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Bücherschau

Breier, Isabella - mir kommt die Hand der Stunde auf meiner Brust so ungelegen, dass ich im Lauf der Dinge beinah mein Herz verwechsle

Lyrikband in zwölf Kapiteln
Wie schon in ihrem von einer zärtlichen Waghalsigkeit getragenen ersten Gedichtband „Anfang von etwas“ (2014), macht Isabella Breier auch im neuen gegen das aufgewärmte Wort mobil. Dabei legt sie „kein Prädikat auf Waagschalen, sondern nur (sich) selbst ins Zeug“. 
Dementsprechend verfügen die 192 Texte über viel Luft und Puls und eine Stimme, scharf wie schneidend, sind „feurig geerdet“ und bis an ihre Buchstabenenden voll von „Ideen für klingende Gemälde“. Sie lassen viel Interpretationsspielraum und bieten Aussicht auf einen weiten Horizont. So darf man im Vorgarten des Gedankenhaushalts der Autorin einige Überraschungsbäume bewundern, an denen sich klar erkennen lässt, dass hier etwas „wächst, was sehr gut schmeckt“.
Manchmal geht es in diesen Gedichten richtig heiß her, wenn die Traumgegend in Bauland umgewidmet wird, Leute wie Nina Hagen „live/ zum rationalen Denken“ konvertieren oder Else Lasker-Schüler und Rudi Radiohund abwechselnd slamen. Deplatziert scheint nichts, weder „verunglückte Verben/ leicht bis schwer verletzte Sätze, Geisterfahrerwendungen“, noch der „gabelnde Satz in Schwebe“.
Isabella Breier bietet eine sorgsame Sicht auf die österreichische Almwiesenwelt, die durchsetzt ist vom Schmerz über den Zustand einer unfair bleibenden Welt. Ihre Palette ist breit: Es geht vom „funkensprühenden Sturzregenlied“ über „Grundsatzfragen, schlampig auf gebrauchte Servietten gefetzt“, bis hin zu „gurgelnden Sprüchen“. 
Ihre energiegeladenen Texte verhandeln die in den demokratischen Sozialismus gesteckte Hoffnung genauso wie unsere Maximierungslogik, in der wir als weltverlorene Gipfelstürmer in unserer unmöglichen Unzulänglichkeit ebenso zu sehen sind wie die „festspielgesättigten Edelschnauzen“, denen das Plaudern über Armut „ungeheuer fad“ erscheint.
Die sozialkritischen Töne zwischen den poetischen Grundstimmungen kommen gern als „Reichtumsstudien“ daher. In diesem Sinn werden die Alltagsgeschichten von Elisabeth T. Spira gepriesen, wird von Sternendokus und Kamillentee mit Rum geschwärmt oder betont, dass man „auf der gemeindewohnungsterrasse gemüse anbauen“ kann. Man hört Weingärten wispern und bekommt die Leichtigkeit des „Sommerhimmelverses“ zu spüren.
Gemurrt wird aber auch: gegen den „Haufen/ überdrehter Jung-ÖVPler auf Erntedankwanderung“, gegen „bemühte Zungen“ und jeden, der Sprüche klopft und Wertungen wendet wie Palatschinken in Pfannen. Und es wird das „Heuchelgebimmel“ ausgebuht, mit „Weil- und Trotzliedern“ Wut kanalisiert, die „Prekariatsschwüle“ angezählt sowie die Bedeutung des Leistungsbegriffs und die Verteilung der Güter diskutiert.
Dennoch sollte man diese Gedichte, die nahe am Leben der Autorin sind, menschliche Bedürfnisse verhandeln, ungewohnte Perspektiven beleuchten, überraschende Wendungen nehmen, geschlossene Strukturen präsentieren, welthaltig sind und verspielt und über ruhige Töne genauso verfügen wie über aufmucksende Passagen, nicht unbedingt „als Sammlung zum Vorschlag zum Leben im guten“ lesen. Und doch sind sie vom Umstand geprägt, dass es für einen politischen Menschen natürlich auch politische Lyrik braucht. 
Ein Großteil ist in den letzten sieben Jahren entstanden, einige Gedichte sind aber auch schon zehn bis fünfzehn Jahre alt.
Immer wieder sind erkenntnistheoretische Fragen oder Flow-Erlebnisse ein Thema. Es tauchen aber auch „Schabernackschatten“ auf oder „eine tief hinter den Silben und Stäbchen versteckte/ (...)konkrete Utopie“. 
„Das Gesamtensemble/ an Auffassungen“, das Isabella Breier in den 12 Kapiteln serviert, die von farblich dezent gestalteten, ausdrucksstarken, lebendigen Bildern ihrer Tochter Hannah begleitet werden, geht in jedem Fall „unprätentiös/ in die Tiefe“. Ja es bietet „ein poetisches Schlaraffenland“.
Andreas Tiefenbacher
 
Breier, Isabella - mir kommt die Hand der Stunde auf meiner Brust so ungelegen, dass ich im Lauf der Dinge beinah mein Herz verwechsle
Lyrikband in zwölf Kapiteln. Mit Illustrationen von Hannah Medea Breier. Wien: Edition fabrik.transit 2019. 328S. - fest geb. : € 17,00 (DL)
ISBN 978-3-903267-03-9

 

 

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