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Bücherschau

Barea-Kulcsar, Ilsa - Telefónica

Beeindruckender Roman aus dem Spanischen Bürgerkrieg
„Telefónica“, der einzige Roman von Ilsa Barea-Kulcsar, ist eine fiktive Geschichte, die auf wahren Begebenheiten beruht und im Dezember 1936 in Madrid spielt. Die titelgebende Telefónica war damals das größte Hochhaus Spaniens und befindet sich auch heute noch an der höchsten Stelle der zentralen Straße Madrids, der Gran Vía. Bei Ausbruch des Bürgerkriegs übernahm die republikanische Regierung das Telefongebäude, die Schaltstelle aller Telefon- und Telegrafenverbindungen, weshalb auch die meisten Korrespondenten dort ihre Büros hatten. 
Der Roman erzählt vom Alltagsleben der Personen, die in der Telefónica arbeiten. Es sind ungefähr ein Dutzend Auslandskorrespondenten aus verschiedenen, überwiegend angelsächsischen Ländern, weiters Mitglieder der Militär- und Zivilverwaltung des Gebäudes, Mitarbeiter der Zensurstelle und des Wachdienstes, Funktionäre politischer Parteien und Gewerkschaften und dann auch noch Frauen und Kinder, die in den riesigen Kellern der Telefónica Zuflucht gesucht hatten, weil sie ausgebombt oder in den Kriegswirren aus ihren Wohnungen vertrieben worden waren. Leitfaden des Romans ist die Liebesgeschichte zwischen Agustín Sanchez, dem militärischen Leiter der Telefónica, und der deutschen Journalistin Anita Adam. In dieser Liebesgeschichte (hier der zeittypisch patriarchalisch denkende spanische Mann und dort die idealistische und emanzipatorisch denkende Frau) spiegelt sich die reale Liebesgeschichte zwischen der Autorin und Arturo Barea. 
Im realen Leben war Ilsa Kulcsar (geborene Polak) eine österreichische Journalistin, die zu Beginn des Spanischen Bürgerkriegs im Oktober 1936 als Freiwillige nach Madrid ging, Leiterin der Zensurstelle für die Auslandspresse wurde, wo sie den spanischen Schriftsteller Arturo Barea (der mit seiner großen autobiografischen Spanientrilogie eines der wichtigsten Werke über den Spanischen Bürgerkrieg geschrieben hat) kennenlernte, 1939 ins englische Exil folgte und schließlich heiratete. 
Während sich die beiden im Roman also allmählich immer weiter näherkommen, fallen vor der Telefónica die Bomben von Hitlers Legion Condor auf die wehrlose Zivilbevölkerung, und die Front droht aufzubrechen. Die Figuren unterschiedlicher sozialer Klassen aus mehreren Ländern bilden im Roman ein breites Panorama unterschiedlichster Ansichten des vielschichtigen und komplexen Zusammenlebens in dem Gebäude während der Belagerung und der Bombardierung von Madrid. Dabei schildert der Roman wie nebenbei die großen Themen des Bürgerkriegs: die Auseinandersetzung zwischen Faschismus und linken Ideologien, die allgegenwärtige Angst vor Spionage und Verrat und das Leiden der Zivilbevölkerung. Und, für Ilsa Barea besonders wichtig: die Situation der Frau im revolutionären Kontext, der aus emanzipatorischer Sicht sehr konservativ und männerdominiert ist. 
Es ist ein beeindruckendes, großartiges Buch, indem die leider zu Unrecht vergessene Ilsa Barea-Kulcsar (die 1965, mittlerweile verwitwet, nach Österreich zurückkehrte und bei Zeitungen des ÖGB arbeitete und als Bildungsfunktionärin der SPÖ fungierte und 1973 starb) ihre bitteren Erfahrungen während des Spanischen Bürgerkriegs verarbeitete.
Simon Berger
 
Barea-Kulcsar, Ilsa - Telefónica
Roman. Wien: Edition Atelier 2020. 352 S. fest geb. : € 25,00 (DR)
ISBN 978-3-9906501-7-2
Aus dem Span. von Georg Pichler

 

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