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Bücherschau

Burns, Anna - Milchmann

In einem Klima der Angst und Anspannung in Belfast, Nordirland
„Lesen im Gehen war eindeutig verdächtig.“ Anna Burns Ich-Erzählerin ist gerade einmal achtzehn Jahre und liest im Gehen unter anderem Romane wie Sir Walter Scotts „Ivanhoe“. Ihre Erzählerin lebt in einem krisengeschüttelten Gebiet im Norden Europas, wo der Glaube Familien entzweit und eine Gesellschaft viele Jahrzehnte lang in einem Klima der Angst und Anspannung vor den nächsten Attentaten lebte: Belfast, Nordirland. In dieses Klima wird ihre Erzählerin hineingeboren und noch dazu als Frau. 
Burns hinterfragt und kritisiert die „psychopolitische Atmosphäre“, wo Identifikation mit Zugehörigkeit verwechselt wird, Unerlaubtes mit Erlaubten. Es gibt Verweigerer und Paramilitärs, die indirekt und direkt Widerstand leisten. Letztere, um eine andere Form von Totalität zu etablieren. Von den britischen Kritikern wurde Burns‘ Roman als Kommentar zu Brexit und zur Metoo#-Debatte gelesen. Doch ihr Roman reicht weit darüber hinaus. Es ist die Suche einer jungen Frau nach Autonomie und Emanzipation in Zeiten des Aufbruchs und der Entstehung eines neuen männlich dominierten Totalitären Staates. 
Während sie von ihrer „Ma“, die mit ihren Freundinnen ihren Lebensinhalt in der Anrufung Gottes sieht, keinerlei Unterstützung erfährt, findet sie in der Literatur die notwendigen Gegenwelten, die zum Hinterfragen und Widerstand aufrufen. Als sie vom titelgebenden „Milchmann“, dem Anführer einer paramilitärischen Vereinigung verfolgt wird, stellt sie sich in der entstehenden paranoiden Atmosphäre Fragen wie diese: „Ich wusste nicht, dass Intuition und Abneigung auch zählen.“ Die Scham eines jungen Menschen wird zwar von dieser Gesellschaft als schwaches, unerwünschtes und sogar unnötiges Gefühl gesehen, aber anhand der Geschichte ihrer Protagonistin verleiht Burns ihm im Vergleich zu Wut und Hass eine starke Bedeutung und lädt zum Umdeuten der Geschichte ein. 
Julie August
 
Burns, Anna - Milchmann
Roman. Tropen 2020. 451 S. - fest geb. : € 25,80 (DR)
ISBN 978-3-608-50468-2

 

 

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