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Bücherschau

Lewis-Stempel, John - Im Wald

Mein Jahr im Cockshutt Wood
John Lewis-Stempel zählt zu den derzeit bekanntesten und beliebtesten englischen „Countryside“-Autoren. Lewis-Stempel, dessen Jahreschronik The Wood – so der Originaltitel des Anfang 2020 im DuMont Verlag auch auf Deutsch erschienen Bestellers – u. a. als Radio 4 „Book of the Week“ und Sunday Times-Top-five-Bestseller ausgezeichnet wurde, bezeichnet sich selbst ganz bewusst so: Er ist weder „Landschaftsautor“ noch „Naturdichter“, sondern eben beides zugleich – Farmer und Autor, hervorragender Historiker und erfahrener Landwirt. Und gerade diese ungewöhnliche Kombination macht auch die ganze Kunst und den unleugbaren Charme seiner zahlreichen Publikationen aus. Bereits mit seiner historischen Anthologie „Fatherhood“ fuhr Lewis-Stempel 2001 einen veritablen Leser*innen-Erfolg ein und versammelte darin über 40 Texte von Euripides, Shakespeare und Alexander Pope über Samuel Coleridge, Sigmund Freud und George Bernard Shaw bis zu Vladimir Nabokov, Bob Dylan und Homer Simpson zum Thema „Vaterschaft“. Es folgten rund 20 weitere Publikationen, die sich mit britischer Militärgeschichte, der Biografie von James Herriot („Der Doktor und das liebe Vieh“) und vor allem dem englischen Land-Leben befassen. 2012 erschien mit „Foraging“ („Futtersuche“) ein „unverzichtbarer Leitfaden für Wildfutter“, 2014 folgte „Meadowland“ („Weideland“), 2016 „The Running Hare“ („Der laufende Hase“) über das „geheime Leben des Farmlandes“ und 2017 „The Secret Life of the Owl“ („Das geheime Leben der Eule“). Mit „The Wood“ folgte nur ein Jahr später Lewis-Stempels sehr persönliche Aufzeichnung seines letzten Jahres im englischen Cockshutt Wood – „das sind anderthalb Hektar Mischwald mit einem versteckten Teich, in dem der Wintermond lebt“ –, dessen Areal im Südwesten von Herefordshire der Autor vier Jahre lang pachtete und bewirtschaftete. Schafe, Kühe und Schweine können sich hier ebenso frei bewegen wie Wildtiere – und das „Waldstück“ übt seine Faszination nicht nur für den erfahrenen schreibenden Landwirt aus, sondern auch für seine Leser*innenschaft.
Lewis-Stempel führte in seinem vierten und letzten Jahr in Cockshutt ein Tagebuch, das im Dezember beginnt und Ende November mit dem Abschied von Cockshutt und dem Umzug der Familie an das andere Ende der Midlands endet. „Vier Jahre habe ich diesen Wald bewirtschaftet, deshalb kannte ich ihn vom Ende seiner Buchenwurzel bis in die Wipfel seiner Eichen. Ich kenne die Tiere, die dort leben – den Fuchs, die Fasane, die Waldmäuse, den Waldkauz – und wusste, wo die schönsten Hasenglöckchen wuchsen“, verrät der Autor im Vorwort, um sich am Ende des Buches nur schwer davon zu verabschieden: „Ich berühre die Eichen, boxe den riesigen Mammutbaum freundschaftlich, werfe dem Teichhuhn einen Kuss zu … Mein Pachtvertrag für den Wald ist zu Ende. Vielleicht sehe ich ihn nie wieder. Wie werden die Bäume, die Vögel, der Fuchs, die Schmetterlinge ohne mich zurechtkommen? Ich habe das alles liebevoll vermerkt, Tag für Tag. Jeden Baum, jedes Buschwindröschen, Eulenküken, Fuchsjunge, jeden Käfer, jeden Pilz, jede Beere. Es ist nicht leicht, Lebewohl zu sagen.“ 
Lewis-Stempels literarische Jahreschronik „Der Wald“ ist derart dicht an Beobachtungen, Eindrücken, aber auch kulturhistorischen Verweisen, gesammelten Gedichten und sogar eigenen Rezepten, dass sie wie ein umfassendes Lexikon des Waldes wirkt, obwohl Der Wald keine 300 Seiten umfasst. Lewis-Stempel ist dabei kein detailverliebter Chronist, vielmehr schreibt er scheinbar lose auf, was ihm auf seinen täglichen Arbeitswegen begegnet, ob Bäume, Pflanzen, Wildtiere oder die von ihm betreuten Tierherden. „Die Schweine grunzen zu mir empor, als sie das Gatter passieren, eine Art Gruß, bevor sie sich auf das Sauenfutter im Trog stürzen“, führt er gleich im Dezember eine seiner Herden ein und leitet von hier, wie so oft im Buch, über zu weiteren Ausführungen über die Art, wie Schweine fressen, die Beschaffenheit ihrer nackten Haut und den Duft seines Lieblingsschweines „Lavender“.
Manchmal streift der Autor auch nur sanft an einer oft begangenen Stelle des Waldes vorbei, bleiben seine Beobachtung quasi stehen, ohne weiter verfolgt zu werden. Oft erläutert Lewis-Stempel aber auch im Detail, was ihm an einem Tag begegnet ist oder bewegt hat, ob es ein sterbendes Tier ist oder auch der Wandel des Waldes im Laufe der Monate. Offen gesteht er seine Vorliebe für manche Monate oder seine Angst um das Leben eines Tieres, dann wieder trifft er harte Entscheidungen über Leben und Tod, die wenig mit sentimentaler „Naturlyrik“ zu tun hat. „Das Schwerste beim Beobachten der Natur ist es, im Hier und Jetzt zu sein“, gesteht er an einer Stelle, und gerade diese „Im-Hier-und-Jetzt-Sein“ macht die Qualität und Lesefreude dieses Buches aus, selbst wenn die gesammelten historischen Quellen und literarischen Ausflüge deutlich machen, dass Stempel ein ebenso geübter Schreiber wie erfahrener Leser ist. 
„Der Wald“ ist – nach „Ein Stück Land“ („Meadowland“), 2017, und „Mein Jahr als Jäger und Sammler“ („The Wild Life“), ebenfalls 2019, das dritte Buch des Autors im DuMont Verlag. Es ist zu hoffen, dass auch die beiden neuesten Bücher des Autors – „The Glorious Life of the Oak“ und „Still Water: The Deep Life of the Pond“ – bald auch auf Deutsch erhältlich sind. Bis dahin ist „Der Wald“ ein wunderbarer und faszinierender literarischer Begleiter durch das Jahr, mit dem man gerne Wurzeln schlägt und von dem man auch als Leser*in nur schwer Abschied nimmt: „Auf dem Rückweg trifft mich die unerschütterliche Ruhe der Bäume, aber auch ihre Ortsgebundenheit; meine Beweglichkeit wird mir nie stärker bewusst, als wenn ich an einem Baum vorbeikomme. Ich lasse sie hinter mir. Nein, sie lassen mich hinter sich: Ein Baum kann tausend Jahre oder länger leben. Ich? Ein paar Jahrzehnte lang, wenn ich Glück habe und brav bin.“
Angela Heide
 
Lewis-Stempel, John - Im Wald
Mein Jahr im Cockshutt Wood. DuMont 2020. 284 S. - fest geb. : € 22,70 (NN)
ISBN 978-3-832181-24-6

 

 

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