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Bücherschau

Fritsch, Valerie - Herzklappen von Johnson & Johnson

Was ist ein Leben ohne schmerzliche Erfahrungen?
Valerie Fritsch erzählt in ihrem neuen Roman nicht von Begegnungen zwischen Menschen, die „gigantischen Zufällen“ oder „schicksalshaften Fügungen“ gleichkommen. Vielmehr gelingt es ihr, diesen durchschnittlichen Leben einen ganz speziellen Zauber zu verleihen, den die Autorin bereits in „Winters Garten“ auf unverkennbare Weise herstellen konnte. 
Alma wächst in einem großen Haus auf, mit Großeltern und Eltern, und spürt schon früh die Größe und Last des Schweigens, die die Räume des Familienhauses mit Ungewissheiten füllt. Der Großvater war in russischer Gefangenschaft und schweigt über die Zeit des Kriegs ebenso wie alle anderen, die mit ausgesprochenen Gefühlen und Zuordnung von Emotionen so gar keine Praxis haben. Die Eltern streiten sich stets im Dunklen. 
Alma verbringt eine für diese Zeit offenkundig weitgehend unbeschwerte Kindheit, die jedoch mit der Last von transgenerationalen Traumata beschwert ist. Als Alma Friedrich trifft, entwirft Fritsch auf ihre ganz eigene Weise eine Liebesbeziehung, die von Umsicht und Ernsthaftigkeit geprägt ist. Als der gemeinsame Sohn Emil geboren wird und bald deutlich wird, dass er keinen Schmerz empfinden kann, versucht Alma das Trauma der Geburt und des außergewöhnlichen Handicaps ihres Kindes mit einer Reise in die Vergangenheit ihrer Familie zu bewältigen und besser zu verstehen. 
Fritsch arbeitet heraus, wie stark unsere emotionale Empfindung und Wahrnehmung kulturell und familiär vorgeprägt sind, und sich von Beginn an in ein Leben einschreiben. Was ist ein Leben ohne schmerzliche Erfahrungen? Können wir uns vor unnötigen Schmerz schützen und, wenn ja, zu welchem Zweck? Valerie Fritsch hat einen nachdenklichen, überaus ernsthaften, mit sprachlicher Sorgfalt bestechenden Roman geschrieben. 
Julie August
 
Fritsch, Valerie - Herzklappen von Johnson & Johnson
Roman. Suhrkamp 2020. 174 S. - fest geb. : € 22,70 (DR)
ISBN 978-3-518-42917-4

 

 

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