Um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten, speichert diese Website Informationen über Ihren Besuch in sogenannten Cookies. Durch die Nutzung dieser Webseite erklären Sie sich mit der Verwendung von Cookies einverstanden. Weitere Informationen über Cookies, finden Sie in unserer Datenschutzerklärung. Dort können Sie auch der Verwendung von Cookies widersprechen und die Browsereinstellungen entsprechend anpassen.
Bücherschau

Konttas, Simon - Die gelben Quadrate

Die individuellen Abgründe hinter dem wohlgeordneten Gebäude der Wissenschaft
Sebastian Calan studiert Philosophie, ist belesen, verlässlich, korrekt und gescheit, ja kennt „den Schopenhauer auswendig“. Er spricht nur nicht so oft. Aber wenn er es tut, dann ist das, was er sagt, immer durchdacht. Dennoch sind ihm Sinn und Zweck seiner Ausbildung nicht ganz klar. Doch als ihm Prof. Christian Wilmitsch vorschlägt, sein Assistent zu werden, sagt er zu. Denn er hofft, dass ihm diese Zeit neben einer wertvollen Arbeitserfahrung auch sonst noch „Gutes“ bringt: Er lernt die behagliche Exklusivität und Erlesenheit des Wilmitsch‘schen Hauses in Baden kennen, gewinnt die Nähe und Freundschaft des Professors sowie dessen Neffen Geronimo, eines 33-jährigen gutaussehenden, allerorts hochgelobten „Popphilosophen“. Und er wird von seinen MitbewohnerInnen wegen des exklusiven Umgangs beneidet. 
In der Wohngemeinschaft mit Beate, Juliane und Bruno fühlt sich Sebastian aber nicht sonderlich wohl. Es liegen Verklemmtheit und Gereiztheit in der Luft. Die Böden knarren. Die Toilettenspülung und das Telefon sind laut. Der arbeitslose, 40-jährige Bruno benimmt sich wie ein 20-Jähriger und nervt mit seinem in Gesprächen inflationär verwendeten „Genau“, während die streitsüchtige Carolina als „Schwarzbeladene“ das Meiste sinnlos findet und allen vorwirft, gegen sie zu sein. Außerdem muss Sebastian „die langsame und kriechende Unentschlossenheit“ seiner Freundin Lydia ertragen, die nur vor dem Computer sitzt, schläft oder isst und den Eindruck erweckt, als würde sie „mit ihrer ziellosen und schweigsamen Gleichgültigkeit“ den ganzen Raum ausfüllen, was ihm die Luft zum Atmen und Denken nimmt. Er empfindet die Freundin deshalb als Last und wartet auf eine Art Eingebung, die es ihm erlaubt, sich von ihr zu trennen. Dementsprechend hält sich Sebastian, so oft es geht, an der Universität auf. Aber auch dort gilt es, den Begegnungen eines geschwätzigen Prof. Karolowski standzuhalten, sich des Bibliothekars zu erwehren, dem Studienkollegen Oberger auszuweichen oder den Aufträgen von Prof. Wilmitsch Genüge zu tun. 
Sebastian sieht den Sinn seines Tuns und Lassens von „ordnungsloser Haltlosigkeit“ und einem Strudel aus Missachtung, Missverständnissen, Fremdheit, Unverstandenheit und Ergebnislosigkeit bedroht. Dass der dumme Zwist mit seinem Gemüt nicht explodiert, sondern im diminutiven Stadium des „Hässchen“ und „Ekelchen“ stecken bleibt, liegt daran, dass er in der „freien Beweglichkeit“ den Impetus für sein Werk sieht und nicht in Erstarrung gerät. Trost findet er im geregelten Tagesrhythmus aus Terminen und Pflichten und darin, einen Freund zu haben wie Geronimo. Beide ahnen, dass sie ähnlich fühlen und „ungünstig anschwellenden Entwicklungen“ ausgesetzt sind. Ist es bei Sebastian nur ein kleiner Hass gegen seine Freundin, sieht sich Geronimo einem immer dichter werdenden Netz aus Vorwürfen und Anklagen ausgesetzt. Seine Freundin Juliane droht ihm sogar, sich mit dem Küchenmesser zu erstechen. Ein „Zustand angespannter Feindschaft“ ist die Folge. 
Geronimos Problem ist es, „dass ihm die Gegenstände seiner Liebe zu rasch“ zufliegen. Es hilft nicht, dass er versucht einem gewissen „Wollsockendenkertum“ auszuweichen oder ins Licht schaut, die Augen schließt und wieder öffnet und „gelbe Quadrate“ erkennt, wo jeder normale Mensch gelbe Sternchen sieht. Zwar gibt es in der Kunst, in der Wissenschaft, diesen aus der Sucht der Betätigung erwachsenden Zustand „künstlich aufgebauten Glücks“, doch um das echte Leben zu meistern und „den Dreck der Welt“ zu ertragen, dafür hat auch die Philosophie kein Rezept. Deshalb will Prof. Wilmitsch gleich gar nichts erleben, weil er sich zu schwach dafür fühlt und Angst hat, dass ihn ein echtes Erlebnis vernichten könnte. 
Der in Philosophenkreisen angesiedelte, aus wechselnder Perspektive erzählte, 26 Kapitel lange Roman zeigt bravourös, wohin es von seelischen Bitternissen im Großen und Ganzen geschützte Existenzen verschlagen kann. Denn sein Autor ist ein ausgezeichneter Beobachter der inneren Schieflagen von Menschen, die in lebendigen, einprägsamen Sprachbildern zu bestaunen sind. Kaum stiftet die Liebe im „Gefühl behaglicher Aufgehobenheit“ eine gewisse Unordnung, schon wird es unangenehm. Während sich Geronimo als „Nichtkönner“ präsentiert, entpuppt sich Sebastian, der allem standhält, als hätte er Werner Schwabs Satz: „Man muss das Leben aushalten können“ zum Leitmotiv erkoren, als „Könner“. Denn auch wenn ihn „eine Verdüsterung“ packt, weil er glaubt, das Schicksal zöge ihn absichtlich wo hinein, das eigentlich nur die Familie Wilmitsch etwas angeht, so infiziert er sich gleichzeitig auch mit einer „tatenreichen Unruhe“, die ihn zum Aufbruch mahnt, um sich neuer Betätigung zuzuwenden. 
Die individuellen Abgründe hinter dem wohlgeordneten Gebäude der Wissenschaft nähren den Fluchtgedanken: So zieht Prof. Wilmitsch zu seiner Schwester nach London, während Sebastian mit dem Verlassen von Wohngemeinschaft und Freundin unter seinen ehemaligen MitbewohnerInnen wilde kriminalistische Spekulationen entfacht. Das schreit regelrecht nach Fortsetzung!
Andreas Tiefenbacher
 
Konttas, Simon - Die gelben Quadrate
Roman. Hollitzer 2019. 324 S. - fest geb. : € 25,00 (DR)
ISBN 978-3-99012-529-8
 

 

 

Artikel weiterempfehlen

© ÖGB-Verlag | Mit freundlicher Unterstützung vom Bundeskanzleramt Österreich / Kultur