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Bücherschau

Cedrino, Alexandra - Die Galerie am Potsdamer Platz

Roman der Enkelin des deutschen Kunstsammlers Wolfgang Gurlitt
Alexandra Cedrino, Münchner Enkelin des deutschen Kunstsammlers Wolfgang Gurlitt, legt mit  ihrem Debütroman „Die Galerie am Potsdamer Platz“, der zugleich als erster Teil einer geplanten Trilogie erschienen ist, ein vielbeachtetes und vieldiskutiertes Erstlingswerk vor. Die Gespräche, die um das Buch kreisen, befassen sich dabei jedoch meist weniger um dessen literarische Qualitäten als vielmehr um die Faszination, die die große und an ambivalenten Persönlichkeiten reiche Familie Gurlitt bis heute ausübt. So war vor wenigen Jahren die Sammlung von Wolfgang Gurlitts Cousin Hildebrand in aller Munde, nachdem man Teile dieser bei einer Steuerfahndung in der Münchner Wohnung und später auch im Salzburger Haus seines 2014 verstorbenen Sohnes Cornelius Gurlitt gefunden hatte, von denen eine maßgebliche Zahl an (wieder)entdeckten Werken als „NS-verfolgungsbedingter Entzug“ geltend gemacht wurde. Genug Stoff also, um in den Jahren vor der Machtergreifung Hitlers in Deutschland anzusetzen und die junge Protagonistin Alice in das Zentrum einer komplexen Familiengeschichte zwischen Kunst, Politik und Liebe zu stellen. 
 
München – Wien – Berlin
Alice Waldmann kommt am letzten Tag des Oktobers 1930 von Wien, wo sie eben ihr Studium abgeschlossen hat, nach Berlin, nachdem ihre Mutter Anna wenige Tage zuvor gestorben ist. Die ruhelose, lebenshungrige junge Frau will ihre Großmutter Helena, die einst Tochter wie Enkelin verstoßen hat, mit dem Tod Annas, aber auch mit ihrer Schuld der eigenen Enkelin gegenüber persönlich konfrontieren. Doch der kurze, von emotionaler Kälte und Ablehnung dominierte erste Besuch in der herrschaftlichen Villa bleibt nicht ohne Folgen. Als Alices selbstbewusste angeheiratete Tante Rosa, gutmeinende Society-Löwin und umgeben von immer wieder neuen charismatischen Frauen, Alice die im Streit im großmütterlichen Haus vergessene Tasche zurückbringt und diese einlädt, von nun an bei ihr und Alices älterem Onkel zu leben, setzt eine vielschichtige Familiengeschichte ein, die, so die Verlagsankündigung der Trilogie, von den frühen Dreißigerjahren bis in die Nachkriegszeit führen wird und Alices Weg von einer jungen, unerfahrenen Studentin zu einer, so ist zu vermuten, widerständigen, klugen Frau begleiten wird. 
Im ersten Band bleibt Cedrinos Protagonistin jedoch noch sehr labil, folgt einer Partyeinladung nach der anderen, lässt sich beschenken, so etwa mit einem Band von Remarques 1929 erschienenem Roman „Im Westen nichts Neues“, mit atemberaubenden Abendkleidern oder mit jener Kamera, die ihr dann auch den Weg zur, wie sollte es anders sein, überaus talentierten Nachwuchsfotografin bahnt, und nimmt auch gerne die Jobangebote ihrer beiden unterschiedlichen Onkel – dem bohemienhaften jüngeren Johann und dem ängstlichen, unter der eisigen Macht der Mutter leidenden Ludwig – an: zuerst als Fotografin der wiedererweckten Familiengalerie, bald schon als deren Jungpartnerin im kleinen Kunsthändlerimperium. 
Cedrinos Romanerstling liefert leider vor allem in den vielen historischen Details ein letztlich zu banales Bild der so faszinierenden wie spannungsgeladenen Berliner Jahre vor der Machtergreifung Hitlers. Ihre Heldin Alice gleitet den Erfolgsweg scheinbar hürdenlos empor und ist nebenher zwischen zwei Männern hin- und hergerissen, die zumindest den schwelenden Konflikt der herannahenden Katastrophe personifizieren: dem „linken“ Deutsch-Iren John, bettelarm und idealistisch, und dem frühen illegalen Nationalsozialisten Erik, seinerseits Besitzer ein Kunstsammlung von atemberaubender Dimension. 
Alice wechselt ihre Kleider, scheint es an mancher Stelle, so oft wie ihre Meinungen, und nicht immer ist klar, ob sich Cedrino der oft schmerzhaften Naivität und gefährlichen Verführbarkeit ihrer Hauptfigur wirklich bewusst ist. Etwa wenn salopp von „Nazis“ geplaudert wird oder Alice ihrer Freundin erklärt, dass das alles doch nicht so schlimm sei und sie eben auch an ihre Karriere denken müsse, während sie sich mit dem fanatischen Führerverehrer Erik auf ein – zuletzt fast tödliches – erotisches Spiel einlässt. 
Parallel zur sich zuspitzenden politischen Situation nimmt aber auch der innerfamiliäre Konflikt an Fahrt zu, werden Geheimnisse, die weit in die Vergangenheit der Großmutter, aber auch des leiblichen Vaters Lux (seinerseits bildender Künstler und im Vergleich zu den meisten anderen Figuren des Romans eine angenehm schwerer zu fassende, ambivalentere Figur, die erst spät im Roman deutlicher an Gestalt gewinnt), aufgerollt, die Alice vor Entscheidungen stellt, die sie selbst vorerst nicht zu lösen vermag. Monate vergehen, in denen sie nach einem Streit John weder sucht noch sich irgendwelche Fragen stellt und den Aufschwung der Galerie ebenso genießt wie das wilde Nachtleben in den Bars und Clubs der pulsierenden Großstadt. Der Tod Helenas und ein letztes Gespräch mit dem um Versöhnung bemühten Vater tun das Ihre, um etwas Licht in eine verfahrene Familienvergangenheit zu bringen, von der noch einiges in den folgenden Teilen der Trilogie der literarischen Aufarbeitung harrt.
Insgesamt liest sich „Die Galerie am Potsdamer Platz“ zwar mit fast 400 Seiten trotz der düsteren Gemengelage zwischen Familien- und Historienroman leichtfüßig und erinnert sympathisch an jenes beliebte Genre der „Kolportageromane“ der Zeit, der er sich widmet. Doch die oft zu einfachen Lösungen für über weite Strecken aufgebaute Konfliktsituationen, etwa der Tod der Großmutter, der fast nebenbei abgehandelt wird, und vor allem die zahlreichen nicht genutzten Chancen, hier wirklich überraschenden und auch gesellschaftlich relevanten Zeitkolorit zu kreieren, sind angesichts des Themas und des in der Grundanlage spannenden Personenkreises an Romanfiguren letztendlich enttäuschend. Es ist zu hoffen, dass Alice im zweiten Band die Reife erlangt, die ihr in der schillernden, partyverwöhnten Berliner Familiengalerie des ersten Teils noch schmerzhaft fehlt. 
Angela Heide
 
Cedrino, Alexandra - Die Galerie am Potsdamer Platz
Roman. HarperCollins 2020. 304 S. - fest geb., € 20,60 (DR)
ISBN 978-3-959674-09-6 

 

 

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