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Bücherschau

Schäfer, Peter - Kurze Geschichte des Antisemitismus

Der Hydra sind ungezählte Köpfe nachgewachsen
Der international bekannte deutsche Judaist Peter Schäfer vergleicht in seiner Schlussbetrachtung den Antisemitismus mit der Hydra, einem vielköpfigen Ungeheuer der griechischen Mythologie. Wenn man ihm einen Kopf abschlug, so der Mythos, wuchsen ihm zwei Köpfe nach. Nur dem Volkshelden Herakles sei es gelungen, ihn zu töten. Die Hydra des Antisemitismus sei unsterblich, so der Autor. Es gibt bis heute keinen Herakles, dem es gelungen wäre, den Judenhass auszurotten. Das ist die bittere Erkenntnis, die man aus diesem Vergleich leider ziehen muss. 
Antisemitismus (der Begriff stammt aus dem 19. Jahrhundert) gab es bereits in der Antike. Das erste Pogrom fand im 1. Jahrhundert vor Christus in Alexandria statt. Die Juden unterschieden sich von den übrigen Völkern der damaligen Welt durch ihren Eingottglauben, durch Sitten und Gebräuche wie den Sabbat, dem Tabu des Schweinefleischessens und der Beschneidung der Vorhaut. Als „Gottes auserwählten Volk“ lebten sie, von den übrigen Bewohnern getrennt, als religiöse Minderheit in eigenen Stadtvierteln (Ghettos). Die beidseitigen Antipathien wuchsen sich mit dem Sieg des christlichen Glaubensbekenntnisses zur hässlichen Judenfeindschaft aus. Die Juden wurden im Mittelalter zu Sündenböcken für alle möglichen gesellschaftlichen Fehlentwicklungen gemacht. Man bezichtigte sie des Gottesmordes, des Hostienfrevels, der Brunnenvergiftung und machte sie für alles und jedes verantwortlich. Sie wurden geschmäht, geächtet, verfolgt, vertrieben. Da und dort kam es immer wieder zu Pogromen, denn die Judenfeindschaft ist an kein Land oder Volk gebunden. Erst im 18. Jahrhundert, in der Zeit der Aufklärung, kam es kurz zu einem Umdenken. Den Juden wurden etliche bürgerliche Rechte eingeräumt. Berufsbeschränkungen wurden aufgehoben, die Religionsausübung unter bestimmten Bedingungen gestattet. 
Im 19. Jahrhundert verschlechterte sich ihre wirtschaftliche Position grundlegend. Rassentheoretische Überlegungen, Behauptungen und Verleumdungen spielten dafür eine entscheidende Rolle. Die Juden seien eine minderwertige Rasse, hieß es, die im Gegensatz zu den reinrassigen Ariern völlig unschöpferisch seien. Der Antisemitismus blühte, beflügelt vom nationalistischen Denken und Handeln, wieder auf. Nationalverbände und -vereine schossen wie giftige Pilze aus dem Boden. Die Mitgliedschaft in diesen Korporationen war den Juden durch einen „Arierparagraphen“ in ihren Statuten verboten. Antisemitische Anschläge und Ausschreitungen häuften sich, alte Stereotype und Vorurteile wurden wieder ausgegraben und neu belebt. 
Dieses antisemitische und nationalstaatliche gesellschaftliche Denken wurde im 20.Jahrhundert vor allem von rechtsextremen Organisationen übernommen. Den Nationalsozialisten genügten diese Maßnahmen nicht. Sie setzten sich das Ziel, das Judentum auszurotten. Nach ihrer „Machtübernahme“ in Deutschland gingen sie mit einer außermenschlichen Brutalität ans Werk. Synagogen wurden niedergebrannt, Geschäfte geplündert, Wohnungen beschlagnahmt. Jüdisches Eigentum wurde arisiert. Jüdische Wissenschaftler, Rechtsanwälte, Ärzte und andere Intellektuelle wurden ihres Postens enthoben und mussten das Land verlassen. Die Judenmassaker in ganz Europa nahmen unvorstellbare Maße an und sind rational nicht zu erklären. Es war der größte und erbarmungsloseste Völkermord der Geschichte. Man sollte meinen, dass dieser unvorstellbare Massenmord für die Nachwelt heilsam gewesen ist. Leider ist das nicht der Fall. Der Hydra sind ungezählte Köpfe nachgewachsen. 
Der prominente Autor, emeritierter Professor für Judaistik, legt ein profundes, hochwissenschaftliches Buch vor, das dem Leser ein gerüttelt Maß an Aufnahmebereitschaft und Nachdenklichkeit abverlangt. 
Friedrich Weissensteiner
 
Schäfer, Peter - Kurze Geschichte des Antisemitismus
München: Beck 2020. 335 S. fest geb. : € 27,80 (GE)
ISBN 978-3-406-75578-1

 

 

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