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Bücherschau

Tukur, Ulrich - Der Ursprung der Welt

Roman über menschliche Abgründe und Untaten der Vergangenheit
Ulrich Tukur gehört zur Riege der bekanntesten und renommiertesten deutschsprachigen Schauspieler. Der 1957 in Hessen geborene und seit 2019 in Berlin lebende mehrfach ausgezeichnete Künstler – Tukur ist neben seiner Schauspielerkarriere auch leidenschaftlicher Musiker – hat nun mit „Der Ursprung der Welt“ seinen Debütroman im Verlag S. Fischer vorgelegt. Und damit auch gleich einen überaus komplex gewobenen, überraschungsreichen und beklemmenden Plot.
Im Zentrum des 300-seitigen Romanerstlings, der sich, so das Nachwort, „aus dem reichhaltigen Fundus menschlicher Abgründe und Untaten der Vergangenheit bedient“, zu dem auch die zahllosen Verbrechen des NS-Regimes zählen, von denen Tukur mit Dr. Marcel Petiot – dem 1946 hingerichteten mörderischen französischen Arzt – und Dr. Rudolf Bilfinger – SS-Sturmbannführer und Leiter des SD-Einsatzkommandos im Toulouse des Jahres 1943 – nur zwei Figuren aus dem reichen Fundus einer, so machen es die den Roman durchziehenden zahlreichen Fieberträume des laxen Helden nur zu deutlich, schier teuflischen Historie heraufbeschwört, steht der 35-jährige Paul Goullet. „Sein südländisches Aussehen und die dunklen, etwas verhangenen Augen signalisierten Leidenschaft, in die sich ein Schuss Melancholie mischte, und standen in heftigem Widerspruch zur Mittigkeit seines Temperaments, das die bürgerlich schwäbische Welt, in der er groß geworden war, ihn ihm ausgeprägt hatte.“ Obwohl in Deutschland wohlbehütet aufgewachsen, ist Tukurs Protagonist französischer Abstammung und zu Beginn des Romans nun endlich in Paris angekommen, der für ihn faszinierenden Stadt, die er bisher noch nie besucht hatte, um endlich ein Gemälde zu sehen, dessen Abdruck ihn einst im Schrank des Großvaters fasziniert hatte. Beim Stöbern in den historischen Schätzen eines der typischen Bouquinisten entlang der Seine stößt Goullet auf ein über hundert Jahre altes Fotoalbum, das sein Leben und seine kleine mittelständische Weltsicht für immer verändern wird.
 
Dystopisches Europa
„In Frankreich hatte vier Jahre zuvor eine nationalistische Koalition die Macht an sich gerissen und aus einem kriselnden, von korrupten Eliten beherrschten und religiösen Fanatikern tyrannisierten Land einen Staat geformt, in dem Polizei, Militär und Geheimdienste scheinbar alles fest im Griff hatten und eine Ruhe herrschte, die ans Unheimliche grenzte.“ Es ist ein gespaltenes, drohnenüberwachtes Europa im düsteren Jahr 2033, in dem Goullet schon bald auf seiner Reise in die Stadt seiner Vorfahren auf die Spuren einer Vergangenheit stößt, die seine eigene ist: Das Bild eines Unbekannten, das ihm selbst, so scheint es, bis in jedes körperliche Detail gleicht und das Goullet auf seinen Streifzügen durch die Stadt entdeckt, verschlingt ihn auf den kommenden Seiten des immer wieder vom kriegsähnlichen Heute in das Kriegsjahr 1943 gleitenden Romans. Goullet, von immer deutlicheren Albträumen und Visionen an jene auf den Fotografien des Albums und weitere, im Hinterzimmer eines französischen Kleinstadt-Hotels entdeckten Vorfahren begleitet, begibt sich auf die Suche nach „seiner“ Geschichte, die nichts weniger ist als die dunkle Vergangenheit seiner Familie. Dabei trifft er auf eine alte Frau, deren enge familiäre Verbindung zu ihm sich erst spät erklärt, ebenso wie auf eine Widerstandsgruppe von heute – und auf eine Frau, die seine lange brachgelegene emotionale wie körperliche Leidenschaft wiederzuerwecken versteht. Doch ein „Happy End“ ist in diesem dystopischen Roman kaum zu erwarten. Am Ende kehrt Goullet, voller emotionaler wie realer Narben, aber auch im Bewusstsein, der düsteren Vergangenheit seiner Familie zumindest auf die Spur gekommen zu sein, nach Hause zurück, um hier den letzten, finalen, die Erzählung abschließenden Schritt zu tun.
 
„Der Ursprung der Welt“ kann über weite Strecken mit dem Plot überzeugen, und man merkt, dass Tukur als Schauspieler erfahren genug ist zu wissen, was eine Geschichte braucht, um die Leserschaft in ihrem Bann zu halten. Tukur versteht es, eine spannungsreiche Geschichte aufzubauen, in der lange Zeit so manche Fäden ungeknüpft und historische Verbindungsstränge ungelöst bleiben. Doch das große Manko an seinen literarischen Möglichkeiten sind die Details: Wo die Geschichte überzeugt, da enttäuschen sowohl Figurenzeichnungen wie Schilderungen von Ereignissen oder gar Gefühlen. „,Lass uns zu dir nach oben gehen‘, sagte sie und gab ihm einen Kuss. Sie blieb die ganze Nacht“, heißt es etwa an einer Stelle über eine der wenigen Liebesnächte des ungleichen Paares Paul und Hélène. Und an anderer Stelle erinnert sich Françoise – „Madame Simon“, die eigentliche Protagonistin und einzige spannende Frauenfigur des Romans ‒ an jene Zeit, die Seite für Seite in den Mittelpunkt der sich verdichtenden Erzählungsstränge rückt, mit den Worten: „O ja, eine schöne Zeit, aber vergangen wie ein Rauch.“ Es sind diese und zahllose weitere den Roman durchziehende literarische Plattitüden, die diesem trotz einer komplex gewobenen und von der Grundsituation her auch eigentlich ergiebigen „Story“ nicht den literarischen Guss zu geben vermögen, den man sich gewünscht hätte. Auch wenn das dramatische Ende das Grauen der NS-Zeit mit den finsteren Ereignissen einer dystopischen – und doch möglichen – europäischen Zukunft engführt, so bleibt doch vieles, vor allem literarisch, auf der Strecke.
Angela Heide
 
Tukur, Ulrich - Der Ursprung der Welt
Roman. S. Fischer 2019. 304 S. - fest geb. : € 22,70 (DR)
ISBN 978-3-103972-73-3

 

 

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