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Bücherschau

Wyden, Peter - Stella Goldschlag

Eine wahre Geschichte
Peter Weidenreichs beeindruckende Biografie über seine ehemalige Schulkollegin wurde erstmals 1993 veröffentlicht. Mit elf Jahren lernt er sie in der Goldschmidt-Schule in Berlin kennen und ist von Beginn an fasziniert von dem hübschen blonden und vor allem selbstbewussten Mädchen – damit ist er unter seinen Schulkolleginnen und Schulkollegen nicht allein. Die Goldschmidt-Schule wurde 1935 der schulische Zufluchtsort vieler jüdischer Kinder. Während Peter Weidenreich aus einer wohlhabenden Familie stammt und mit dieser 1937 die Flucht in die USA antritt, stammt Stella aus einfachen Verhältnissen und muss als Jüdin in Berlin zurückbleiben. 
Die Nationalsozialisten hatten ein lukratives Geschäft aus der flüchtenden jüdischen Bevölkerung entwickelt, dessen magisches Dreieck lautete: Quote, Affidavit und Visa. Genau um diese drei Dinge drehte sich das tägliche Überleben in Berlin. Stella muss auch untertauchen und lebt fortan als U-Boot in Berlin. Die junge Frau fühlt sich in mehrfacher Weise benachteiligt und stigmatisiert: Sie ist Jüdin und noch dazu aus armen Verhältnissen stammend. Ihr erster Mann stirbt 1943 in Ausschwitz. Als sie aufgegriffen und danach gefoltert wird, stellt sie sich für ihren Schutz und den ihrer Familie ab 1943 in den Dienst der Gestapo. Bei dieser Version bleibt sie ein Leben lang. 
Sie wird eine so genannte „Greiferin“ und spioniert in Berlin im Untergrund lebende Jüdinnen und Juden auf, um sie auszuliefern. Ihr zweiter Ehemann wird ein Kollege, mit dem sie ein äußerst attraktives Paar abgibt, das eiskalt seine Mitmenschen ausliefert. Stella Kübler wie sie sich fortan nennt, wird 1957 der Prozess gemacht und auch hier gelingt es ihr, sich angesichts ihrer schauspielerischen Fähigkeiten weiterhin als NS-Opfer zu inszenieren – von Schuld keine Rede. Die zehn Jahre Arbeitslager, die sie abgeleistet hat, führen dazu, dass sie danach keine Gefängnisstrafe abbüßen muss. 
Der psychiatrische Gutachter diagnostiziert sie als schizoide Psychopathin und auch das Bild, das Peter Wyden von ihr entwirft, entzieht sich einfachen Opfer- und Täter-Zuschreibungen. Er zeigt ein differenziertes Bild einer ambivalenten Persönlichkeit, die, zur Projektionsfläche gemacht, dies auch mehr oder weniger bewusst genutzt hat. 1984 zieht sie nach dem Tod ihres sechsten und letzten Ehemannes von Berlin nach Freiburg, wo sie ohne ökonomische Sorgen leben kann, bevor sie sich schließlich 1994 suizidiert. 
Peter Wyden hat sie in den 1980er Jahren insgesamt drei Mal besucht. Der Journalist Wyden legt mit seinem Buch in mehrfacher Hinsicht „eine wahre Geschichte“ vor, weil er genau recherchiert ein differenziertes Bild seiner Zeit und ihren Bedingungen zeichnet. Er zeigt, dass es beim Schreiben und Beschreiben von Schuld immer mehrere Wahrheiten gibt. Diese Herangehensweise macht dieses Porträt zu einem wichtigen historischen Beitrag und ist weitaus spannender als der Roman des jungen Journalisten Takis Würger, der dieses Jahr zeitgleich unter dem Titel „Stella“ im Hanser Verlag erschienen ist.
Julie August
 
Wyden, Peter - Stella Goldschlag
Eine wahre Geschichte. Steidl 2020. 383 S. - fest geb. : € 20,60 (BI)
ISBN 978-3-95829-608-4

 

 

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