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Bücherschau

Hahn, Friedrich - neben deinen fußnoten mein alter schuh

Neue Gedichte
Friedrich Hahns vierzehnter Gedichtband, der ohne Interpunktionen auskommt und auf in Kleinschreibung gehaltene freie Rhythmen setzt, versammelt unter dem Titel „am falschen ende der welt oder: der mensch an sich ist eine wanderausstellung“ zwischen 2015 und 2018 entstandene neue Gedichte sowie den aus 26 kleinen lyrischen Texten in Blocksatz bestehenden Zyklus „neben deinen fußnoten mein alter schuh“.
Hahn erweist sich darin als Sprachspieler. Er experimentiert, entwirft Assoziationsketten, ja betreibt ein schwungvolles Gedankenpurzeln. Dabei kommen „bilder“, „un/voll/endetes“, „ein kleiner ichgesang“ oder „eine geschichte/auf der suche/nach ihrem erzähler“ zum Vorschein, „ein dreilippengedicht“, in dem „für jeden laut ein/eigener mund“ zur Verfügung steht oder auch nur „ein einziges wort/als verausgabung/einer gedichtweißen/ plötzlichkeit“.
Sie alle handeln vom Hoffen und Träumen, vom Lieben und Vergessen, von der großen Unruhe und dem Reiz des ganz Normalen und zeigen, wie es ist, wenn man „ins gut geschmierte leben hüpft“. Der Autor baut „luftbrücken als/denkmal gegen die scham“ und „entringelt (...)angespornt/von der sage des nichtsagens“ die Stimmbänder. Mitunter gehen einem seine Gedichte in ihrer existenziellen Schärfe sehr nahe, wenn sie berichten, dass „alles fehlt/bei diesem verlustgeschäft/          leben“. Andererseits setzen sie im Betrachten menschlicher Gewohnheiten eine kokette, kritische Nonchalance frei, der etwas Spöttisches anhaftet: „immer diese versuche/glücklich zu sein/wie halten die leute/das bloß/ein ganzes leben lang/aus“. 
In Hahns Lyrik offenbart sich eine klare Bereitschaft zum Risiko: So erweist sich beim schlampigen Lieben als Glück, „wenn man noch jemanden hat/den man verlassen kann“ oder gilt „weiterschlafen mit/stehendem herzen“ als probates Mittel bei Trennungsschmerz. Der Autor schreckt auch nicht davor zurück, „bis dorthinaus/in der stammelzone“ auf Poesiesuche zu gehen,  egal ob ihm die Schönheit als Klebestreifen begegnet oder er sich plötzlich gezwungen sieht, mit einem Rest Whisky in der Flasche „in einem versenkten schuh (...)zurück in die wahrheit zu treiben“. 
Friedrich Hahn ist ein engagierter Lyriker, dem die Ablenkungsmaschinerie unserer Wohlfühlwelt missfällt und der ihre Idylle der Leere bunt und riskant darzustellen versteht. Er packt das nackte Grauen, das „tritt beißt brennt“, malt Landschaften, denen das „auswendiggelernte“ widerstrebt und scheut auf der Suche nach Symmetrie nicht davor zurück, den Mond anzusteuern. Dafür wird er belohnt: „eine gruppe guter gedichte/kommt aus dem dickicht“.
Sprachlich souverän wirkt auch der dem Gedichtband seinen Namen leihende Zyklus im zweiten Teil. Er beginnt „im wilden fleisch der antwortlosigkeit“, führt weiter zu „luftbrücken als denkmal gegen die scham“, leuchtet hinein in die dunkle Kammer der Kindheit, gerät an „innigste momente im standbymodus“ und am Schluss sogar noch „ins letterngestöber“.
Der Autor nimmt sich kein Blatt vor den Mund und setzt an zu einem „entkorkten trinkspruch auf die wahrheit“. In seinen   prosaischen Gedichthappen stehen den Wörtern „alle freiheiten“ offen. Dementsprechend tun sie, was sie wollen; manchmal nur „das nötigste in gestalt einer sprachlosigkeit“. 
Ihr Baumeister agiert wie ein großer Wortkonstrukteur. Dafür hat Friedrich Hahn „als berufskind“ ohnehin die besten Voraussetzungen. Er verfügt über Witz und versteht es, lustvoll zu spielen. So wirkt manches wie „larifari“.
Doch das Ganze ist diffiziler, denn „sämtliche wörter diese textes stammen aus dem band sämtliche wörter“. Und dieser Band verströmt dichte Poesie.
Andreas Tiefenbacher
 
Hahn, Friedrich - neben deinen fußnoten mein alter schuh
Neue Gedichte. Horn: Berger 2019. 96S. - br. : € 16,00 (DL)
ISBN 978-3-85028-870-5

 

 

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