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Bücherschau

Füssel, Dietmar - Mondgezeiten

Lyrik
Frohbotschaften versendet Dietmar Füssel in den 71 zwei- bis fünfstrophigen Gedichten, die sein neuer Lyrikband versammelt, eher weniger. Denn in „Zeiten der Wassergräben“ gilt es, sich gegen maßlose Jünger der Gier zu rüsten, um „auf der Flucht/vor der Habgier der Satten“ in diesen Gräben nicht ersaufen zu müssen. 
Zumal rundum alles verdorrt ist, geht der Autor daran, das Licht vergangener Galaxien zu entdecken. Manchmal steigt sein Ich sogar kühn „die Wände hoch/wie ein Gecko“ und fühlt sich vom Wasser des Lebens gewaschen, das ihm die Haut welk, den Schädel kahl und düstere Gesellen zu Wegbegleitern macht. Seine Lyrik spiegelt feinfühlige Lebensgeräusche wider, die von der Absicht künden, das Leben und die Liebe zu lieben.
Der  analytische Blick des Autors legt eine wirklichkeitsintensive Grundstimmung frei, die vom Farbenwechsel lebt, die Welt zum Chamäleon werden und uns in einen lebenslangen Wandlungsprozess schlittern lässt, „bis uns ein Psychopomp/den Weg von diesem Seits/in Jenes weist“. Das Bild von der Zukunft gerät auf diese Weise zum „Sprungtuch/aufgespannt/vor einem/brennenden Haus“. Es wird in düsteren Farben gemalt: „Wer hat, der hat./Wer nicht hat,/muss bezahlen“.
Von Unheil begleitet wird man auch, wenn man in den Winter des Lebens gerät, wo „jeder Schritt/mit Schmerz verbunden“ ist. Zu trösten vermag dafür die Liebe des Alters, die „frei von/den Zwängen der Lust/Seelenverbindungen“ schmiedet. Trotzdem wird man irgendwann „ausgemustert aus der Riege/der Nützlichen. Ausgespuckt wie ein Kaugummi/ohne Geschmack“.
Kleine Schrecklichkeiten sind vielen dieser Gedichte unterlegt. Da sehen dann Glühbirnen wie Gehenkte und Nägel wie Einschusslöcher aus. Abschiedsschritte erinnern an den Klang einer Gruft. Die Landschaft erscheint als formbares Zufallsprodukt. Es riecht nach Zerstörung und Künstlichkeit. Frühere Ziele werden Anekdoten und die Seele mutiert zum Leierkasten. 
Deutlich bemerkbar machen sich in diesen auf Reime weitgehend verzichtenden, viel über Vergänglichkeit sprechenden Versen, die mit Wiederholungen arbeiten und in denen Wortgruppen umgestellt und variiert werden, auch Haben und Sein: Wer viel Ding braucht, um glücklich zu sein, der „verkauft das Leben/und die Liebe/und wird im Würgegriff der Gier/zum seelenlosen Schatten“.
Der Autor malt gern drastische Bilder. Wichtig ist ihm „nicht/das Bleibende./Wichtig ist/das Vergängliche“. So wird seine Erde von lauen Geschöpfen bevölkert, die graue Schatten haben. Über ihnen steht der Mond, von dem zwei Drittel der Gezeiteneffekte stammen.
Dietmar Füssel sucht aber nicht nur in der Natur und ihren Phänomenen, sondern auch in den Dingen nach tieferen Erkenntnissen. Er folgt den „singenden Mücken/im Land der Lappen“, erkennt in den Nerven als Fangschnüre ausgelegte „dünne Drähte(…) von Marionetten“ und sieht sein fenster- und türloses  kleines Autorenzimmer als Patronenhülse, von der aus er allen Intoleranten und Diskriminierern kantige Botschaften und Weltdeutungen entgegenfeuert. 
Manchen seiner Formulierungen sind direkt Stacheln gewachsen. Kein Wunder, ist es auch alles andere als in Ordnung, Flüchtlingen ein unerwünschtes Leben hinaufzudividieren und ihren Tod irgendwo im Niemandsland in Kauf zu nehmen. 
Teil der kritischen Interpretationen ist auch der Ruhm, der lautlos ums Haus schleicht und statt einzutreten nur „auf die/defekte Klingel“ drückt.
Dass auch sonst noch so einiges defekt ist in unserem Land spricht der Autor ohne Umschweife an: „In diesem Land/werden Schreie erstickt/(...)werden Stimmen ertränkt“.
Dietmar Füssels engagierte Stimme gehört glücklicherweise nicht dazu.
Andreas Tiefenbacher
 
Füssel, Dietmar - Mondgezeiten
Lyrik. Wien: Mitgift 2019. 84S. - fest geb. : € 12,90 (DL)
ISBN 978-3-903095-32-8

 

 

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