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Bücherschau

Anderl, Gabriele - Jüdisches Leben in Wien-Margareten

Eine jüdische (Bezirks-)Geschichte
Auch in ihrem neuen, fast 500-seitigen Band zur jüdischen (Bezirks-)Geschichte der Stadt Wien überzeugt die freie Autorin, Journalistin und Historikerin Gabriele Anderl als ebenso akribische wie profunde Kennerin der Wiener jüdischen Geschichte. Anderl, Mitglied der Kommission für Provenienzforschung und Vorstandmitglied der Österreichischen Gesellschaft für Exilforschung (öge), publizierte bislang mehrere viel beachtete Bücher, u. a. Gescheiterte Flucht. Der Kladovo-Transport  auf  dem  Weg  nach  Palästina (mit  Walter  Manoschek, 2001),  „9096  Leben“.  Der  unbekannte  Judenretter  Berthold  Storfer  (2012) oder Schleppen – schleusen – helfen. Flucht zwischen Rettung und Ausbeutung (Hg. mit Simon Usaty, 2016). Ihre 2013 erstmals im Wiener Mandelbaum Verlag erschienene und im Mai dieses Jahres neu herausgebrachte Studie Jüdisches Ottakring und Hernals, die Anderl gemeinsam mit Evelyn Adunka herausbrachte, gilt heute als Standardwerk, wenn es um die Sichtung, Aufarbeitung und auch für eine breite Leser*innenschaft Zugänglichmachung stadt- und insbesondere bezirkshistorischer Fakten und Daten über Leben und Wirken von in Wien lebenden Jüdinnen und Juden vor der Verfolgung und Vernichtung durch das NS-Regime geht. Mit Jüdisches Leben in Wien-Margareten, das vor wenigen Monaten ebenfalls im Mandelbaum Verlag erschienen ist, hat sich die u. a. 2016 mit dem Leon-Zelman-Preis für Dialog und Verständigung ausgezeichnete Historikerin nun einem weiteren Wiener Gemeindebezirk gewidmet. 
 
Bewegende Fallbeispiele
Im Zentrum der aufwändigen Recherchen Gabriele Anderls stehen eine Reihe von „Fallbeispielen“, etwa die Geschichte der Familie Altmann, einer bedeutenden österreichischen Textil- und Strickwarendynastien der Jahrhundertwende, die mit 80 Seiten den breitesten Raum des Buches einnimmt, die Geschichte der Familie Kolb, die „zu den bekanntesten Familien des fünften Bezirks vor dem ,Anschluss‘ zählte“ und unter anderem bis zur Enteignung und Vertreibung 1938 in dem in ihrem Besitz befindlichen „prächtigen Bürgerhaus in der Margaretenstraße 78“ auch das dortige „Margaretner Bürgerkino“ (heute: Filmcasino) besaßen, oder jene der „Brüder Rosenbaum“, die in der Margaretenstraße 94 eine der namhaftesten Druckereien der Zeit betrieben – eine der wenigen „erfolgreichen“ Restitutionen, die der an biografischen und zeithistorischen Daten dichte Band nachzeichnet.
Ein weiteres ausführliches Kapitel beschäftigt sich mit der „NS-Einrichtung zur Entziehung jüdischen Vermögens“ in der Grüngasse 14 – der „Möbel- und Altwarenaktion Grüngasse“. Im September 1938 ins Leben gerufen, diente die „Aktion“ dazu, „Betriebe der Möbel- und Altwarenbranche in jüdischem Eigentum zu liquidieren“. Ab dem Novemberpogrom kamen weitere Aufgabenbereiche hinzu, die auch andere Branchen, wie den Uhren- und Juwelenhandel, betrafen. Die beiden Leiter wurden bald schon mit einer Reihe weiterer Aufgaben zur Enteignung jüdischen Vermögens betraut, wie aus den von Anderl ausgewerteten und im Buch zitierten Akten der Volksgerichtsprozesse nach Kriegsende deutlich wird.
Anderl widmet sich auch dem zerstörten einstigen religiösen Zentrum jüdischen Lebens im Bezirk, der ehemaligen Synagoge in der Siebenbrunnengasse, sowie der „Vertreibung und Ermordung jüdischer Mieterinnen und Mieter“ in den Margaretener Gemeindebauten entlang des Gürtels, der „Ringstraße des Proletariats“, und macht so deutlich, dass die Vertreibungs- und Zerstörungsgeschichte jüdischen Bezirkslebens nicht nur eine des Großbürgertums und des städtischen Wohlstands war. Durch den Ankauf großer Liegenschaften entlang des ehemaligen „Draschegürtels“ war es gerade in Margareten möglich, „eine der bekanntesten und eindrucksvollsten Ansammlungen von Gemeindebauten des Roten Wien an einem Ort“ zu errichten. Anderl listet alle auf – und die darin auf Basis der „jahrelangen Recherchen des verstorbenen Herbet Exenberger“ erfassten einst lebenden jüdischen Bewohner*innen, von denen ein Großteil in NS-Konzentrationslagern ermordet wurden. 
In weiteren Kapiteln wirft die Autorin zudem einen Blick auf Berufsgruppen wie Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte oder auch Apotheker*innen sowie den heute nahezu vergessenen österreichischen Architekten Oskar Marmorek, dem Erbauer des „Rüdigerhofs“ in Wien-Margareten ebenso wie des „Nestroyhofes“ auf der Praterstraße sowie zahlreicher weiterer damals viel beachteter Wohn- und Geschäftsbauten in ganz Wien. Marmorek, der vor allem durch die Gestaltung eines der ersten Themenparks weltweilt, „Venedig in Wien“, im Wiener Prater bekannt geworden war, den er im Auftrag des prominenten jüdischen Theaterdirektors Gabor Steiners 1894/95 gestaltete, zählte zu den „engen Freunden und Mitarbeitern Theodor Herzls“ und war als Mitglied des „Engeren Aktionskomitees“ eine der bedeutendsten Persönlichkeiten der zionistischen Bewegung. Mit nur 45 Jahren erschoss sich der an Depressionen leidende renommierte Architekt 1909 am Grab seines Vaters auf dem Wiener Zentralfriedhof, das er selbst 1900 entworfen hatte. Elsa Weiss, Marmoreks Auftraggeberin für den Bau des Rüdigerhofes, überlebte die Schoah und lebte nach Kriegsende wieder in Wien – nach Margareten kehrte sie jedoch nicht mehr zurück.
„Das jüdische Leben in Margareten, das durch die Shoah ein jähes und grausames Ende fand, war Teil der allgemeinen Geschichte des Bezirks, in der sich wiederum – direkt und indirekt – die großen historischen Ereignisse widerspiegeln“, konstatiert Anderl zu Beginn des Buches. „Jüdisches Leben in Wien-Margareten“ ist ein ebenso dicht gewobenes Geschichts- wie Geschichtennetz, das allein ob der schieren Menge an Informationen und Querverweisen, biografischen Recherchen und transparent gebündelten bestehenden Forschungsergebnissen wohl rasch zu einem neuen Standardwerk der Autorin werden wird.
Angela Heide
 
Anderl, Gabriele - Jüdisches Leben in Wien-Margareten
Mandelbaum 2019. 480 S. - br. : € 24,00 (GE)
ISBN 978-3-85476-852-4

 

 

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