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Bücherschau

Brunner, Ulrich - Lernen S' Geschichte, Herr Reporter!

Bruno Kreisky - Episoden einer Ära
Ich kann mich noch gut an die Szene erinnern (sie wurde im Fernsehen gezeigt), als der im In- und Ausland angesehene Bundeskanzler Bruno Kreisky den jungen Journalisten Ulrich Brunner im wöchentlich stattfindenden Pressefoyer auf eine ihm nicht genehme Nachfrage den Satz in das Gesicht schleuderte „Lernen S‘ Geschichte, Herr Reporter!“. Der Satz ist inzwischen legendär geworden. Der Rüffel saß tief. Er ist im Gedächtnis vieler Österreicher so fest verankert, dass er, wie man sieht, noch heute aus publizistischen Gründen als Buchtitel dienlich ist. 
Bruno Kreisky ging mit abfälligen Urteilen und Bemerkungen nicht eben zimperlich um. Selbst Hertha Firnberg, Wissenschaftsministerin in seinem Kabinett, bekam es zu spüren. Als sie hoffte, Vizekanzlerin zu werden, wurde sie vom Regierungschef mit der beleidigenden Bemerkung abgetan: „Alt bin i selber“. Brunners Buch ist gespickt mit solchen Ehrverletzungen. 
Kreisky, der am längsten dienende Bundeskanzler der Zweiten Republik (1970-1983), hat mit einem großen Reformwerk Österreich tiefgreifend verändert. In jungen Jahren musste er viel Ungemach auf sich nehmen. Der engagierte Sozialdemokrat wurde bei jeder sich bietenden Gelegenheit verhöhnt und verspottet. Im halb faschistischen Ständestaat (1934-1938) steckte man ihn „wegen Hochverrats“ für ein Jahr in den Kerker, 1938 wurde er von den Nazis abermals verhaftet. Nach seiner Freisetzung musste er das Land verlassen. Bruno Kreisky fand in Schweden Asyl. Er gründete dort eine Familie und kehrte erst 1950 nach Österreich zurück. 
Das Partei-Establishment wusste mit dem hochbegabten Mann, der nicht nur ein Intellektueller, sondern noch dazu Jude war, nicht viel anzufangen. In der SPÖ gab es damals in manchen Fragen und zu manchen Problemen großen, hässlichen Streit zwischen den einzelnen Gruppierungen. Sie wurden jedoch parteiintern und nicht (wie heute) in aller Öffentlichkeit ausgefochten. Die Schilderung dieser unliebsamen Vorgänge gehört im Übrigen zu den interessantesten Passagen dieses Buches. 
Bruno Kreisky wurde zunächst Kabinettsvizepräsident bei Bundespräsident Theodor Körner, eine Tätigkeit, die ihm keineswegs Freude bereitete. Politisch ging er unbeirrt seinen Weg. Bereits 1953 wurde er Staatssekretär für Auswärtige Angelegenheiten, 1959 übernahm er die Führung des neugeschaffenen Außenministeriums. In den Jahren der ÖVP-Alleinregierung (1966-1970) folgte der nächste entscheidende Schritt. Auf einem stürmischen Parteitag der SPÖ setzte er sich 1967 gegen den Widerstand zahlreicher Parteiorganisationen in einer Stichwahl als Parteivorsitzender mit 347 von 498 Stimmen durch. Der charismatische Politiker errang bei der Nationalratswahl am 1. März 1970 mit seiner Partei die relative Mehrheit der Stimmen. Es war dies eine überraschende, kopernikanische Wende in der österreichischen Innenpolitik. Der gewiefte Taktiker bildete mit Duldung der FPÖ eine Minderheitsregierung. 1971, 1975 und 1979 errang er die absolute Mehrheit an Stimmen und Mandaten. 
Der Autor beschreibt die Regierungszeit Kreiskys in knapp gehaltenen Abschnitten. Einige Kapitelüberschriften lauten etwa: „Kreisky und Androsch“, „Kreisky und die Frauenbewegung“, „Die Wiesenthal Affäre“ usw. Sie sind inhaltlich zwar nicht unbedingt überzeugend, erleichtern dem Leser aber den Überblick über das zuweilen schwer durchschaubare Geschehen. 
Ulrich Brunner zeichnet die Persönlichkeit des Bundeskanzlers mit allen Vorzügen und Schwächen. Bruno Kreisky war ein Mensch mit außerordentlichen Begabungen und Fähigkeiten. Brunners Behauptung, Kreiskys hervorstechendster Charakterzug sei sein Narzissmus gewesen, weise ich mit aller Deutlichkeit zurück. Der „Sonnenkönig“ hatte gewiss ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein. Es gibt aber genug Beispiele für seine Volksnähe, sein soziales Mitgefühl und seine Vorliebe für „die kleinen Leute“. Alles in allem ein interessantes, lesenswertes Buch. 
Friedrich Weissensteiner
 
Brunner, Ulrich - Lernen S' Geschichte, Herr Reporter!
Bruno Kreisky - Episoden einer Ära. Ecowin 2020. 272 S. - fest geb. : € 24,00 (GE)
ISBN 978-3-7110-0263-1

 

 

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