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Bücherschau

Morrison, Toni - Selbstachtung

Ausgewählte Essays
Schwarze Schreibende, das zeigte auch die Debatte, die teils mit Neid zu tun hatte, um Toni Morrisons Literaturnobelpreis 1993, sehen sich in der Bewertung ihrer Arbeit oft mit einer Doppelmoral konfrontiert. Einerseits erwartet man, dass sie die Sprache neu erfinden, dass sie das in schwarzer Identität begriffene Leid genauso einfangen wie die Schönheit – andererseits aber verachtet man ihr vermeintliches Hängenbleiben in Kategorien wie Race und Gender, Ethnie und Geschlecht. 
Toni Morrison war sich der Last dieser Spannung bewusst, mehr noch, sie suchte und forderte sie regelrecht heraus. Als schwarze Schriftstellerin wusste sie um die Strahlkraft ihrer literarischen Stimme, aber auch um den oft missgünstigen Diskurs, den sie auslöste. Ihr komplexes, nicht-definitives, ambivalentes Schreiben, ihre den jeweiligen Sachverhalt stets in ein neues Licht rückende, metaphorische Erzählweise, die ihren Ursprung in der mündlich-schwarzen Überlieferung hat, erzeugte eine ganz eigene Weisheit: Eine, die über die „verkalkte Sprache der Akademie“, über die „rohstofforientierte Sprache der Wissenschaft“, wie Morrison selbst sie nannte, hinauswuchs. Ihre Themen (besonders die Vereitelung des menschlichen Potenzials, des Verlusts von Erfahrung, Identität, Gemeinschaft, letztlich auch das Thema Männlichkeit) bearbeitete Morrison in einer Dichte und einem Erfindungsgeist, die ihresgleichen suchen.
Neben ihrem literarischen Schreiben arbeitete Morrison auch als Essayistin und Lektorin. In ihrem letzten Buch, das man als Vermächtnis ansehen kann, befasst sie sich in glänzenden Essays mit umstrittenen gesellschaftlichen Fragen, die stets ihre Themen gewesen sind: dem Alltagsrassismus in Amerika, der Assimilation des Fremden, dem Erbe des Sklaventums, der Gewalt gegen Schwarze, den Menschenrechten. Sie denkt über die Kunst, die Möglichkeiten der literarischen Fantasie, die Kraft der Sprache, die afroamerikanische Präsenz in der US-Literatur und in der Gesellschaft nach. Es geht ihr um Achtung und Selbstachtung, um Leerstellen in der Geschichte und jahrzehntelang fortgelebte Vorurteile. 
Außergewöhnlich ist das Niveau ihrer Kritik, das sie auch auf ihre Romane anwendete, ähnlich einem Architekten, der einen durch ein von ihm selbst errichtetes Gebäude führt, mit glasklarem Bewusstsein für seine Schönheit sowie seinen Nutzen. „Im Spektrum der Figuren, die man – ob mit Empathie oder Verachtung – einer künstlerischen Auseinandersetzung für wert befand, fehlten verletzliche junge schwarze Mädchen völlig“, beschreibt Morrison etwa die Vorüberlegungen zu ihrem Hauptwerk „Menschenkind“ („Beloved“). „Wo sie dennoch vorkamen, waren sie ein Witz oder Gegenstand des Mitleids – eines Mitleids ohne Verständnis.“ „Menschenkind“ behandelt die Geschichte der Sklaverei. Morrison beschreibt in ihrem Essay die schriftstellerische Herausforderung, die Lücke der Repräsentation zu schließen, ohne den Text darauf zu reduzieren. Bislang ausgelassene Figuren einzutragen, das zu lang verschwiegene Thema Sklaverei mit ihrer Vorstellungskraft zu füllen und das Innenleben der Sklaven zu erkunden, ohne dabei „ihr Opferdasein heraufzubeschwören oder sich von selbstgerechtem Mitleid ergreifen zu lassen“. Die Essays zeigen beeindruckend ihre analytische Schärfe und selbstreflexive Wucht. 
Simon Berger
 
Morrison, Toni - Selbstachtung
Ausgewählte Essays. Reinbek: Rowohlt 2020. 544 S. - fest geb. : € 24,70 (PL)
ISBN 978-3-498-00143-8

 

 

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