Um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten, speichert diese Website Informationen über Ihren Besuch in sogenannten Cookies. Durch die Nutzung dieser Webseite erklären Sie sich mit der Verwendung von Cookies einverstanden. Weitere Informationen über Cookies, finden Sie in unserer Datenschutzerklärung. Dort können Sie auch der Verwendung von Cookies widersprechen und die Browsereinstellungen entsprechend anpassen.
Bücherschau

Bouchal, Robert / Sachslehner, Johannes - Dunkles Wien

Orte des Schreckens und des Verbrechens
Wieder ist es dem eingespielten Team Robert Bouchal und Johann Sachslehner gelungen, ein spannendes Buch mit vielen großartigen Bildern herauszubringen. Wie schon bei den letzten Büchern, die die beiden Autoren gemeinsam geschrieben haben, steht das vergangene Wien im Mittelpunkt. Robert Bouchal, der begeisterte Höhlenforscher und Fotograf, suchte und fand fast vergessene Orte und konnte noch mit vielen Bildern die letzten Zeugnisse des „dunklen Wien“ für die Nachwelt dokumentieren. Der Historiker Johannes Sachslehner lieferte dazu die geschichtlichen Hintergrundinformationen und goss dieses Wissen in eine gut lesbare Form. 
Da ist zum Beispiel das Kapitel über die Bankgasse im 1. Bezirk. Schon anno 1492 fand hier (damals noch „Vordere Schenkenstraße“ benannt) eine aufsehenerregende Moritat statt, die Wiener nannten das Haus daher bald „Zu den 5 Morden“ und ergötzten sich an der Tragödie, die auf Flugblättern verbreitet wurde. Die Morde und die spektakuläre Hinrichtung des Mörders sind durch Chroniken und eben den Flugblättern gut belegt. 
400 Jahre später (am 25. Mai 1913) erfüllte sich Ecke Bankgasse/Herrengasse das Schicksal des bekanntesten Spions der k.u.k.-Zeit: Oberst Redl. Er wurde im damaligen Hotel Klomser zum Selbstmord gezwungen – ein Vertuschungsversuch der damaligen Behörden, der aber gründlich misslang. In der Bankgasse 6 (ein schön renoviertes Rokoko-Palais mit großartigen Prunkräumen) ist die ungarische Botschaft untergebracht. In den tiefen Kellern sollen sich, laut Zeitzeugen, in der Zeit des Kommunismus schreckliche Dinge zugetragen haben. Die Autoren bekamen von der Botschaft die Erlaubnis, die verwinkelten Keller zu besichtigen und zu fotografieren. Es finden sich noch unzählige Gewölbe und Katakomben in der Wiener Innenstadt. Im Zweiten Weltkrieg wurden sie noch als Luftschutzkeller genützt und sind dann, oft zugemauert, aus dem Gedächtnis der Bewohner verschwunden. Aber das sind genau die Plätze, die das Duo Bouchal/Sachslehner mit Begeisterung erforschen. 
Spannend sind auch die Kapitel „Unter der Kirche begraben“ und „Die Tragödie am Wienerberg am 21.2.1945“, bei der 140 Menschen bei einem Bombenangriff getötet wurden. Ein „Ausflug“ nach Wiener Neudorf berichtet von der ehemaligen „k.u.k.-Weiberstrafanstalt“, die auch von den Nazis genutzt wurde. Auch hier hat die akribische Recherche verstörende Details hervorgebracht. Das Kapitel „Kopfschussstation“ berichtet über die Privatirrenanstalt Görgen in Döbling (das noble Gebäude beherbergt heute das Bezirksgericht). Genauso spannend sind die tragischen Geschichten von Hugo Wolf und dem bekannten Volksschauspieler Alexander Girardi in der Svetlin‘schen Privatheilanstalt im 3. Bezirk. Und wieder kommentierten die Wiener bissig das Geschehen: „Bist amal drin beim Svetlin, dann bist hin“. 
Weitere Themen reichen von ehemaligen Asylhäusern und Obdachlosenheimen über das KZ-Nebenlager „Ostmärkische Saurerwerke“ im Schloss Neugebäude bis hin zur Semmelweis -Frauenklinik. Dieser 1908 erbaute Spitalskomplex ist einer der besonderen „lost Places“ in Wien. Einst eine Vorzeigeklinik für Geburtshilfe, auf die man stolz war. Dr. Ignaz Semmelweis war ein erbitterter Vorreiter für strikte Hygienemaßnahmen, um das Kindbettfieber auszurotten. Diesem zukunftsweisenden Pionier, dem „Retter der Mütter“, wurde es nicht gedankt. Angefeindet starb er 1865 unter gewaltsamen, ungeklärten und vertuschten Umständen in einer Irrenanstalt in Wien. Erst nach einer Exhumierung 1963 kam die erschütternde
Wahrheit ans Tageslicht. Das Areal mit seinen wunderschönen Gebäuden steht derzeit leer, noch konnten die Autoren es mit Sondergenehmigung besichtigen. Leider ist seine Nachnutzung höchst umstritten und von schonungsloser Spekulation bedroht. 
Es ist bedrückende Zeitgeschichte, spannend aufbereitet und gut zu lesen und mit interessanten Bildern versehen. Ein Buch auch für den Geschichtsunterricht und für Wienliebhaber, die gerne mehr über die letzten Geheimnisse hinter den Fassaden und aus den verschwiegenen Kellern in dieser Stadt wissen wollen.
Renate Oppolzer
 
Bouchal, Robert / Sachslehner, Johannes - Dunkles Wien
Orte des Schreckens und des Verbrechens. Styria 2020. 192 S. : zahlr. Ill. (farb.) - fest geb. : € 27,00 (GE)
ISBN 978-3-222-13653-5

 

 

Artikel weiterempfehlen

© ÖGB-Verlag | Mit freundlicher Unterstützung vom Bundeskanzleramt Österreich / Kultur