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Bücherschau

Roes, Michael - Melancholie des Reisens

Die Reise als Flucht vor dem Heimisch-, Daheim-Sein
Michael Roes, Autor zahlreicher Romane, die in unterschiedlichsten Weltgegenden spielen, ist als Reisender nie als Tourist unterwegs. Seine vielen Reisen sind ethnologische Erkundungen und gleichzeitig auch Sinnsuche. Die Reise als Flucht vor dem Heimisch-, Daheim-Sein, die Reise als Heilmittel gegen die „Depression der Existenz“. So hat es Roes immer wieder in seinen Büchern beschrieben.
„Melancholie des Reisens“ ist nun eine umfangreiche Sammlung vor allem von Tagebuch-Notizen. Michael Roes verknüpft dabei subjektive Alltagsbeobachtungen mit tiefschürfenden Passagen. Es ist eine Sammlung sehr unterschiedlicher Texte, keine fiktionalen, sondern reflektierende. Er führt uns dabei nach Afghanistan, nach Timbuktu, nach Algerien oder Israel.
Die Orte an sich sind aber nicht das Entscheidende, sondern es geht um den Blick auf die Menschen. Alltagsbeobachtungen aus subjektiver Sicht verknüpft er mit räsonierenden Passagen, denn er hat immer auch literarische Vorbilder im Gepäck, etwa Arthur Rimbaud in Aden; auch Rimbaud war einer, den das Fremde unwiderstehlich anzog. Roes stellt komplexe Fragen, die das zwischenmenschliche Verhältnis betreffen. Für ihn finden Begegnungen zunächst zwischen Individuen statt, nicht zwischen Kulturen. 
Roes berichtet von den Konflikten, die er auf diesen Forschungsreisen erlebt hat. Von Behörden, die die Aufführungen verbieten wollen, von Morddrohungen, vom Druck, der auf den Dozenten aus Deutschland ausgeübt wird, weil allein das Proben eines Theaterstücks als Provokation und Verstoß gegen die guten Sitten aufgefasst wird. Und er notiert, dass die am Mobiltelefon klebenden jungen Leute in Tanger die gleichen Brillen tragen wie in Berlin. Er fragt sich: Ist dieser Prozess der Angleichung ein Fortschritt – oder nur eine modische Äußerlichkeit? Er erzählt auch von den Protesten gegen die Gay Pride Parades, also die Schwulen-Demonstrationen, in Israel, und von einer Inszenierung von Lessings „Nathan der Weise“ in den israelischen Siedlungen.
Das Buch zeigt, wie schwierig und zugleich einfach die Annäherung zwischen Menschen in der globalisierten Welt ist. Einerseits die Abschottung aus religiösen oder traditionellen Gründen. Andererseits die Neugier gerade junger Menschen auf zunächst fremdartige Anregungen und Einflüsse. Das Buch zeigt das Gemeinsame im scheinbar Fremden. Vor allem ist es aber die Dokumentation einer Suche nach sich selbst. Denn das Unterwegssein hat bei Roes immer auch mit dem Unwohlsein am Dableiben zu tun. „Melancholie des Reisens“ ist ein fesselnder Text nicht nur über die Begegnung der Kulturen, sondern auch über das Verhältnis des Individuums zur Welt. Sich näher kommen, heißt bei Roes nicht in jedem Fall, sich besser zu begreifen. 
Simon Berger
 
Roes, Michael - Melancholie des Reisens
Frankfurt: Schöffling 2020. 532 S. - fest geb. : € 28,80 (ER)
ISBN 978-3-89561-179-7
 

 

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