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Bücherschau

Ullrich, Volker - Acht Tage im Mai

Die letzte Woche des Dritten Reiches
Am 8. Mai dieses Jahres jährte sich das Kriegsende zum 75. Mal. Der Journalist und Historiker Volker Ullrich nimmt in seinem neuen Buch noch einmal die letzten acht Tage des Dritten Reiches unter die Lupe. Das Buch versammelt unterschiedlichste Zeitzeugnisse, historische Quellen und Memoiren in eine Art „Panorama der Umbruchszeit“. 
Riesige Flüchtlingstrecks aus Osteuropa bewegten sich nach Westen; im „Reich“ irrten rund 11 Millionen halb verhungerte ehemalige KZ-Häftlinge, Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter umher, sogenannte Displaced Persons, viele Frauen und Mädchen erlebten die Zeit als eine brutaler sexueller Übergriffe durch russische und andere Besatzungssoldaten, unter den „Hundertprozentigen“ der Nazis (Zivilisten wie Soldaten und Offiziere) brach Panik und eine regelrechte Selbstmordepidemie aus. Derweil richteten sich Regimetreue um den Großadmiral Karl Dönitz (darunter Kriegsverbrecher wie Otto Ohlendorf) in einer geschäftsführenden Regierung mit Sitz in Flensburg auf eine Fortsetzung des Dritten Reiches ohne Hitler ein. Schon am 8. Mai hatte das Oberkommando der Wehrmacht (OKW) über den Rundfunk die Einstellung von Kampfhandlungen bekannt gegeben. Die Regierung Dönitz blieb noch 15 Tage im Amt und ihr Versuch scheiterte kläglich, das Spiel weiterzuspielen, das Goebbels am 1. Mai mit dem Plan eines Separatfriedens mit der Sowjetunion begonnen hatte.
Mit dem militärischen und politischen Zusammenbruch verschwanden Institutionen über Nacht und in den Köpfen der Überlebenden verschwanden Vorstellungen von Recht, Ordnung, Anstand und Eigentum: „Jeder bestiehlt jeden, weil jeder bestohlen wurde und jeder alles brauchen kann“, notierte eine Zeitzeugin in ihrem Tagebuch über das Überleben im Chaos der Zeit zwischen Krieg und Frieden. 
Kenntnis- und facettenreich komponiert Ullrich hier all die Texte und zeigt hiermit eindrucksvoll auf, welch unterschiedliche Bedeutungen diese Zeit für Flüchtlinge, Kriegsgefangene, Soldaten, Zwangsarbeiter, KZ-Häftlinge, Frauen und Kinder hatte. Für uns Nachgeborene eine empfehlenswerte Gelegenheit nachzulesen, wohin politischer Wahn und Moralverfall führen können. 
Bernhard Preiser
 
Ullrich, Volker - Acht Tage im Mai
Die letzte Woche des Dritten Reiches. München: Beck 2020. 317 S. - fest geb. : € 24,70 (GE)
ISBN 978-3-406-74985-8

 

 

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