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Bücherschau

Petricek, Gabriele - Die Unerreichbarkeit von Innsbruck

Verfolgungsrituale
Die Schriftstellerin Ariel ruft einem spontan eine Liedzeile Hannes Waders in Erinnerung: „Heute hier, morgen dort/Bin kaum da, muss ich fort“. Denn sie ist viel unterwegs. Da darf es dann auch einmal Kalorienreiches wie eine Leberkässemmel sein. In Venedig, wo sie (wie sonst höchstens in Linz) schon tausendmal angekommen ist und immer ein Hochgefühl verspürt hat, landet sie stets zuerst in der Bar, um sich „einen ersten caffè“ zu gönnen. Überhaupt lässt Ariel sich gern von Launen treiben. So hat sie sich etwa das Stufenzählen angewöhnt, spielt eine Blinde oder streunt über die Felder, „wo sonst kein Mensch spazieren geht“. Dann wieder schlendert sie in London zügig ans Ufer der Themse, damit man nicht merkt, dass sie fremd ist. 
Ihr mangelt es weder an Empathie noch an Aufmerksamkeit, hat sie doch „immer wieder die Eingebung oder Einbildung, verfolgt zu werden. Beobachtet (...) wie im Kriminalroman“. Zeitweilig sieht es so aus, als würde sie wegen ihres „Verfolgers“ das eigene Verschwinden „im Laubrascheln“ inszenieren. Sie bewegt sich dann schneller und lässt ihren „Nachgeher“ auflaufen oder tritt zurück, um vom „abgehängten Verfolger nicht wieder entdeckt“ zu werden. Dennoch bleiben selbst unter Berücksichtigung der über einen rätselhaften Mordfall in Wien durch die Handlung geisternden Meldung die zusammenhängende Geschichte und das Kriminalistische dieser als „Verfolgungsrituale“ ausgewiesenen Prosa eher im Hintergrund. 
Spannung durchzieht sie dennoch, weil die Schriftstellerin Ariel aufgrund ihrer Gewohnheit, Dinge aufzulesen, an einen Blindenstock gerät, der diesem Toten vom Karlsplatz gehört haben könnte, aber auch sonst (auf der Suche nach brauchbarem Geschichtenstoff, die sie selten innehalten lässt, um sich ihren „einsamen Spielen. Kreuzworträtsel und Solitaire“ zu widmen) an ziemlich ungewöhnliche Personen gerät. Unter ihnen: der „Privatdenker und Schelm“ Rancio; ihr oftmaliger, aus Innsbruck stammender Begleiter Quehenberger, der (wie sie betont) nicht mit dem gleichnamigen Lehrer aus Thomas Bernhards „Ein Kind“ identisch ist; der etwas sonderbare „Mani, dieser tausendjährige Säulenheilige von Melk“, der eigentlich schon vor Jahrhunderten auf einem Holunderbaum „aufgeknüpft“ worden ist; der mit seinem Dozieren sie langweilende Gensfleisch; der mit Devotionalien aller Art handelnde Ire Uly oder Gantenbein, der Held des Romans „Mein Name sei Gantenbein“ von Max Frisch, „von dem sie diesen Tic mit dem Verfolgen und Nachgehen hat“. 
Sie fungieren allesamt als „Statisten. Spielfiguren“, ja ausgelegte Köder, während Ariel als „Gedankenscheiterer“ nur vermeintlich in der handlungstreibenden Rolle der Protagonistin steckt. Denn im ständigen Perspektivenwechsel wird auch ein AutorInnen-Ich greifbar, das es unter anderem gerne gehabt hätte, von ihrer Freundin Ariel, „die Schriftstellerin“ ist, nach Venedig begleitet worden zu sein. Diesem Ich, das sich als „ihr Auftragsschreiber“ outet, fällt es nicht leicht, sich in Ariels Notizen zurechtzufinden und die Geschichte voranzutreiben, wo diese doch aufgrund ihres volatilen Charakters gern unvermittelt wechselt und Spuren verwischt, ja: „Sie ortswechselt immer rasender“. 
Das bekommt man beim Lesen zu spüren. Es geht zwischen London, Venedig, Melk, Graz, Hinterstoder, Paris, Florenz etc. hin und her. Nur Innsbruck bleibt (wie schon der Titel sagt) unerreichbar. Unterwegs zu sein, ist in diesem Text aber Programm. Denn gefangen im „Kreis von Ankunft und Abfahrt“ hat Ariel niemals den Wunsch, irgendwo zu bleiben. Sie ist nur darauf aus, „Erzählgut“ zu sammeln. Denn „fest steht: so wie ich es erzähle, ist es richtig. Nichts ist wahr. Wahrscheinlich aber alles“, erklärt das von der „Krankheit zur Genauigkeit“ geplagte SchriftstellerInnen-Ich in der Selbstbeschau. Und: „Was fehlt, erfinde ich“, sagt es weiter und findet eine Lüge mitunter „elegant“ (…) und Wahrheit plump“. Schließlich lebt sie „in einer biografischen Transitzone“. Da ist es völlig einerlei, wo sie sitzt und schreibt und isst und schläft und an welche Landschaft sie sich vergeudet. 
„Ein Ghostwriter käme (ihr aber) trotzdem nicht ins Haus“, obwohl sehr viel „Aufgelesenes“ auf ihren Schreibtischen liegt. Würde sie darin nur „ein kurzes Stück vom losen Faden“ in den Griff kriegen, könnte sie aus ihm heraus „Geschichte und Geschichten lang und länger ziehen, sie zu Stories und Tales vertwisten“. Aber genau das schafft das AutorInnen-Ich, das wohl Gabriele Petricek repräsentiert, ohnehin fulminant, gelingt es ihr mit einem von der Liebe zum Detail, zum vielschichtigen Ausufern und Abschweifen geprägten, ergreifend mysteriösen Erzählen doch regelrecht meisterlich, jedem „seine literarische Figur auf den Leib“ zu schreiben. 
Acht übertitelte größere Erzählblöcke gehen daraus hervor, die sich in eine Vielzahl von durch Leerzeilen voneinander getrennte Absätze gliedern. In ihnen tummeln sich verschiedenste Textsorten: Englische Sequenzen und Redeteile, kurze wissenschaftliche Analysen, Lied- und Gedichtzeilen, Zeitungsnotizen, eine kleine Zeichnung, ein Nachruf, eine Medikamentenbeschreibung sowie in Großbuchstaben gehaltene Lösungswörter von Kreuzworträtseln. Und auf Seite 172 wartet sogar eine Punktlinie, dass die Autorin ihre Unterschrift darauf setzt und das Buch quasi fertig schreibt. 
Andreas Tiefenbacher
 
Petricek, Gabriele - Die Unerreichbarkeit von Innsbruck
Verfolgungsrituale. Sonderzahl 2019. 240 S. - fest geb. : € 19,90 (DR)
ISBN 978-3-85449-492-8

 

 

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