dieses grandiose Buch ein, das hier in der Anderen Bibliothek erstmals neu und vollständig übersetzt erscheint. Es ist eine große Liebesgeschichte und gleichzeitig das eindringliche Porträt einer unglaublichen Epoche. 1938 ist Ossip Mandelstam dann in einem Lager endgültig verschwunden. Nadeschda Mandelstam erzählt hier offen und mutig in unzähligen Geschichten aus dem alltäglichen Leben jener Jahre, von Freunden, die schließlich Verrat üben, von Dichtern wie Anna Achmatowa und Boris Pasternak, und natürlich von Stalin und vielen anderen. 
In Russland konnte ihr Erinnerungsbuch erst 1986, während der Perestroika, erscheinen – vorher war es nicht möglich, die Wahrheit über diese gewaltsame Epoche, die wohl kaum so berührend geschildert worden ist, zu veröffentlichen. Der schön ausgestattete Band bietet neben der wunderbaren Neuübersetzung von Ursula Keller, die auf Kürzungen und stilistische Glättungen verzichtet, eine umfangreiche, sehr hilfreiche Kommentierung, die all die Personen und zeithistorischen Ereignisse erläutert, auf die Mandelstam in ihrem Text Bezug nimmt. Ein Meisterwerk. 
Georg Pichler
 
Mandelstam, Nadeschda - Erinnerungen 
an das Jahrhundert der Wölfe
Berlin: Die Andere Bibliothek 2020. 550 S. fest geb. : € 45,30 (BB)
ISBN 978-3-8477-0426-3

 

 

Artikel weiterempfehlen

© ÖGB-Verlag | Mit freundlicher Unterstützung vom Bundeskanzleramt Österreich / Kultur